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Roman

Lesen im Urlaub >>> Jonas Jonasson,
Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind



Bewertung:    



Jonas Jonassons dritter Roman Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind ist zwar schon im vergangenen Jahr erschienen, hält sich aber wacker auf den Bestsellerlisten, obwohl die Kritiken eher gemischt sind. Er ist kürzer als seine Vorgänger und konzentriert sich ohne die vielen Nebenstränge der beiden ersten Bücher auf die Geschichte seiner Protagonisten. Das ist ein Trio, das es in sich hat. Mörder Anders so und so. Der hat die meiste Zeit seines Lebens im Knast verbracht, weil er unter Einfluss von Rauschmitteln Morde begangen hat. Nun ist er teilweise geläutert, denn wenn er noch einen weiteren Mord absitzen müsste, käme er erst mit über 80 Jahren wieder aus dem Gefängnis. Da er aber ein Einkommen braucht, ist er professioneller Auftrags-Knochenbrecher geworden und ist sehr geschickt im Umgang mit dem Baseballschläger. Sein Hauptinteresse gilt allerdings dem Alkoholkonsum. Die Kaschemme, in der er wohnt, verfügt über einen Rezeptionisten namens Per Persson, einem völlig desillusionierten jungen Mann ohne Perspektive. Persson schleppt eines Tages eine verwahrloste Pfarrerin an, die von ihrer Gemeinde entlassen wurde. Diese hat nun eine zündende Geschäftsidee, die ein Einkommen für alle drei verspricht. Die Gottesfrau will das Knochenbrechergeschäft optimieren, indem sie und der Rezeptionist sich um die Verwaltung und Finanzen kümmern und Mörder Anders die Aufträge ausführt.

Das klappt eine Zeit lang ganz gut. Allen drei gemeinsam ist eine unschöne Kindheit, und sie geben ihren Vorfahren die Schuld an ihrem Dilemma, das zu einem Hass auf die ganze Welt geführt hat. So etwas vereint. Insbesondere die Pfarrerin, die aufgrund einer Familientradition Theologie studieren musste, verabscheut nicht nur ihren strengen Vater, sondern auch Gott und die Bibel dafür. Vielleicht ist es genau diese Ablehnung und der Hass, der Mörder Anders zunächst veranlasst, immer mehr über Gott, Jesus und diesen Spruch „Geben ist seliger denn nehmen“ hören zu wollen. Insbesondere die Verwandlung von Wasser in Wein fasziniert ihn. Die Pfarrerin macht aber alles nieder und staunt nicht schlecht, als urplötzlich Mörder Anders erleuchtet wird und fortan mit Jesus gehen will. Er hat aber einige Aufträge noch nicht ausgeführt, und das Geld können sie irgendwie schlecht zurückgeben. Wenn sie schon die halbe Unterwelt Stockholms gegen sich aufbringen, soll sich das auch lohnen. Sie verlangen Vorkasse für einige Mordaufträge und machen sich mit einem gestohlenen Wohnwagen aus dem Staub. Umständehalber mit dem hochgradigen Alkoholiker Mörder Anders und seinem Jesus im Gepäck. Dem frisch Erleuchteten gelingt es immer wieder, aus dem Wohnwagen auszubrechen und größere Summen Geldes an karikative Zwecke zu verteilen. Zusätzlich zur halben Stockholmer Unterwelt sind nun auch die Medien an ihm interessiert und jubeln ihn zum modernen Robin Hood hoch, der von den Reichen, eigentlich ja von Kriminellen, nimmt und es den Bedürftigen schenkt. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

*

Das Buch ist an die Tradition der Moritaten angelehnt, bei denen Bänkelsänger schaurige Geschichten vortrugen, die einem angenehmes gruseliges Schaudern verursachten. Bei Jonasson ist das eher lautes Lachen, wenn der zum Gutmenschen mutierte Mörder die verkrachte Pfarrerin fast zur Raserei bringt und das Trio in die skurrilsten Situationen manövriert. „Die Wege des Herrn sind unergründlich“, heißt es des öfteren und unwahrscheinlich und überraschend sind sie obendrein. Das kennen wir auch von Jonassons ersten Romanen Der Hundertjährige der aus einem Fenster stieg und verschwand und Die Analphabetin die rechnen konnte. Hier hatte Jonasson seine Protagonisten in Jahrzehnte der Welt- und Menschheitsgeschichte eingebettet. In Mörder Anders... beschränkt er sich auf die Familiengeschichten seiner Antihelden und die Geschichte des Protestantismus in Schweden, der ganz schöne Seitenhiebe abbekommt. Jonasson verliert dabei aber nie seinen Humor und schildert es von der menschlichen Seite. Seine unterliegenden Analysen sind aber sehr klar und fast hellsichtig. So nimmt er die rigiden und menschenfeindlichen Lehren der Kirche in früheren Jahrhunderten aber auch die heutige Verführbarkeit der Massen durch pseudo-religiöse Führer aufs Korn, doch immer so, dass es umwerfend komisch ist. Das Skurrile gilt selbst für eine ganze Reihe von Kriminellen, deren irdisches Leben vorzeitig beendet wird. Wohl bemerkt aber nicht von Mörder Anders, denn der geht ja jetzt mit Jesus, davon lässt er nicht ab.

Wie es dazu kommt, dass das Trio eine Freikirche gründet, was der Rezeptionist und die Pfarrerin hinter der Orgel suchen und vieles andere mehr, verraten wir nicht.

Wer die beiden ersten Bücher kennt, weiß, dass es vermutlich gut ausgehen wird, obwohl ein paar zu früh heimgegangene Kriminelle und ein Kirchenmann, der zur falschen Zeit am falschen Ort war, da anderer Meinung sein könnten. Nicht einmal das Finanzamt dürfte sich am Ende grämen, denn es weiß ja von nichts. Und bis zum nächsten Buch ist wohl wieder Gras über die Sache gewachsen. Ob Jesus den Ausgang der Geschichte mag, ist nicht überliefert, aber er ist ja friedliebender und vergebender Natur. Warum er sich ausgerechnet einen trunksüchtigen Mörder als Werkzeug ausgesucht hat, bleibt ein Mysterium.
Helga Fitzner - 21. August 2016
ID 9494
Jonas Jonasson | Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind
Geb., Pappband m. Schutzumschlag
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90
carl's books, 2015
ISBN 978-3-570-58562-7

Weitere Infos siehe auch: http://www.randomhouse.de/Buch/Moerder-Anders-und-seine-Freunde-nebst-dem-einen-oder-anderen-Feind/Jonas-Jonasson/carls-books/e492877.rhd


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