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Portrait | Buchkritik

CLAUDE

LÉVI-STRAUSS

Der Blick auf die Dinge



"Ich hätte mich gern einmal richtig mit einem Tier verständigt. Das ist ein unerreichtes Ziel. Es ist fast schmerzhaft für mich zu wissen, daß ich nie wirklich herausfinden kann, wie die Materie beschaffen ist oder die Struktur des Universums. Das hätte für mich bedeutet, mit einem Vogel sprechen zu können. Aber da ist die Grenze, die nicht überschritten werden kann. Diese Grenze zu überschreiten würde für mich das größte Glück bedeuten. Wenn sie mir eine gute Fee bringen würden, die mir einen Wunsch erfüllt, dann würde ich diesen nennen."


Es ist dieses Zitat [s.o.], das mein Interesse weckt: Hinter die Dinge schauen und neue Wege gehen, um Antworten zu erhalten, die wiederum neu und anders und vielleicht unerwartet sind.

Das Zitat ist der über 1.000 Seiten umfassenden Biographie [Lévi-Strauss von Emmanuelle Loyer] vorangestellt und entstammt einem Gespräch, das Fritz J. Raddatz 1983 für Die Zeit mit Claude Lévi-Strauss führte. Es symbolisiert die wissenschaftliche Herangehensweise des französischen Intellektuellen, Philosophen, Ethnologen und Strukturalisten, und es dürften sich noch etliche Begriffe finden, die diesen phänomenalen Mann beschreiben. Claude Lévi-Strauss ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich, und er lässt sich nur schwer in Schubladen einordnen und mit dem gleichnamigen Jeanslabel hat er wirklich keinerlei Verbindung.

Zunächst gilt er als Linker, ist jedoch von den Umwälzungen Ende der 1960er Jahre kaum beeindruckt und steht diesen sogar eher kritisch gegenüber. Er enttäuscht seine politischen Anhänger, als er in den Siebzigern in die Academie Francaise eintritt, ein Nicht-Konservativer unter Konservativen, dem eine solche Kritik an seiner Person wenig bedeutet.


*


Wer ist dieser Claude Levi-Strauss, der sein Leben klar und deutlich beschreitet, der ungeachtet von Unverständnis seine Schule des Strukturalismus gründet und seine Sicht auf die Dinge immer wieder neu schärft?

1908 in Brüssel als Kind jüdischer Eltern geboren, verbringt er eine wohlbehütete Kindheit in Paris. Sein Vater ist der Maler Raymond Lévi-Strauss, sein Urgroßvater der Komponist und Dirigent Isaac Strauss. Ihm liegt die Kunst im Blut, doch eher aus der Sicht des Betrachters und weniger als dessen, der sie konkret umsetzt. So ist es sein unvoreingenommener Blick auf Kunst- und Gebrauchsgegenstände, der ihn später zur Analyse von völkerkundlichen Zusammenhängen bringt und die Strukturen dahinter erblicken lässt: Lévi-Strauss der Mitbegründer der Ethnologie.

Er reist nach Brasilien, u.a. zu den Nambikwara, die bisher kaum Kontakt zur Zivilisation hatten. Er vergleicht Bräuche, Regeln, die zur Wahl der Brautleute bei Ehestiftungen führen. Es werden immer mehr Völker, die er betrachtet, er vergleicht Alltägliches wie etwa Essensbräuche, die später in Werken wie Das Rohe und das Gekochte von ihm niedergeschrieben werden, aber auch Kleidung und Kunstgegenstände wie Masken, Totempfähle usw. Am Ende sind es gut siebzig Populationen, die Lévi-Strauss analysiert und vergleicht. Unterstützt wird dies von seiner riesigen Bibliothek, Bücher, die er in seinem hundertjährigen Leben zusammenträgt. Die Bücher machen ihm tausende von Fakten zugänglich. Sein Arbeitseinsatz ist enorm. Seine streng geregelten Tagesabläufe lassen ihm keine Zeit für Langeweile, die er doch so stark fürchtet. Er arbeitet und denkt, er denkt und arbeitet.

Lévi-Strauss ist der Erfolg nicht auf den Leib geschrieben. Sein Manuskript über die Traurigen Tropen wird zurückgewiesen, seine französischen Kollegen behindern seine wissenschaftliche Karriere. Obwohl er unter diesen Demütigungen leidet, geht er unbeirrt seinen Weg. Später finden die Traurige Tropen die Resonanz, die er sich wünscht. Die Schrift wird in Intelektuellenkreisen und in wichtigen Zeitschriften an prominenter Stelle diskutiert. Lévi-Strauss weckt Interesse, er hat seine Gegner, Befürworter und seine Fangemeinde, die mit den Jahren stetig wächst. Am Ende seines langen Lebens ist er einer der prominentesten Denker Frankreichs, hat Bewunderer an europäischen, wie amerikanischen und japanischen Universitäten.


*


Sein Privatleben wird zwar in dieser Biographie beschreiben, doch seine drei Ehen und seine zwei Söhne dienen der Ergänzung und Erklärung, nicht der voyeuristischen Unterhaltung. Das Buch ist Sachbuch, mit seinen vielen sauber recherchierten Zitaten eignet es sich als profundes Nachschlagewerk für die Wissenschaftler. Im Anhang finden sich ein siebzehn Seiten umfassendes Personenregister, das Werksverzeichnis, ein Register über die genannten Populationen, sowie das Abbildungsverzeichnis der beiden Fototeile, die das Buch mit schwarz-weiß Bildern illustrieren.

Diese neue Biographie von Claude Lévi-Strauss ist für den Leser, die Leserin eine Herausforderung, liefert jedoch eine Fülle beeindruckender Informationen und Einschätzungen. In der Danksagung von Emmanuele Loyer erfahren wir Einiges über die jahrelange akribische Arbeit, die die französische Professorin für Zeitgeschichte diesem Buch vorausgeschickt hat. Und so liefert die Autorin selbst einen nahezu allumfassenden Blick auf den Mann, der wiederum mit seinem Blick auf die Dinge das Entstehen der Welt zu erklären versuchte.
Ellen Norten - 13. Oktober 2017
ID 10313
Emmanuelle Loyer | Lévi-Strauss
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer

Geb., 1.088 S.
58,00 € (D) | 59,70 € (A) | 77,90 sFr (CH)
Suhrkamp Verlag, 2017
ISBN 978-3-518-42770-5

Bewertung:    


Buch-Link: http://www.suhrkamp.de/buecher/levi-strauss-emmanuelle_loyer_42770.html


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