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Essay

So liberal

wie links?



Bewertung:    



Dieses Buch ist ein Kloß im Hals des Rezensenten. Man könnte sich daran verschlucken. Fast erhofft man es sich. Wer sich ungefähr dem linken Lager zurechnet, den ereilen tatsächlich Zweifel. Rainer Hanks These, bündig gesagt, läuft auf den Slogan hinaus, die wahre Linke sei "liberal". Zugegeben: In vielen Ländern ist Liberalität nahezu ein Synonym für linkes Denken. Nur hierzulande scheint es eine Frontstellung zu geben, die nicht nur mit der überaus unattraktiven namensgleichen Partei zu tun hat. Mangelnde Attraktivität ist das eine; das Andere aber ist die ausgemachte Frechheit, Liberalität in der öffentlichen Wahrnehmung jahrzehntelange auf das Ökonomische zu reduzieren. Dennoch: Bei aller wortgewaltigen Verführungskraft dieses Autors, der man an manche Stellen fast erliegen mag: Im Grunde und bei Lichte betrachtet, argumentiert auch Hank vorwiegend ökonomisch. Und das ist schade, denn damit wird neuerlich die Chance vergeben, eine frische Interpretation des Politischen zu liefern. Ungenau gesprochen lautet die Intuition: Ein freiheitlicher Individualismus, der an sich eine zutiefst humane und attraktive Idee darstellt, ist selbstverständlich mit einem ausgeprägten (sprich: kultivierten) Sinn für den Anderen und das Gemeinwohl verträglich. Selbstredend setzt dies ein ausgewogenes Verhältnis zwischen staatlichen Eingriffen und individuellen Geltungsspielräumen voraus. Wer diese Symbiose aus linkem und liberalem Denken nicht versteht, der sei verwiesen etwa auf die Juli Zeh, die ein solches Verständnis von Liberalität auf brillante Weise verteidigt.

Die politische Kultur hierzulande leidet notorisch unter Fantasiemangel. Typisch vor allem ist der intrikate Hang zur Kleinkariertheit, der einem Lagerdenken Vorschub leistet, das als peinliches Rudiment des 19. Jahrhunderts konserviert wurde. Betrachtet man die Gemengelage aus einer etwas "philosophischeren" Haltung heraus, vergeht einem allzu leicht die Lust am Diskurs. Wer beim Versuch, die Dinge grundsätzlicher zu betrachten, nicht eben als "Intellektueller" (nach wie vor eines der beliebten Schimpfwörter der Deutschen quer durch alle Milieus - denn was könnte schlimmer sein als das Intellektuelle?) verunglimpft wird, dem blühen Totschlagargumente von jeder Seite und Couleur: An irgendeinem Reizwort entzünden sich dann die Geister, und der Diskurs schwappt ins Aggressive. Das gilt für Vertreter aller politischen Parteien. Damit aber wird jede Bemühung vorurteilsfrei über die Lage nachzudenken, von vornherein desavouiert. Es dauert zumeist nicht lange, und man wird - je nachdem, welche Assoziationen eine Vokabel, die man verwendet hat, zulässt - zum "Konservativen" oder "Linken" oder "Neoliberalen". Dass auch so etwas wie das Anrecht auf freie Meinungs-Findung in die Waagschale zu werfen wäre - und nicht nur das Recht auf freie Meinungs-äußerung - das wird hierzulande allzu schnell vergessen.

Besondere Konjunktur hat - das ist offensichtlich, auch wenn die Vertreter dieser Seite hartnäckig abwinken und auf ihre eschatologische To-Do-Liste verweisen - die Linke. Linkes Denken in einem weiten Sinne ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Natürlich bedeutet das nicht, dass alle Erfordernisse an eine gerechte Gesellschaft erfüllt wären! Doch sollte man nicht leugnen, dass wichtige Themen der politischen Linken längst zum politischen Allgemeingut wurden. Es wäre angemessen zu behaupten, dass man in gewissen gesellschaftlichen Milieus und Foren statistisch betrachtet eine höhere Sympathie-Quote generiert, wenn man sich selbst als "links" statt als "konservativ" oder "liberal" bezeichnet. Die These eines "linken Mainstream" der deutschen Öffentlichkeit ist kein Mythos, sondern schlichte Realität. Ebenso wie andererseits eine zunehmend rechte Gesinnung, die sich zumeist nicht publizistisch oder literarisch äußert.

Um diese Fragen soll es hier nicht weiter gehen, auch wenn sie nicht ganz unwichtig sind, um die potentielle Leserschaft von Rainer Hanks sehr lesenswertem Buch Links, wo das Herz schlägt im Auge zu behalten. Hank, der die Wirtschaftsredaktion der F.A.Z. leitet, argumentiert auf eine gewinnende, zumeist affektive Weise für den Neoliberalismus. Gerade weil es von linker Seite relativ einfach wäre, einige von Hanks Überlegungen rational zu torpedieren, fällt der Gewinn der Lektüre um so mehr ins Gewicht: Es gibt, so scheint uns Hank sagen zu wollen, durchaus einen emotionalen Weg in den Liberalismus. Wir erinnern uns: Es war der Liberalismus, der, aus dem Geist der Aufklärung geboren, stets die Vernunftseite der Menschennatur betonte - konträr zum linken Lager, das seit jeher an das "Herz" als Sitz des Mitgefühls und damit des gefühlten Ausgleichs zwischen den Klassen appellierte.

"Liberale Skepsis formuliert ein Programm der Selbstentmachtung der öffentlichen Mandarine. Und das hat etwas Kränkendes und zugleich etwas Befreiendes." Das ist sympathisch, macht es doch deutlich, dass der liberale Grundton immer auch eine Irritation gegen die Macht impliziert. Die Individuen sollen besser werden, nicht der anonyme Staat, auf den die Linken ja stets bauen. Andererseits ist offenkundig, dass der Staat den Bürgern immer auch die Möglichkeit eröffnet, am Gemeinwesen mitzugestalten. Gut, dass es, jedenfalls in der Theorie, diese positive Interpretation gibt. In der Praxis davon zu sprechen, dass die Vertreter des Staates stets dem allgemeinen Gestaltungswillen der Bürger adäquaten Ausdruck verleihen würden, scheint doch arg übertrieben. Zu fragen ist aber vor allem, wie die Digitalisierung diese Debatte verändern wird. Die Versuche der großen börsennotierten Unternehmen wie Google und Amazon, einen radikal deregulierten Markt zu schaffen und die damit bereits stattfindende überwiegende Machtlosigkeit des Politischen, ist (egal wes Geistes Kind sie sind) Wasser auf die Mühlen der Linken. Sagen wir so: Auch dumme Hunde müssen sich ja nicht notwendigerweise irren, wenn sie nachts Stimmen hören und bellen.

Interessant wäre, jenseits der Dichotomie von "links" und "liberal", auch über Hank hinausgehend, die Idee ihrer substantiellen Vereinbarkeit zu erörtern. In einem defensiven, sehr spezifischen Sinn könnte sich Hank selbst so verstehen. Jedenfalls ist es irritierend, dass beide Lager ausschließlich als Alternativen betrachtet werden. Demgegenüber könnte man, wie dies etwa in angelsächsischen Ländern häufig der Fall ist, durchaus die Ansicht vertreten, dass Links in einem weiten Sinne "liberal" bedeutet oder jedenfalls damit kompatibel ist und umgekehrt Liberalität stets auch "linkes" Denken impliziert.

Wie könnte dies genauerhin aussehen? Während Hank in ansprechender und kluger Weise seinen Weg vom Linken zum Neo-Liberalen schildert oder besser: nach-erzählt (und damit durchaus auch den Leser zu begeistern weiß, dessen Heimat im linken Lager liegt), wird rasch deutlich, dass die ideologische Fixierung auf eine Richtung albern und politisch impotent ist. Hank interpretiert Liberalität zwar im Sinne des freien Marktes, bekennt sich damit aber zweifellos auch zur Idee des "sozialen" Marktes.

Nun kann man natürlich sagen, es komme in der Politik zumeist auf die Details an, also auf die konkreten Themenfelder und politischen Aufgabenstellungen. Doch seien wir ehrlich: Wer würde ernsthaft behaupten, dass die Beantwortung jeder konkreten politischen Fragestellung eo ipso, aus sich heraus, in jedem denkbaren Fall eine Antwort präjudiziert, die zweifelsfrei einem spezifischen politischen Lager zuzuordnen ist? Es wäre ein Wahnsinn, dies zu behaupten und insofern sind wohl alle politischen Akteure längst in der realpolitischen Wirklichkeit angekommen. Das gilt insbesondere für die politische Richtung der Grünen, die mehr als andere in den vergangenen Jahren die Chance verspielt hat, jenseits der alten Schemata linke und liberale Anschauungen zu einer fruchtbaren Osmose zu bringen. Es verwundert nicht, dass die Lagerparteien, also die Christdemokraten auf der einen Seite, die Sozialdemokraten und Sozialisten auf der anderen Seite des politischen Spektrums, mit dieser zukunftsweisenden Öffnung ihre Schwierigkeiten haben - auch wenn man daran erinnern sollte, dass es eine stattliche Reihe sozialdemokratischer Politiker gab, die durchaus mit gleichem Recht als Liberale bezeichnet werden konnten. Was aber die Grünen betrifft, so bleibt trocken zu konstatieren: Die Zusammenführung von individueller Freiheitlichkeit und sozialem Engagement erwächst jedenfalls nicht aus jenem kleinkariertem Moralismus, der schon seit den Anfängen ein Markenzeichen der Vertreter dieser Partei war. Was für eine Verschwendung! Eine wahre Freiheitlichkeit akzeptiert den Menschen, wie er ist, will ihn nicht um den Preis des Gottesstandpunktes, einer absoluten Wahrheit, verbessern, sondern lässt dem Individuum die Möglichkeit, den eigenen Freiraum selbstständig zu gestalten. Liberalität in diesem Sinn bedeutet auch, Regulierungen fast als Kalamitäten des Zusammenlebens zu betrachten oder einfach als notwendige Übel auf jenem Weg, möglichst viele individuelle Lebensformen zu schützen und zu pflegen. Die politische Linke hierzulande, mit ihrem ausgeprägten Hordensinn und ihrer unrühmlichen Tendenz, Individualität stets als unkontrollierbare Gefahr zu betrachten, hat auf diesem Wege noch das Allermeiste zu lernen.

Dennoch bleibt genügend Raum für eine tendenzielle Identifikation: Linksliberal wäre die Verbindung zweier kompatibler Vorstellungen: die der generellen Gerechtigkeit und der Freiheit des Einzelnen. Genau genommen entzündet sich das Problem doch zumeist, grob gesprochen, an der Frage des individuellen Gerechtigkeitsempfindens. Wenn das Gerechtigkeits-Gefühl meutert, beginnt der Diskurs der Versorgungsempathie, der nicht immer zielführend ist. Gefühle können täuschen, konstatierte schon Brecht. Genau genommen aber finden beide Begriffe, Gerechtigkeit und Freiheit, lediglich als emotionale Verstehensräume ihre Bedeutsamkeit in der politischen Praxis. So kann man, grob gesagt, eine negative und eine positive Freiheit unterscheiden: jene regelt die Grenzen, diese gestaltet den individuellen Freiraum - letzteres kann kein Staat übernehmen, sonst geriete er zur Diktatur. Was indessen die Gerechtigkeit anlangt, kann, grob gesagt, Fairness von Gleichheit unterschieden werden. Letztere immunisiert gelegentlich unseren Instinkt fürs Faire, Regelkonforme - zumeist dann, wenn wir selbst betroffen sind von singulärer Ungleichheit. Auf die Einhaltung der Spielregeln achten - für alle und jeden - ist nur dann machbar und ein lohnenswertes "linkes" Bemühen, wenn gleichzeitig klar ist, dass diese Spielregeln stets und prinzipiell auf die Urteilsfähigkeit und die praktische Vernunft der Individuen angewiesen bleiben. Gesetze als Leitplanken, Individuen als deren selbstbestimmte Ausleger. So einen Staat zu denken - das ist, von hier aus betrachtet, unglücklicherweise noch wilde Utopie.

Rainer Hanks Buch geht in dieser Debatte seinen eigenen Weg. Zu welchem Resultat er kommt, dem neoliberalen Weg, wird rasch deutlich. Auch Hank scheint Liberalität am Ende, freilich philosophisch ins Grundsätzliche gewendet und dadurch verträglicher in der Anmutung, "ökonomisch" zu deuten. Das ist grundsätzlich nachvollziehbar, wenn man den "Preis" und die Selbstregulation des Marktes als quasi transzendentales Schema der humanitärer Interaktion interpretiert. Wenn Marx den arbeitenden Menschen als Produzent in den Mittelpunkt seiner Erörterungen rückte, so der Neo-Liberale den Handel treibenden Menschen. Beides ist so definitiv im Recht, dass eine Frontstellung albern ist. Eine zeitgenössische Philosophie müsste beides in Geschehensräumen zusammendenken, wobei ein materialistischer oder kapitalistischer Ansatz zweifellos überholt ist.

Dennoch bleibt die Frage bestehen: Ruinieren wir nicht die Freiheit durch die Matrizen der Werbungs- und Konsumgüterindustrie? Hanks Entgegnung ist zwar im Recht und nachvollziehbar, doch die Debatte beendet sie nicht. Wenn etwa Kinder, deren Fähigkeit zur reflexiven Selbstbestimmung nicht voll ausgereift ist, mit den Produkten der Werbung konfrontiert und hierdurch nachhaltig manipuliert werden, dann ist Hanks Argument nicht stimmig, wonach der Linke einen Kampf mit Windmühlen führe, wenn er deren Verführungsmacht anklage, da die Genealogie des Willens stets von Angeboten abhängig sei. Überflüssig zu erwähnen, dass Kontexte auf unterschiedliche Weise wahrgenommen werden und eben diese unterschiedlichen Auffassungsweisen verantwortlich sind für unser Bild der Realität und nicht die rationale, standpunktunabhängige Auffassung derselben. Diesen Unterschied in die Debatte zu transportieren, bedeutet aber mitnichten, Eulen nach Athen zu tragen oder gar eine olympische Perspektive zu beziehen: Wir wissen, dass gewisse Bilder in der Kindesentwicklung schädliche Wirkungen zeitigen können. Das ist kein Gottesstandpunkt, sondern das Ergebnis wissenschaftlicher Forschung.

Hanks Verdienst indessen liegt in der Unbefangenheit des Autors. Man mag seine Schlussfolgerungen nicht teilen, doch lohnt es allemal, den Blick durch Hanks Brille zu wagen - und sei es nur, um die eigene politische Weltanschauung einer Inventur zu unterziehen. Hank schreibt dazu: "'Dies ist mein Notizbuch, dies ist meine Zeltbahn, dies ist mein Handtuch, dies ist mein Zwirn', heißt es am Ende von Günter Eichs Gedicht Inventur. Es geht um Aneignung einer Geschichte als die meine. Die Hoffnung ist, dass diese Erfahrung zu parallelen Aneignungsprozessen anregt."
Jo Balle - 15. April 2015
ID 8572
Rainer Hank | Links, wo das Herz schlägt
Geb. m. Schutzumschlag
256 S.; 13,5 x 21,5 cm
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,50
Knaus Verlag, 2015
ISBN 978-3-8135-0656-3


Weitere Infos siehe auch: http://www.randomhouse.de/Buch/Links-wo-das-Herz-schlaegt-Inventur-einer-politischen-Idee/Rainer-Hank/e468359.rhd


Post an Dr. Johannes Balle



 

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