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Essay

Die Mysterien

der polnischen Poesie

Interessante Aufschlüsse über Lyrik heute, nicht nur in Polen

Es ist dieser Ton. Man erkennt ihn sofort. Willst du ihn erklären, fehlen dir die Worte. Bisweilen ist es ein zarter Laut. Dann wieder voller Kraft. Er ist verspielt und intelligent. Manchmal sentimental, dann wieder nüchtern und zynisch. Eine verstörende Atmosphäre. Als hielte man sich in einem Zwischenraum auf. Etwas, das an Rilkes „Offengelegtsein“ des Mysterium erinnert. Ein Geheimnis, das man nicht verstecken kann, weil es offen zu Tage liegt wie die Liebe: Indem es sich öffnet, verschließt es sich.

Manchmal ist einem so, als hätte der liebe Gott die polnische Sprache erfunden, damit Poesie daraus wird. Man kann sich der Faszination dieser Lyrik nicht entziehen. Von Generation zu Generation beschenkt dieses Land die Welt mit herausragenden Poeten, die nicht zuletzt immer auch handwerkliche Könner sind. Aber jenseits ihrer Technik ist es diese besondere Sprachluft, die den Leser in Beschlag nimmt und nicht mehr loslässt.

Im vergangenen Jahr bereicherten zwei herausragende Publikationen den deutschen Lyrikmarkt: Schreibheft 84. Zeitschrift für Literatur, herausgegeben von Nobert Wehr sowie Polnisch Poetisch, herausgegeben von Marcin Piekoszewski, Lisa Palmes, Lothar Quinkenstein und Ester Kinsky. Beide Bände sind literarische Juwelen, sie gewähren faszinierende Einblicke in die literarische Situation in unserem Nachbarland. Polen ist, was die Poesie betrifft, zweifellos wieder einmal das Herz Europas.

* *

Die allermeisten dieser Autoren sind nach der sogenannten Wende in Erscheinung getreten. Nehmen wir Dariusz Sośnicki. Sein Gedichtband Ikarus zeichnet sich durch diese besondere umgangssprachliche Diktion aus. In seinem Gedicht Gründonnerstag heißt es: „In der Bude der Chauffeure hat man die Gardinen abgenommen,/ und sogleich war es still. Wie im verseuchten Bienenstock/ haben die Drohnen die Filterzigaretten hervorgeholt,/ über einen Apparat gebeugt inhaliert die Königin Sauerstoff.“

In diesen hermetischen Zeilen installiert der Dichter alltägliche Gegenstände, um sie in eine neue Ordnung zu fügen. Aber es ist nicht nur das Arrangement des Sprachmaterials, das hier thematisch wird, sondern ein Ausgriff auf eine fremde Wirklichkeit, die sich dem Dichter in dem Maße offenbart, wie sie sich den Sinnen entzieht. Wie in vielen Gedichten nicht nur dieses Dichters mag man in der polnischen Lyrik dieser Tage den abenteuerlichen Versuch erkennen, epiphanische Erlebnisse in einem zeitgemäßem Tonfall wiederzugeben.





Auf ganz andere Weise findet sich bei Jacek Gutorow diese unbestimmte, fast möchte man sagen: anti-metaphysische Form des Realismus wieder, die zu einer besonderen Lektüre beiträgt. Einerseits spricht Leichtigkeit aus Gutorows Gedichten. Aber es ist eine Leichtigkeit, die gepaart ist mit Melancholie und Trauer. In dem Gedicht Der Dritte heißt es: "Zwei Augen/ starren dich an aus dem Abgrund eines Schachtes, des Waldes/ irgendwo in den Gängen zwischen den Bäumen/ im schwarzen Pelz des Buchenwaldes./ Und nur dieser Schrei im Kern der Dinge,/ irgendwo im Schilf, unter der Wasseroberfläche,/ dort, wo sich Klauen in den Körper schlagen, den du im Lauf nicht abschütteln kannst,/ mit dem du plötzlich endgültig verwächst.“

Auch wenn sich Gutorows Sprache von Dariusz Sośnickis stark unterscheidet, so eint beide Lyriker doch eine unprätentiöse Annäherung an das Mysterium. Das mag zu Beginn des 21. Jahrhunderts atavistisch klingen. Um so erstaunlicher, dass diese Dichter eine im besten Sinne „ohrenbetäubende“ Sprache für das finden, was im vergangenen Jahrhundert zunehmend aus dem Blick der Lyrik geriet: die verkommene und lodernde und erregende und fallsüchtige Transzendenz der Realität. Um diese Motivlage zu erklären, muss man kurz ausholen.

Die polnische Sprachkrise im Laufe der 1980er Jahre, geboren aus der Spannung zwischen öffentlicher Propaganda und privater Oppostion, bildet auch heute noch den Nährboden der polnischen Lyrik. Auf der Suche nach einer neuen Sprache orientierten sich die polnischen Autoren jener Jahre zunächst an der amerikanischen Literatur, insbesondere an der New Yorker Schule: John Ashbury, Allen Ginsberg, Frank O` Hara, Wallace Stevens oder Charles Reznikoff, um nur ganz wenige Namen zu nennen. Paradoxerweise entwickelte sich gerade aus der Begegnung mit dieser sehr nüchternen metropolischen Lyrik eine neue, contra-metaphysisch indizierte Sicht auf die sogenannte Wirklichkeit. Die polnischen Autoren lehnten die damalige deutsche Lyrik mit ihrer metaphysischen Schlagseite ab, doch in der Folgezeit entwickelten sie eine Synthese zwischen der amerikanischen Diesseitigkeit und der Transzendenz der deutschen Lyrik. Das Ergebnis dieses Prozesses zeigt sich auf unnachahmliche Weise in den Erzeugnissen der nachfolgenden Generationen, so dass man geneigt ist zu sagen: Die polnische Lyrik dieser Tage bildet so etwas wie die Avantgarde der internationalen Lyrik. In keiner Sprache wird derzeitig so ergiebig und zeitgemäß gedichtet, ohne dabei die poetischen Tradition und Motivlage zu verleugnen.

„Polnischkeit“ - eine wunderbares Wort von Esther Kinsky, das den speziellen melancholisch-sehnsüchtigen Eigensinn der Polen und ihrer Poesie treffend beschreibt und das die Kinsky heute als „zu überwindende Hinterlassenschaft“ begreift. Diese großartige Schriftstellerin beschreibt diese Tendenz so: „Ich sehe hier eine Rückkehr zum Bild, zur Melodie, zum Rhythmus. Diese Autorinnen und Autoren schöpfen natürlich aus der Tradition, aber nicht mehr unter dem Hauptvorzeichen der Polnischkeit.“ Dariusz Sośnicki, Jacek Gutorow, Magda Podgórnik, Adam Wiedemann, Katarzyna Fetlińska und Jakobe Mansztajn etwa stehen in dem wunderbaren Band Polnisch Poetisch paradigmatisch für diesen neuen Geist. Bei Gutorow klingt das so: „Auch ich habe nur zwei Zeiten:/ Die Erinnerungszeit und die Sehnsuchtszeit.// Die Erinnerungszeit: So vieles ist vergangen./ Die Sehnsuchtszeit: So vieles wird nicht geschehen.“

Vielleicht hat die polnische Lyrik heute von Sośnicki mehr als von anderen Lyrikern gelernt, dass es nicht um einen melancholischen Verlust geht – das typische Motiv der polnischen Lyrik - , sondern um den Zugewinn, das Neue, das es zu benennen und poetisch kraftvoll auszugestalten gilt. Dies wird auch bei Adam Wiedemann deutlich, der sehr von Miron Białoszewski beeinflusst ist und das Banale in immer neuen launigen Assoziationen und Bildern so poetisiert, dass man sich staunend in jenem Zwischenraum wiederfindet, der dem Leser einen neuen Blick auf die Existenz ermöglicht.

Die Synthese aus lapidarer Diesseitigkeit und hermetischer Jenseitigkeit, aus Wehmut und Lebensbejahung, jenseits einer falschen Erhabenheit, in einer anregenden Sprache entwickelt, die das Rätsel der Existenz nicht verniedlicht oder zynisch subtrahiert - dies ist ein Verdienst von Agnieska Wolny-Hamkalos ganz bemerkenswertem Gedicht śnieg (dt.: Schnee): „Deine roten Wangen,/ als hättest du dich satt an Weißdorn gegessen (...) wenn wir durch den Dezember gehn,/ und Schnee wächst uns wie Gummibärchen im Mund./ Das ist ein anständiger Anfang. Klares Wissen/ zum Thema des unbekannten Erdteils und seiner Art,/ begehrenswert, extra./ Im Moment schicken wir uns wärmende Funken. Obwohl: Man kann dich fürchten: denn was wirst du mir antun,/ wenn du mich fängst und wer wird sich dir widersetzen?/Der Schnee ist Aspartam, wenn du mich reibst/ bis die Lichter kauern und die Welt kopfsteht./ Glaub nicht, ich habe nichts darüber geschrieben/ nach diesem Mittwoch, der explodierte, als/ wir fast nicht im Bett gelandet sind,/ und bestimmt: Wir haben uns mit Schnee vollgestopft/ und der Mond – dieser verheulte Affe – / hat uns einfach verpfiffen, doch die Stadt/ schwebte in einer Ferne wie eine/ weiß gekachelte Hütte. Du, treib es nicht auf die Spitze./ Ich bin auf freiem Feld. Deine Finger-/ kuppen begeisterten mich,/ wie der Psalm sagt. Willst du wissen/ welcher – küss mich.“





Welche Idee von Literatur mit diesen Neuerungen einhergeht, das wird auch bei Darek Foks deutlich, dessen Texte in Schreibheft 84 zu bewundern sind und denen ein interessantes Interview mit Agnieska Wolny-Hamkalo nachgestellt wurde. Foks' Gedichte sind nicht immer leicht zu verstehen, und er selbst erläutert diesen Aspekt auf eine durchaus erfrischende Weise. Auf die Frage, was ein junger Mensch tun solle, der Schwierigkeiten mit diesen voraussetzungsreichen Gedichte habe, antwortet er: „Ich berufe mich so umfassend und penetrant - wofür ich mich gar nicht entschuldige – auf kluge Menschen, weil ich in der Tat der Meinung bin, dass die Beschreibung der Welt schon geschehen ist und durch Wiederholung nur verankert wird. Wenn wir hier die Gelegenheit haben, eine Reklamefläche zu füllen, die wundersamerweise noch nicht verkauft worden ist, dann sollten wir das auf sinnvolle Weise tun, auch wenn das Lärmen eines zeichen- und spaltenzählenden Redakteurs uns beim Denken etwas stört. Ein junger Mensch sollte zuallererst die Bibel und Das Kapital lesen und versuchen,sich etwas davon einzuprägen.“

*

Dass aktuelle Lyrik kein sentimentaler Selbstausdruck ist, keine private Offenbarung oder assoziative Denksportaufgabe einer eingeweihten Elite – dies alles und viel mehr kann man mit Lust und Verstand bei der Lektüre der aktuellen polnischen Dichter lernen. Eine Lektüre, die auch die deutsche Lyrik unserer Tage bereichern könnte.
Jo Balle - 19. Januar 2016
ID 9085
Polnisch Poetisch
12,5 x 19,2 cm
188 Seiten
10 EUR (zzgl. Versandkosten)
Verlag Gruppe Buchbund, 2015
ISBN 978-3-00-048086-7
http://buchbund.de/polnisch-poetisch-2/

Schreibheft 84
Zeitschrift für Literatur

Hrsg. von Norbert Wehr
Rigodon Verlag Essen, 2015
http://www.schreibheft.de/archiv/schreibheft-84/


Post an Dr. Johannes Balle



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