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Essay

So wichtig

wie gefährlich


Über Elisabeth Wehlings Sachbuch POLITISCHES FRAMING



"How rich do we need the rich to be?" - Wie klingt dieser Satz in Ihren Ohren? Es ist der Satz, mit dem Paul Krugman seine Januar-Kolumne in der New York Times beginnt; ins Deutsche lässt er sich mehr schlecht als recht übersetzen mit: 'Wie reich sollen unsere Reichen sein?' 

Kommt Ihnen der Satz idealistisch, fürsorglich und barmherzig vor, als wäre er ein direktes Zitat aus dem Munde Robin Hoods? Steckt hinter der Fragestellung eine berechtigte Forderung? Oder gilt für Sie in exemplarischer Weise, was Wittgenstein als das Hauptanliegen der Philosophie festgehalten hat: "Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen." Ist Krugmans Satz anmaßend oder gar... böse?

Wie schnell klar wird, wenn man Krugmans Satz ein wenig verändert, versteckt sich hinter der Formulierung "How rich do we need the rich to be?" eine Menge an Prämissen, Urteilen, Vorurteilen, Bewertungen, ja: ganze Weltbilder sind hier nur notdürftig verborgen. Wer beispielsweise fragte "How healthy do we need the healthy to be?" oder "Wie gebildet müssen unsere Gebildeten sein?", wird im besten Fall Kopfschütteln und verständnisloses Lächeln ernten. Er würde implizit eine Berechtigung postulieren, die wir als ungerecht und unmoralisch verwerfen würden. Wer sollte das Recht und die Macht haben, über die Gesundheit oder den Bildungsgrad eines Menschen zu entscheiden? Nicht dem König, nicht dem Papst, nicht dem Großen Vorsitzenden, nicht dem Präsidenten, nicht einmal der Mehrheit wollen wir heutzutage, nach einem Vierteljahrtausend Aufklärung, zugestehen, was früher vielleicht selbstverständlich gewesen wäre. Das Individuum in seinem Eigenwert ist uns, in der Tradition von John Locke und Immanuel Kant stehend, sakrosankt, und diese Unantastbarkeit der Würde des Menschen ist es, die als notwendige Bedingung für Fortschritt, Wohlstand und die Möglichkeit persönlichen Glücks gelten darf.

Hinter Krugmans Frage nun aber schaut listig die Unterstellung hervor, es gäbe gewisse Menschen, denen man eine solche Würde absprechen könnte. Sie müssen nur genug Geld besitzen, dass wir - zum Wohle der Allgemeinheit, versteht sich - in ihre persönlichen Rechte eingreifen dürfen. Wer fragt, wie reich die Reichen zu sein brauchen (also wann und wie viel man ihnen wegnehmen sollte), sagt auch, dass ab einer gewissen Höhe an persönlichem Besitz die Freiheit des Individuums eingeschränkt werden muss.

Eine Medizinerin, die nach dem Höchstmaß für Gesundheit pro Patient fragte, ein Bildungsforscher, der das individuell zugeteilte Maximum für Bildung bestimmen wollte, sie würden ausgelacht oder für verrückt gehalten werden. In den Wirtschaftswissenschaften aber kann man es mit einer solchen Logik zum Nobelpreis bringen. 

Krugmans Frage ist umrahmt von äußerst prekären Annahmen, die, weil unausgesprochen und unbewusst, ihre geheimnisvolle Macht über die Leser entfalten. Wer ist das 'Wir' in Krugmans Frage? Die Experten? Die Mehrheit? Die Armen? Die Politiker? Wer sind 'die Reichen' und ab wann zählt man dazu? Was bedeutet "rich" und was bedeutet "need" in diesem Zusammenhang, wer hat ein Recht, die dahinter verborgene Einschränkung vorzunehmen, und woher nimmt er es? Und was würde aus einer Antwort folgen? Wenn die Rechte des Individuums dem Gutdünken von anderen unterworfen sind - wie und mit wem geht es dann weiter? Wer ist der nächste, dessen Freiheit wir nicht benötigen?

Dies ist der gedankliche Deutungsrahmen dieses Satzes.

* * *

In ihrem Buch Politisches Framing zeigt die Linguistin und Politikberaterin Elisabeth Wehling, wie und warum solche Deutungsrahmen, die jeder sprachlichen Aussage implizit sind, funktionieren. Aufbauend auf kognitions- und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen stellt sie auf konzise und nachvollziehbare Weise die Grundlagen menschlicher Kommunikation dar. 

Sie erörtert dabei die Bedeutung kognitiver Simulation, also der Tatsache, dass wir nachvollziehen, was gesagt oder geschrieben wurde, indem wir es hirnphysiologisch buchstäblich "nachahmen" und mit den im Gedächtnis gespeicherten Erfahrungen abgleichen. Daraus folgt u. a., dass wir den Gehalt eines Satzes, der unseren Erwartungen nicht entspricht, weil seine Konnotationen nicht zu unserem Weltwissen passen, nicht oder nur widerwillig aufnehmen.

Aber der Gehalt eines Satzes besteht, wie Wehling zeigt, nicht in seiner rein denotativen Bedeutung, sondern noch viel mehr in dem Frame, der beim Empfangen einer Nachricht im Gehirn aktiviert wird. Dieser Deutungsrahmen ist so vielschichtig wie subjektiv, dabei aber unvermeidbar und wirkungsvoll. Wehling führt zahlreiche Experimente an, die diese Wirkmacht belegen und erklären. Der erste Teil ihres Buches kann somit als eine gelungene Einführung in die Eigenarten menschlicher Kommunikation als auch in die Kunst der Rhetorik gesehen werden, zeigt er doch, wie Frames nicht nur unser Verstehen, sondern auch unser Denken und sogar unser Handeln beeinflussen, oder, wie Wehling sagt, bestimmen. 

In diesem Teil erörtert sie auch die Bedeutung von Frames im politischen Diskurs. Diese ergibt sich beispielsweise aus deren Unbewusstheit sowie der Unmöglichkeit, gänzlich ohne Frames zu kommunizieren. Da der Bedeutungsrahmen, gewissermaßen das Konnotat einer Aussage, diese erst dazu in die Lage versetzt, bei den Zuhörern Anklang zu finden, ist es von größter Bedeutung für jeden, der Gehör finden will, sich über die Anschlussfähigkeit seiner Aussagen Gedanken zu machen. Erst mit dem rechten Wissen über die Funktionsweise von Framing erlangt man eine doppelte Fähigkeit: Manipulationen durchschauen sowie selber manipulieren können.

Wehling wirbt dafür, dass dies nichts Unehrenhaftes sei, und Manipulation möchte sie die Arbeit am Satz und an seinem Frame auch nicht nennen. Aus der Erkenntnis, dass wir dazu verdammt sind, Frames beim Sprechen selber zu aktivieren und beim Hören ihrer Wirkung ausgesetzt zu sein, folgert sie den Stellenwert der Fähigkeit, bewusst hinter die Funktionsweise der Sprache zu blicken, um ihr nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

Frames sind immer präsent, sie können überhaupt nicht vermieden werden. Deshalb ist es umso wichtiger, sich bewusst zu machen, welche Frames man nutzen will, um politische Ideen transparent zu machen.

*

Politisches Framing ist ein wichtiges Buch. Und es ist ein gefährliches Buch. Seine Gefährlichkeit erwächst aus den konkreten Analysen, die die Autorin im zweiten Teil vornimmt. Hier nimmt sie sich einige Schlüsselbegriffe der politischen Diskussionen der letzten Jahrzehnte vor und untersucht die meinungsbildende Metaphorik in den Wortfeldern "Steuer" und "Sozialstaat" über "Abtreibung" bis "Flüchtling" und "Umwelt".

Detailliert blickt sie auf die Frames, die bestimmte Begriffe umgeben. Erstaunlich sind dabei allerdings einige ihrer Ergebnisse. Das Wort "islamophob" beispielsweise analysiert sie genau im Gegensatz zu seiner tatsächlichen Verwendung. Sie unterstellt dem Wort "Phobie" eine Art berechtigte Angst vor einem furchteinflößenden Objekt, so wie man Furcht vor Spinnen haben kann. Phobien seien "irgendwie nachvollziehbar". Wer den anderen als "islamophob" bezeichnet, so die Autorin, legitimiere damit seine Angst. Und der Gegenstand der Phobie, sei es die Spinne, sei es "der Islam", werde als reale Bedrohung bestätigt.

In der aktuellen Debatte wird das Wort jedoch zumeist mit entgegengesetzter Konnotation verwendet - als abwertende Bezeichnung vorurteilsbehafteter Feindseligkeit, als Beschreibung einer unbegründeten Abneigung von fremder Religion und fremdem Brauch, die die Phobie in Konnotation bringt mit Paranoia: "Deine Kritik am Islamismus ist doch nur eine Phobie vor dem Islam!" Wer den anderen als "islamophob" bezeichnet, zieht seine Angst ins Lächerliche. "Islamophob" ist nun gerade das Epitheton, mit dem Islamkritiker nun gerade NICHT bezeichnet werden wollen.

Dass Wehling nun den Frame von "islamophob" konträr zu dessen alternativem Neben- und Hintersinn auslegt, zeigt, wie anfällig bereits die Arbeit am Begriff für interpretatorische Verzerrungen und wie abhängig sie von den Wertvorstellungen des oder der Analysierenden ist.

Bei der Analyse des Begriffsinstrumentariums, der sich auf die Frage nach der Aufgabe des Wohlfahrtsstaates bezieht, wird dies umso deutlicher. Hier macht Wehling keinen Hehl aus ihrer etatistischen Grundanschauung, und auch ihr positives Verhältnis zu einer in die Selbstbestimmungsrechte des Individuums eingreifenden Demokratie wird deutlich. Ihre Analyse des Begriffsfelds "Steuer" führt dies exemplarisch vor Augen: Wehling untersucht vor allem Begriffe wie "Steuerlast", "Steuererleichterung", "Steueroase", "Steuerfalle" etc. Hinter diesen Vorstellungen, so die Autorin, verberge sich die Ansicht, dass Steuer aufgezwungen werde und schwer zu tragen sei, dass die Befreiung von Steuern wohltuend wirke, dass Steuerzahler Gefangene sind u.a.m. In diese Worte sei eine konservative Weltsicht eingegangen, die Steuern als negativ empfinde.

*

Wie die Autorin selber sagt, ist Framing notwendigerweise selektiv: Einiges wird hervorgehoben, anderes wird ausgeblendet. Dies gilt nun auch für Wehlings Beispiele. Es ist angesichts ihrer Weltanschauung nicht erstaunlich, dass sie genau diese Begriffe auswählt. Nicht nur das, nimmt sie doch auch eine Auswahl an Frames vor, die sie untersucht. Nicht die Begriffe "Kommunismus" oder "sozialistisch" mit ihrem positiven Framing, hinter denen sich eine blutige Realität verbirgt, werden herangezogen, auch nicht Vokabeln wie "öffentliche Wohlfahrt", "Demokratie" oder "Gemeinnutz" oder "linksliberal", sondern eben Worte aus der sogenannten neoliberalen Terminologie wie "Leistungsträger", "soziale Hängematte" oder "Humankapital". Warum nicht "Beitragsservice" (hier bezeichnet "Service" sogar das Zahlen einer Zwangsgebühr!) oder "Solidaritätszuschlag" (als könnte Solidarität erzwungen werden)?

An vielen Beispielen könnte man genau das Gegenteil der von Wehling behaupteten Konnotation festmachen. So steckt hinter dem Wort "Steuer" ja der Frame des Führens und Lotsen, der Richtung, der Orientierung. Durch Steuern steuert der Staat die Menschen und die Gesellschaft in die richtige Richtung! Nie liest man statt "Steuer" Worte wie "Tribut", "Schutzgeld" oder "Gebühr". Wie oft hat man dagegen vom "Steuersünder" gehört - hier wird das Verweigern von Steuerzahlungen geradezu mit religiöser Verfehlung gleichgesetzt, der Nicht-Zahler wird zum Judas! Hinter dem gern benutzten "Steuerpflicht" etwa versteckt sich die Vorstellung, eine Einwilligung liege vor: Wer einen Vertrag unterschrieben hat, hat nun die Pflicht, diesen zu erfüllen. Von "Steuerzwang", wie es eigentlich heißen müsste, hört man eher wenig.

EIGENTLICH? Was heißt hier "eigentlich"? Wie soll man denn entscheiden? Was ist wahr? Sind Steuern nun Zwang oder nur eine Art Spende?

Wehling ist selber Opfer ihres erkenntnistheoretischen Relativismus. Den performativen Widerspruch, der sie mit ihrer Äußerung begeht, man könne "nie" rein sachlich und objektiv Fakten gegeneinander abwägen, bemerkt sie selber nicht. Wenn man nie Fakten gegeneinander abwägen kann, wenn man nie sachlich sein kann, wenn man immer subjektiv sein muss, ist auch diese Aussage nicht neutral treff- und abwägbar, ist auch sie nur subjektiv, und so ist Wahrheit unmöglich.

Mit dieser protagoreischen Absage an Objektivität, Eindeutigkeit und Vermittelbarkeit gibt die Autorin freilich auch die Möglichkeit preis, über den Wahrheitsgehalt der von ihr angeführten Frames zu entscheiden. Sind Steuern eine "bedrohliche Einschränkung der individuellen Freiheit" oder nicht? Trifft der Frame vom "Steuern zahlen" zu oder müsste man passenderweise "Steuern beitragen" sagen? 

*

Nun misst Wehling in ihrem Buch der Frage nach der Wahrheit hinter dem Wort keine Bedeutung bei, sondern möchte nur aufmerksam machen auf die handlungsbestimmende Mitbedeutung, die in jedem Frame steckt. Gleichwohl bezieht sie aufgrund der Auswahl der Begriffe und der Stoßrichtung ihrer Analyse deutlich Stellung bezüglich der zugrundeliegenden Probleme von Sozialstaat über Abtreibung bis Islamophobie. Gleichzeitig jedoch zu insinuieren, es gäbe für uns Menschen gar keine Möglichkeit, sich aufgrund von Fakten neutral über die wirklichen Verhältnisse zu verständigen, widerspricht sich nicht nur selbst, sondern mündet auch in eine erkenntnistheoretische und kommunikative Indifferenz, die in der politischen Sphäre äußerst gefährlich ist. Es ist die zynisch-machiavellistische Haltung des Politikberaters, für den die Frage, wie man mit dem Eigentumsrecht von Menschen umgehen soll, reine Ansichtssache ist, die es mit der geeigneten Kommunikations- und Kognitionstechnik in die Köpfe der Gegner und der Unentschiedenen zu pflanzen gilt. Dass man niemals in der Lage sein sollte, darüber zu entscheiden, ob es sich bei Steuern um Zwang oder freiwillige Leistungen handelt, man aber seine eigene Meinung trotzdem geschickt unter Zuhilfenahme der nötigen Frames formulieren soll, um den anderen trickreich zu überreden, zeugt von einer sophistischen Sicht auf die politischen Fragestellungen, deren Grad an Desillusioniertheit wiederum desillusioniert.

* *

Ebenso wie Wehling weiß, dass sie selber dem Framing nicht entkommen kann, weiß sie, dass sie es nur geschickt benutzen muss, um ihre Weltanschauung zu vermitteln; es ist das Verdienst ihres Buches, den Lesern Mittel an die Hand zu geben, Manipulation und Ideologie erkennen und aufdecken zu können - und sei es die, die seine Autorin selber propagiert.
Gunnar Kaiser - 14. März 2016
ID 9203
Elisabeth Wehling | Politisches Framing
Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht

226 Seiten
21 €
Herbert von Halem Verlag, Köln 2016
ISBN 3869622083


Weitere Infos siehe auch: http://www.halem-verlag.de/politisches-framing/


Unser Gastautor Gunnar Kaiser ist Schriftsteller und freier Journalist.

http://www.gunnarkaiser.de



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