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2 Krimis

Wonnevoller Urlaubsflair mit sorgsam ausgefeilten Morden

Doppel-Buchbesprechung


Unter dem Pseudonym Jean-Luc Bannalec finden Leseratten in gut sortierten Bahnhofsbuchhandlungen bereits drei ausgefeilte Krimis, die mit ihren Handlungssträngen und Mordmotiven überraschen, mit ihren Bildern zum Reisen zu den realen Handlungsorten in der Bretagne einladen und die die Spiegel-Bestsellerliste regelmäßig anführen. Doch die Nachfolgerbände Bretonische Brandung (2013) und Bretonisches Gold (2014) reichen nicht an den Witz und den sinnlichen Unterhaltungswert des unvorhergesehenen Debüterfolgs Bretonische Verhältnisse von 2012 heran. Obwohl insbesondere die Auflösungen der Fälle gekonnte Überraschungsmomente bieten, wird die Figur des ermittelnden Kommissars zu sehr zelebriert, und die Nachfolgekrimis sind mit der Vielzahl an Nebensträngen und Namen auftretender Figuren deutlich überfrachtet.

* * *

Jean-Luc Bannalec | Bretonische Brandung

Bewertung:    

Eines Maitages werden im zweiten Teil der Reihe um den ermittelnden Kommissar Georges Dupin zehn Seemeilen vor der Gemeinde Concarneau an den Strand der Glénan Inseln drei Leichen angespült. Dupin fährt mit seinen Kollegen auf dem Boot eines Meeresbiologen und findet heraus, dass ein Forschungsinstitut in Concarneau mit zweien der Toten einen unsauberen Handel mit Studien betrieb. Doch vor allem taucht der mäßig seefeste Kommissar in die bizarre und atemberaubende Inselwelt der Glénan ein und feiert, lauscht und erspürt mit allen Sinnen auf zahllosen Seiten das Farbenspiel der vier Elemente - zunächst des Meeres, später auch jenes der Sonne, der Erde und des Windes:

"Dupins Blick glitt unbestimmt in die Ferne, über das Meer, ein tiefes Ultramarin am Horizont. Dass das Meer blau sei, das hatte Dupin aufgehört zu sagen. Nicht hier in dieser magischen Lichtwelt. Es war azur, türkis, cyanblau, kobaltblau, silbergrau, ultramarin, helles Wasserfarbenblau, bleigrau, nachtblau, violettblau … Blau in sicher zehn, fünfzehn verschiedenen Grundtönen und schier unendlich vielen Zwischentönen. Manchmal war es sogar grün, richtig grün oder braun – und tiefschwarz. All das hing von mannigfaltigen Gegebenheiten ab: Der Sonnen und ihrem Stand natürlich, der Jahreszeit, der Tageszeit, auch vom Wetter, dem Luftdruck, dem genauen Wassergehalt in der Luft, der alles Licht je anders brach und das Blau in diesen oder jenen Ton verschob, in besonderer Weise von der Tiefe des Meeres und dem jeweiligen Meeresboden, auf den das Licht fiel." (Jean-Luc Bannalec, Bretonische Brandung, S.70)

Eine weitere Seite und dann schon wieder etwa fünfzig Seiten später vermitteln sich die Bewusstseinsströme Dupins über höchst faszinierte Ansichten des Farbenspiels des Sandes oder des Meeres. Auch, als er „über einen malerischen Holzsteg“ läuft, „der einmal um die gesamte Insel führte, immer am Meer entlang“, heißt es: „Das 'Innere' der Insel (so viel war es nicht) war karg, herb, er mochte es.“ (S. 68) Ähnlich genießerisch begegnet Dupin auch den lukullischen Genüssen. So heißt es etwa: „Die Brioche war fantastisch. Mürbe, butterweich, wie sie sein musste, und mit der feinen Andeutung von Hefe im Milchgeschmack, der typisch für eine gute Brioche war. Das wichtigste aber: Der café war einfach perfekt.“ (S. 308) Der Roman spricht so regelmäßig auch die Sinne seiner Leser an, wird durch die enorme Fülle der gedanklichen Ausschweifungen jedoch auch langatmig. Zudem erscheinen einige der Accessoires, mit denen der Kommissar tatsächlich ermittelt, etwas unsauber recherchiert, beispielsweise wenn Dupin die Geräusche der Rotoren in einem Hubschrauber durch „Kopfhörer“ anstelle des sonst üblichen Gehörschutzes dämpft (S. 157).

Pathetisch wird es insbesondere, wenn sich die Erzählinstanz vor allem auch für das Können seiner Hauptfigur interessiert. So hat etwa Dupins Sekretärin Nolwenn vollstes Vertrauen in seine Ermittlungsfähigkeiten: „Nolwenn wusste, dass es in jedem Fall des Kommissars einen Punkt gab, an dem er Witterung aufnahm- diffus zeitweilig und ihm selbst nicht immer ganz deutlich bewusst.“ (S. 147) An einer anderen Stelle scheinen Gefühl und Logik in erstaunlicher Balance: „Er war nicht sicher, ob er selbst glaubte, was er sagte.“ (S. 154) Wiederholt wird die Intuition Dupins betont: „Er wusste nicht, was er suchte, aber sein Gefühl sagte ihm, dass er genau dort suchen musste.“ (S. 317) Eine andere Zeile setzt Dupin gar fast ein Denkmal: „Es blieb also nur die Flucht nach vorn, eine Option, die Dupins Wesen ohnehin sehr entsprach.“ (S. 169) Deutlich zu viel wird schließlich in die Gedankenwelt Dupins hineingegeben, wenn er als literarische Figur stilisiert wird:

"Dupin wehrte sich jedes Mal heftig grummelnd, wenn jemand von seiner 'Methode' sprach. Unbedingt agierte er sehr systematisch, ja, aber, das musste man sofort hinzufügen: unsystematisch systematisch. Besessen übte er das genaue Beobachten und Hinsehen (eine Leidenschaft schon seit seiner Kindheit), die logische Analyse, dann wieder verfuhr er jedoch scheinbar vollends intuitiv, plötzlich und ungeduldig einer Idee folgend, einem Gefühl, einem Impuls, mitunter in Komplizenschaft mit dem Zufall. Durchaus eigenwillig. Und immer entschlossen." (S. 147)

Nach seinem enormen Debüterfolg hat Jean-Luc Bannalec oder der laut Presseberichten hinter dem Pseudonym steckende Jörg Bong – immerhin Programmgeschäftsführer beim S. Fischer Verlag – in seinem Nachfolger die zentrale Figur des Ermittlers und seine Eindrücke zu sehr inszeniert, so dass der eigentlich spannende Plot und die zahllosen Verdächtigen dahinter zurücktreten, etwa wenn Dupins Träume wiedergegeben werden (S. 203) oder es gar heißt: „Das alles entwickelte sich zu einer regelrechten Szene aus einem Roman.“ (S. 290) Schlussendlich verleiten die stimmungsvollen Beschreibungen der Îles de Glénan immer wieder zum Weiterlesen, auch wenn man sich über manch überflüssige Ausschweifung Dupin betreffend ärgert.

*

Jean-Luc Bannalec – Bretonisches Gold

Bewertung:    

Einen außergewöhnlichen Handlungsort, stimmungsvolle Landschaftsbilder und eine Vielzahl an Figuren bietet auch der dritte Fall der Krimireihe um Kommissar Georges Dupin. In den weitläufigen Salzgärten auf der Guérande-Halbinsel wird Kommissar Dupin aus heiterem Himmel beschossen. In den Salinen wollte er nach rätselhaften Fässern suchen, auf die ihn eine befreundete Journalistin hinwies. Die Journalistin verschwindet daraufhin spurlos. Bald gibt es eine erste Leiche und Kommissar Dupin sieht sich mit falschen Alibis, Interessenskonflikten und dramatisch anmutenden Zerwürfnissen konfrontiert. Die Kommissarin Sylvaine Rose wird Dupin als Kollegin zur Seite gestellt. Ihre Figur sorgt dafür, dass sowohl ihre Ermittlungen als auch der Romanverlauf an Tempo und Dynamik gewinnen.

Dupins Selbstständigkeit und Kompetenz scheinen durch das Auftreten der flotten Kommissarin Rose eingeschränkt, wenn es etwa heißt: „Rose schien sich festgebissen zu haben. Oder sie verfolgte eine Spur, die Dupin noch nicht kannte.“ (S. 134) Nicht nur im Polizeiauto ist Dupin bald nur noch der Beifahrer. Schweigsam versucht sich das Team zu ergänzen, und tatsächlich merkt Dupin, dass auch Rose eigene Qualitäten in die Ermittlungen mit einbringt. So schätzt er etwa eine Methode Roses, ihr vom Gegenüber während eines Verhörs gestellte Fragen in keinster Weise wahrzunehmen: „Dasselbe Spiel. Perfekte Freundlichkeit, nichts wirkte rhetorisch oder gar aggressiv.“ (S. 125) Dupin bemerkt bald, dass Rose es bei den Verdächtigen mit ebenbürtigen Gegenspielern zu tun hat, die selber auch rhetorisch zu Verschleierungen neigen. So heißt es über eine Verdächtige: „Ihre zur Schau getragene Offenheit war eine bewährte rhetorische Waffe.“ (S. 132)

Während Kommissarin Rose den dritten Teil der Reihe als spröde, neue Figur durchaus erfrischt, sind einige andere Passagen leider langatmig. Seitenlang werden Sinneseindrücke etwa vom Farbenspiel in den Salinen wiedergegeben. Außerdem gibt es allerlei pathetische Halbwahrheiten für Bretagne-Liebhaber: „Eine der ersten bretonischen Lektionen, die Nolwenn Dupin beigebracht hatte, lautete: 'Die Bretagne gibt es nicht! Es gibt viele Bretagnen.' So divers waren die bretonischen Landschaften, so groß die Unterschiede, Kontraste, Eigenheiten, die Widersprüche. Und es stimmte, hatte Dupin gelernt. In diesem Satz lag vielleicht das letzte und größte Geheimnis der Bretagne.“ (Jean-Luc Bannalec, Bretonisches Gold, S. 42) An einer anderen Stelle heißt es über die landschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten vor Ort: „Dupin kannte niemanden, der in der Bretagne, außer in den Städten und Feriensiedlungen, sein Haus abschloss.“ (S. 48)

Neben solcherlei lokalpatriotische Einsprengsel tritt außerdem noch ein kurioser kleiner Nebenhandlungsstrang, der von einem Känguru handelt. Dasselbe floh aus einem zoologischen Gehege bei Andorra. Während Dupin autofahrend Tatorte besucht, wird er durch niedliche Radiomeldungen zum Känguru unterhalten:

„Skippy war vom Bürgermeister von Andorra zum Ehrenbürger ernannt worden. Und mehr noch: Das Waldstück, das jetzt Skippys neues Zuhause war, würde demnächst offiziell 'L'Australie' heißen. Die Anwohner hatten erklärt, es würde ihnen nichts ausmachen, wenn das Känguru ab und zu einen Salat aus ihren Beeten essen würde. Eine Dame hatte sich sogar erkundigt, was Skippy am liebsten esse - für die nächsten Pflanzungen.“ (S. 336)

Auch der dritte Teil der Krimireihe des Autors mit dem sprechenden Pseudonym Bannalec bietet ausgefeilte Unterhaltung mit einem unvorhersehbaren Showdown, voll raffinierter und manchmal allzu schräger Ideen. Auf der Rückseite des Buchdeckels können die Leser wieder eine Landkarte aufklappen, auf der die Route Dupins nachverfolgt werden kann. Leider gibt es keine Listung aller Charaktere, und so verwirrt die Fülle an Namen und Handlungsorten bald schnell. Angereichert ist der Roman mit zahlreichen erfrischenden Details, wenn sich Dupin etwa über eine mögliche Unterzuckerung sorgt, nachdem er beschossen wurde (S. 37). Insbesondere die Idee, eine Kollegin in den Kosmos Dupins einzuführen, macht Bretonisches Gold zu einer sympathischen und höchst vergnüglichen Komposition.


Ansgar Skoda - 19. Oktober 2014
ID 8179
Jean-Luc Bannalec | Bretonische Brandung
368 S., Klappenbroschur, EUR 14,99
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2013
ISBN 978-3-462-04496-6

Jean-Luc Bannalec | Bretonisches Gold
352 S., Klappenbroschur, EUR 14,99
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2014
ISBN 978-3-462-04622-9


Weitere Infos siehe auch: http://www.kiwi-verlag.de/


Post an Ansgar Skoda

ansgarskoda.wordpress.com




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