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Buchkritik

Dunkle Zukunfts-

utopien für

das Ruhrgebiet



Bewertung:    



Starkregen, Hochwasser und gleißende Sommerhitze - so sehen die düsteren Zukunftsprognosen von 100 Schülerinnen und Schülern aus neun Schulen für das Ruhrgebiet aus:

Wir schreiben das Jahr 2078, als es zu der ersten schweren Katastrophe in Gelsenkirchen kommt. Im Zoom, dem großen Zoo, der nahe dem Hüllener Bach und der Emscher liegt, erleben wir mit knapp zwanzig Betroffenen den rasanten Anstieg der Fluten. Der See im Zentrum des Zoos, der eigentlich als Hochwasserrückhaltebecken dient, kann die Wassermassen nicht mehr halten. Der Zoobesuch, der für die Menschen normal und alltäglich begann, mutiert zum Alptraum.


"Wir eilten weiter. Das Wasser stieg immer höher und erreichte bald meinen Bauchnabel. Ich fror. Aber ich ließ mir nichts anmerken. Für Lia wollte ich stark sein." (Uferlos, S. 45)


Die gefährliche Überschwemmung lässt die beiden grundverschiedenen Schwestern Lia und Emma gemeinsam um ihr Leben kämpfen. Der Lehrer Siggi trägt schwer an der Verantwortung für seine Schüler. Das jungverliebte Pärchen Dellal und Khalid wird auseinandergerissen, Khalid kann kaum schwimmen...

Und die Katastrophe im Zoo ist erst der Anfang, zwei Jahre später sind große Teile von Gelsenkirchen durch die regelmäßig wiederkehrenden Überschwemmungen verwüstet. Fast alle Bewohner leben in slamähnlichen Unterkünften. Die gesamte Infrastruktur ist verloren, Schulen geschlossen, der Nahverkehr, ja sogar die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten, funktioniert nicht mehr. Und so erleben wir, wie der Lehrer Siggi ohne Medikamente vergeblich gegen seinen Typhus ankämpft.


"Mir wurde wieder schwindelig. Ich war sicher, dass mein Fieber gestiegen war. Meine Hände zitterten. Ich bildete mir ein, ein helles Licht zu sehen. Ich begriff, dass meine Zeit langsam gekommen war. Meine Zeit zu sterben. Aber es war doch noch so viel zu tun. So viel, was ich nun nicht mehr selbst erledigen könnte." (S. 283)


In Buer, einem zwar nahe, aber auf einem Berg gelegenen Stadtteil von Gelsenkirchen hätte Siggi überlebt. Bis hierhin schaffen es die Fluten nicht, es gibt Lebensmittel und Antibiotika, und die Menschen leben unter „normalen Umständen“. Doch sie wollen ihren Wohlstand nicht gefährden und riegeln sich gegen den Rest der Stadt mit einer Mauer ab.

Katastrophen führen zu einer Neuordnung der Gesellschaft. Und das geschieht hier mit zynischer Brutalität. Die Bueraner verhindern Bedürftigen den Zutritt und lassen mit Grenzposten auf sich nähernde Personen schießen.


"Mit zitternder Hand drücke ich den Abzug meines Gewehrs. Schließe dabei die Augen um nicht sehen zu müssen, wessen Leben meine schreckliche Tat beendet. Der Rückstoß lässt mich ungeschickt einige Schritte zurücktaumeln. Der Gestank des Schwarzpulvers kriecht mir in die Nase und betäubt meine Nerven. Mit großer Überwindung öffne ich die Augen wieder. Das Mädchen von eben kniet jetzt auf dem Boden. Neben ihm liegen ihre Eltern. Sie sind beide tot." (S. 193)


Die Geschichten sind ernst und traurig, grausam aber dennoch realistisch. Auch wenn die Zahl der handelnden Personen groß ist, so treffen wir sie immer wieder. Jeder bekommt eine Stimme verliehen, Lia und Emma, die in Buer leben, Joey und Zoe hinter der Mauer, die Mitglieder einer Bande werden und selbst das Krokodil aus dem Zoom, dass nun im Überschwemmungsgebiet der Emscher lebt. Ein „Fantasyelement“ hat sich in die Handlungen eingeschlichen, wenn nämlich auch Emscherfeen und Emscherelfen auftreten. Diese Märchengestalten werden nach der (noch fiktiven) Renaturierung des als offene Kloake missbrauchten Flusses im Emscherbruch heimisch. Als etwas geheimnisumwobene Minderheit sollen sie als Verursacher der Überschwemmungen herhalten. Auch wenn diese zum Sündenbock diffamierten Fabelwesen reine Fiktion sind, verleihen sie dem Buch eine unerwartete unterhaltsame Farbe in der so hoffnungslosen Situation. Doch es sind nicht die Fabelwesen, sondern die Menschen selbst, die letztendlich etwas bewegen können.

*

Es ist ein vielschichtiges Buch, das zum Nachdenken anregt und beklommen macht, da die Katastrophen quasi vor der eigenen Haustür stattfinden. Der Episodenroman zeigt viele sehr unterschiedliche Einzelschicksale, verliert dabei aber nicht das große Thema, nämlich den Klimawandel, aus den Augen. Ein interessantes Romanschreibeprojekt, das mit dem Tropensturm Harvey und der Flutkatastrophe in Houston eine traurige Aktualität gewinnt.
Ellen Norten - 1. September 2017
ID 10224
Sarah Meyer-Dietrich, Sascha Pranschke (Hg.) | Uferlos
Ein Emscher-Endzeitroman

Paperback, 376 Seiten
EUR 8,99
Klartext Verlag, 2017
ISBN 978 3 8375 1791 0


Weitere Infos siehe auch: http://www.klartext-verlag.de


Post an Dr. Ellen Norten



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