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Rezension

Märchenhafte Unentschlossenheit



Bewertung:    



Um es gleich zu sagen: Dieser Roman ist ein Vergnügen, dem man viele amüsierte Leser wünscht. Eine ausgesprochen charmante Lektüre, bestens geeignet für behagliche Winterabende zwischen den Jahren und doch mehr als ein belangloser Zeitvertreib. Da ist die Hauptfigur dieser Geschichte, Matilda Zylenberg, genannt Tooly. Sie ist Buchhändlerin in einem kleinen Dorf namens der englischen Grenze zu Wales. In dem Roman Aufstieg und Fall großer Mächte des britisch-kanadischen Schriftstellers Tom Rachman dreht sich alles um Bücher: Auf Schritt und Tritt stößt man auf die verblassten Besteller vergangener Epochen. Vor allem schrullige ücher, etwa Charles Dickens' wunderbarer Roman Nicholas Nickleby, erweisen sich als die treuesten Begleiter der Heldin und retten ihr am Ende sogar ein wenig das Herz.

Wer nun glaubt, dieser Roman böte lediglich eine idyllisch-provinzielle Nabelschau, der irrt, denn Rachman führt seine Leser auf eine nervenaufreibende Reise rund um die Welt: Von Australien nach Bangkok bis Manhattan und Wales folgt man der Buchhändlerin auf dem Weg in ihre Vergangenheit. Denn die belesene Tooley, so viel sie auch von der Welt weiß, kennt sich keineswegs aus in ihrer eigenen Geschichte. Ihr Leben gleicht einer unsteten Wanderschaft. Schon früh war sie dazu gezwungen, ständig neu anzufangen und sich neu zu erfinden. So wurde es ihr von Kind an zur Angewohnheit, sich den neuen Gegebenheiten und Umständen bis zur Gesichtslosigkeit anzupassen. In jeder Schule und in jedem Land präsentierte Tooly eine neue Persönlichkeit, so dass sie sich im Laufe der Jahre selbst abhanden kam - sofern bei ihr überhaupt von einem "Selbst" die Rede sein kann.

Ihr Wanderleben begann, als sie 1988, da war sie neun Jahre alt, mit einem gewissen Paul, der vielleicht ihr Vater war, Australien in Richtung Bangkok verließ. Dabei springt der Erzähler in der Zeit hin und her, wie es ihm gefällt. 1999 lernt Tooley in Brooklyn den Russen Humphrey kennen, der sie lehrt, ihre eigene Unentschlossenheit ein wenig mehr zu akzeptieren. Man begegnet noch anderen Charakteren, deren Beziehungen zu Tooly bisweilen unklar bleiben: Da ist Sarah, die unvermittelt auftaucht, wieder verschwindet und der Heldin durchaus gemischte Gefühle entgegenbringt. Oder Venn, diese charismatische Figur, der hart am Rande von Gewalt und Kriminalität lebt und der Tooly stets beschützt, als sei es sein eigenes Fleisch und Blut. Auch Venn kommt und geht, wie alle anderen Figuren ist er ein unsteter Zeitgenosse von launischem Temperament. Keine Freundschaft in Tollys Leben ist von Dauer, ständig heißt es Abschied nehmen, um bald darauf wieder neue Beziehungen einzugehen. Eine einzige Ausnahme unter all diesen wankelmütigen Gestalten ist Fogg, der geschwätzige Freund und Buchhändler-Kollege, der in Caergenog geboren wurde und dort wohl auch sterben wird.

Das literarische Experiment dieses Romans lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Was geschieht mit jemandem, der keinen festen Bezugsrahmen hat, kein Land, keine Gemeinschaft, keine Gruppe und der nicht einmal seine eigenen Eltern kennt? Anders gefragt: Sind wir die Summe der Geschichten, die wir über uns selbst erzählen? Oder gibt es noch andere Mächte, die unserer Identität formen? Tooley jedenfalls steht vor der heiklen Aufgabe, sich in einer Welt ohne dauerhafte Bindungen zurechtfinden zu müssen. Irgendwann erfährt man zwar, wer ihre Eltern waren und wer ihr in schwierigen Zeiten aus der Patsche geholfen hat. Doch diese Erkenntnis ändert nichts daran, dass uns Tom Rachman mit einer Idee konfrontiert, die seltsam aus der Zeit gefallen scheint. Denn am Ende muss selbst die Heldin akzeptieren, dass ihre Existenz keine Story ist, die sich erzählen lässt. Warum das so ist, bleibt im Verborgenen. Doch gibt die Geschichte der chaotischen Tooly Zylberberg Anlass zu der märchenhaften Vorstellung, dass für die richtige Antwort jene "großen Mächte" zuständig sind, die zum metaphysischen Inventar vergangener Epochen zählen und für die unser Jahrhundert bedauerlicherweise nichts mehr übrig hat.
Jo Balle - 6. Dezember 2014
ID 8305
Tom Rachman | Aufstieg und Fall großer Mächte
Hardcover, 496 Seiten
Euro 21,90 [D] 22,60 [A] | SFR 29,90
dtv, 2014
ISBN 978-3-423-28035-8


Weitere Infos siehe auch: http://www.dtv.de/buecher/aufstieg_und_fall_grosser_maechte_28035.html


Post an Dr. Johannes Balle



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