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Rezension

Radikal, wahrhaftig, wunderbar erzählt - Wider die Natur von Tomas Espedal



Bewertung:    



Gefühle können täuschen. Dennoch vertrauen wir ihnen zumeist blind. Denn leiten sie uns nicht wie ein Kompass durch das Leben? Führen sie uns nicht durch schwierige Situationen und geben uns oft genug Gewissheit über das, was zählt und was nicht? Die überlebensnotwendige Funktion der Gefühle scheint ein enorm zuverlässiges Instrument zu sein. Jedenfalls ist es ein uraltes Produkt der Evolution. Schließlich ist es ein existentielles Erfordernis, im Eifer des Gefechtes blind wählen zu können - ohne viel nachdenken zu müssen. Damit aber ist unsere Existenz in einem beachtlichen Ausmaß auch dies: Eine durch archäische Gefühle gelenkte, erschreckend vorhersehbare Abfolge spontaner Entscheidungen, deren Qualität wir jedoch betrüblicherweise notorisch überschätzen. Denn entgegen einer weitverbreiteten Ansicht führen uns die Gefühle bisweilen so maßlos und desaströs in die Irre, dass es für einen Geschichtenerzähler eine wahre Wonne ist.

Das gilt v.a., wenn von höherwertigen Gefühlen wie der Liebe die Rede ist. Sicher: Es ist ein Gemeinplatz, dass derjenige, der in der Liebe seinem Bauchgefühl folgt, mit schlafwandlerischer Sicherheit das Richtige tut. Doch dies gilt nur solange, wie der, sagen wir, "biologische" Teil der Liebe betroffen ist: Jene kurze Zeit der Verliebtheit, während der die direkten Gefühle das Verhalten steuern. Vielleicht dominieren diese Gefühle zu Recht die frühen Phasen der Liebe. Und hier könnte getrost behauptet werden: Der Liebende fühlt sich im Einklang mit der Natur. Doch eben an dieser Stelle trifft man bereits auf ein grundlegendes Dilemma. Menschen haben im Laufe ihrer Entwicklung etwas Neues aus jenem Ur-Affekt gemacht, welcher ursprünglich nur die Funktion hat, die Fortpflanzung attraktiv zu gestalten. Das gute Gefühl des Verliebtseins ist also nichts anderes als eine notwendige Droge, die uns zu dem veranlasst, wofür wir biologisch gesehen geboren wurden. Und dieser Uralttrick funktioniert bestens. Denn selbstverständlich wollen wir uns in der Liebe amüsieren, glauben, das Richtige zu tun - schlichtweg, weil es sich gut "anfühlt". Fatal ist aber dies: Wir erstreben zugleich etwas Anderes, das sich nur bedingt herleiten lässt aus den adaptiven Vorteilen unserer stammesgeschichtlichen Natur.

Mit diesem anderen Bedürfnis aber kehren wir uns wider die Natur. Denn an diesem Punkt wollen wir etwas, das wir nicht wollen sollten: Wir wollen, dass der Affekt der Verliebtheit in einen permanenten Zustand übergeht. Wir wollen, dass Attraktivität nicht mehr zählt. Wir wollen, dass die ständige Hingabe des Anderen kriterienlos erfolgt. Wir wollen, dass wir uns im Partner ebenso wiederfinden wie er sich in uns wiederfinden möge. Im Grunde also wollen wir ein Paradox. Und wenn wir zu verstehen beginnen, dass dies unmöglich ist, dann pflegen wir nicht nur gegen unsere Natur zu rebellieren, sondern wir beginnen auch, mit jenem widernatürlichen Willen der Liebe selbst zu hadern. Der Roman Wider die Natur von Tomas Espedal erzählt von exakt diesem desaströsen Zustand, in dem wir uns im Konflikt mit unserer eigenen Natur befinden. Offen gestanden: Es ist eine furchtbare Geschichte, die einem Angst macht vorm Älterwerden. Eine Geschichte der Einsamkeit. Der letztgültigen Verzweiflung. Des Ur-Schmerzes. Schnörkellos erzählt. Unspektakulär. Formal null provokant. Eine fast triviale Geschichte, die zu beleuchten sucht, was es heißt, wenn Menschen scheinbar "wider" ihre Natur lieben - wenn sie lieben jenseits ihres evolutionären Affektes, will sagen: jenseits des Verliebtseins. Es ist scheußlich, was dann geschieht.

Gute Bücher müssen nicht notwendigerweise Tabus brechen. Sie können eine "straight story" erzählen, ohne stilistische Raffinesse. Tomas Espedals Roman ist so ein Text. Und doch bricht er mit einem grundsätzlichen Tabu: Er demontiert die Liebe als Existenzform. Man kann den Text aiuch so lesen: Als ein Plädoyer gegen die Liebe.

Ein knapp fünfzigjähriger Schriftsteller wird von seiner jungen Geliebten verlassen. Er war sich sicher, dass die Verbindung zu Janne die letzte Möglichkeit war, sein verkorkstes Leben noch einmal umzubiegen. Nun aber ist seine Welt endgültig zerstört. Es war sein drittes, sein allerletztes Scheitern in der Liebe. Als Schriftsteller existierte er schon seit Jahren nicht mehr. Da begegnet er in einer Silvesternacht einer jungen Frau. Sofort ist es Liebe? Jedenfalls verliebt er sich nach vielen Jahren wieder. Einige Jahre nun dauerte diese neue Leidenschaft. Er war sicher, dass es Liebe war. Er war sicher, nie mehr allein zu sein. Nun schaut er zurück auf sein gescheitertes Leben und erzählt die drei Geschichten seiner vergangenen Liebschaften.

Alles begann mit der Liebe zu Eli, er war noch Teenager, arbeitete hart in einer Fabrik. Eine Liebe, die zum Scheitern verurteilt war, weil beide zu jung waren und noch zu hungrig auf das Leben. Dann Agnete, mit der er zwei Kinder hatte. Sie verstand ihn nicht, konnte sein Naturell nicht akzeptieren, verhöhnte seine Träume und Wünsche. Er begleitet sie nach Rom und Nicaragua, sie ist aktiv, er passiv, das Leben zieht an ihm vorbei. Vielleicht das schlimmste Gefühl. Aber doch nur ein Gefühl, das täuschen kann. Täuschung oder nicht, das Gefühl, das Leben zu verpassen ist immer die Kehrseite der Liebe. Schließlich trennt sich Agnete von dem unattraktiv gewordenen Mann, um ein neues Leben mit einem neuen Mann zu leben, die Freiheit lockt. Jahre später stirbt sie, und er zieht in ihre Wohnung mit den gemeinsamen Kindern ein. Lebt weiterhin im Abseits. Auch jetzt findet er nicht zu sich.

Am Ende wollen sich die Fragmente seines Lebens nicht zusammenfügen. Auch die Form des Romans spiegelt dies wider, denn am Ende stehen nur noch Tagebucheinträge. Von Tag zu Tag stolpert der Erzähler über die Versatzstücke seiner gescheiterten Liebe. Wie furchtbar alltäglich ist es doch, dieser Selbstverlust, wenn der Geliebte geht. Und doch, wie urgewaltig. Man kann in diesem Roman nachlesen, was für eine Katastrophe es ist. Goethe würde sagen: Wenn ihr es nicht fühlt, so werdet ihr es nie verstehen. Natürlich weiß der Erzähler, welche immense Bedeutung Janne für ihn hatte. Es wird ihm nicht erst jetzt klar, dass sein Scheitern und sein Unglück maßlos sind. Er weiß, dass sie die Richtige ist, und doch war es nicht nur aufgrund des Altersunterschiedes eine Liebe "wider die Natur". Sagen wir so: Wenn es in diesem Buch so etwas wie eine "Idee" gibt, dann ist es zum einen die provokante, leicht kitschige These, dass echte Liebe kein Ende finden kann. Und zum anderen, dass sich diese Liebe notwendigerweise gegen unsere Natur richten muss. Beides ist zweifellos wahr - Postmoderne hin oder her. Aber was für ein radikaler, was für ein wahrhaftiger, was für ein wunderbarer Autor ist doch dieser Espedal, dass er diese Geschichte so zu erzählen vermag!


Jo Balle - 21. Juli 2014
ID 7970
Tomas Espedal | Wider die Natur
180 S., geb. mit Schutzumschlag
Preis: 19,90 € / 27,90 CHF
Verlag Matthes und Seitz, 2014
ISBN 978-3-88221-188-7


Weitere Infos siehe auch: http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/wider-die-natur.html


Post an Dr. Johannes Balle



 

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