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Horror

Teuflische

Postkarten



Bewertung:    



Wie zum Teufel bin ich an das Buch gekommen? Habe ich zuvor eine Postkarte aus Arkham erhalten, wie der Text im Buch nahelegt? Wo liegt dieses Arkham überhaupt, und was hat es mit dem Buch auf sich? Es liegt schwer in der Hand. Der farbige Umschlag deutet auf Horrorliteratur hin, zeigt eine Stadt und deren „Bewohner“, u.a. ein unheimliches drachenartiges Wesen. Richtig, Arkham ist eine fiktive Stadt in Neuengland, die der US-amerikanische Horrorautor H. P. Lovecraft geschaffen hat. Nach dessen Tod 1937 haben andere Schriftsteller dessen Mythen aufgegriffen, und Arkham wurde zum Schauplatz gruseliger Geschichten und stellt sogar den Boden für ein Horrorspiel dar.


„Das Grauen beginnt auf vielerlei Arten. Vielleicht allein nur deshalb, weil Sie dieses Buch aufgeschlagen haben und darin zu lesen beginnen. Allein diese scheinbar völlig harmlose Begebenheit könnte die Ursache für einen kosmischen Kollaps sein, der sich nicht unbedingt jetzt, aber doch in einer nicht allzu fernen Zukunft ereignen mag. Oder aber ist das Aufschlagen und Lesen dieses Buches nur das Endresultat dessen, worin der Schrecken gipfelte? Dann haben Sie vielleicht Glück gehabt. Da Sie dieses Buch aber in Händen halten, gehe ich davon aus, dass auch Sie eine dieser Karten bekommen haben. Liebesgrüße aus Arkham. Gesendet von irgendwem in scheinbar ahnungsloser Naivität. Sollten Sie tatsächlich der Empfänger einer solchen Grußkarte sein, werfen Sie diese am besten weg. Befreien Sie sich! Verbrennen Sie die Karte! Oder lassen Sie sie liegen und machen, dass Sie das Weite finden!“


Mache ich nicht. Anders als die Probanden in den Kurzgeschichten des Buches habe ich keine Postkarte erhalten. Ich bleibe also sitzen und lasse die Seiten durch meine Finger gleiten. Sie sind so dick und glatt, dass sie beim Umblättern einen Luftzug, einen kalten Hauch erzeugen. In den Ecken lauern Flugdrachen, und die Seitenzahl steckt im spitzbezahnten Maul der Ungeheuer.

Dreizehn (eine andere Zahl wäre wohl auch kaum zu erwarten) Geschichten präsentieren sich auf diese Art, inspiriert von einer Ferienreise durch England, die der Autor Tobias Bachmann als Student mit zwei Freunden unternahm. Im Vorwort beschreibt uns Bachmann einen Fledermausbaum, der die dunklen Gedanken bei ihm antriggerte. Und obwohl wir den Autor kennen lernen, schafft er es trotz dieser Intimität - oder gerade deshalb - uns in eine Welt des Schreckens zu versetzten.

Die Probanden berichten in „Ichform“. Da kämpft sich ein Schüler mit dem Fahrrad durch ein Unwetter, befürchtet zu spät zu kommen, doch sein Kraftakt führt ihn in ganz andere Bedrängnisse. Ein Handleser in Singapur bietet seine Dienste aus grausamer Berechnung an, ein lumpiger Müllsack entpuppt sich als Inkarnation des Grauens, und eine Handschrift wird erst unter dem Mikroskop als solche erkennbar, doch welches Geheimnis bürdet sie ihrem Verfasser auf? Die Geschichten spielen an den verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten. Der Weg dorthin und die Zeit selbst werden zum unerklärlichen Phänomen, wenn der Leser versucht, den gewohnten Denkmustern zu folgen.


„In Sagunth sind die Mauern zu anderen Welten dünner als andernorts, und wenn es nur die Welt der Träume ist, die einen zu sich holt, so wie sie sich immer mehr meiner bemächtigt. Doch ist es wirklich eine Traumwelt? Nicht vielmehr eine Alptraumwelt? Voll nächtlichem Grauen. Voll Angst und Entsetzen, dass mich jede Nacht heimsucht und Dinge mit mir anstellt, die ich nicht unter Kontrolle habe.“ (S. 225)


Am Ende erfahren wir, wer die unheimlichen Postkarten abschickt. In einer Zeit, wo Verlage und Autoren nach hohen Auflagen gieren ist es ungewöhnlich ein Buch in den Händen zu halten, das gerade mal mit 100 Exemplaren in einer limitierten Auflage erschienen ist. Auf der letzten Seite haben Autor Tobias Bachmann und Grafiker Thomas Hofmann das Werk signiert. Ich besitze nun Buch Nr. 24 und darf mich darüber sehr glücklich schätzen, denn die kleine Auflage ist bereits vergriffen. Klassischer Weise erwirbt man ein Buch über den Buchhandel, modern geschieht dies über das Internet – doch weit gefehlt - dieses Buch ist schwer zu ergattern. Es gehört der Edition CL an, ein Privatdruck-Projekt von Eric Hantsch ohne kommerziellen Hintergrund.

Könnte eine neue Strategie bei Buchliebhabern, Idealisten und Kleinverlegern darin bestehen, Bücher zu verknappen und so den Jäger und Sammlerinstinkt beim Literaturfreund anzukurbeln? In einer Zeit, wo Bücher binnen 24 Stunden im eigenen Postkasten landen oder per Mausklick innerhalb von Sekunden auf dem Ebookreader verfügbar sind, ist ein Buch in kleiner limitierter Auflage eine echte Herausforderung. Eric Hantsch fragt auf seiner Homepage, ob er die Titel seiner Reihe CL zusätzlich als unlimitierte Taschenbücher auflegen sollte? Um die Exklusivität der Sonderausgaben zu wahren, würde es in den Taschenbüchern jedoch keine Illustrationen geben. Bis dahin, wenn überhaupt, gibt es nur den Weg über Beziehungen oder ausgesuchte Antiquariate an die Bücher zu kommen. So passiert es, dass manche Autoren es geradezu feiern, wenn ihr Buch, ihre Anthologie oder die Ausgabe einer geschätzten Literaturzeitung erstmals in einem Antiquariat auftauchen.

Vielleicht entwickelt sich im Moment eine Käuferszene, die den „normalen“ Buchkonsumenten diametral gegenübersteht. Die Liebesgrüße aus Arkham sind ein Paradebeispiel für ein Buch, das diesen Trend unterstützt – und bei allem Gesagten über dessen Erwerb, das Buch ist wirklich lesenswert. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg auf der Jagd danach. Es ist ein Liebhaberstück, ein Kunstwerk, das den Aufwand lohnt.
Ellen Norten - 30. September 2016
ID 9589
Tobias Bachmann | Liebesgrüße aus Arkham
Illustrationen: Thomas Hofmann

Geb. m. Goldprägung a. d. Buchrücken, Schutzumschlag und Lesebändchen
Signiert von Autor und Illustrator
282 Seiten
Limitierte Auflage
Edition CL, Erik Schreiber


Weitere Infos siehe auch: https://cthulhulibria.wordpress.com/vergriffene-titel/liebesgruesse-aus-arkham/


Post an Dr. Ellen Norten



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