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Rezension

Sozialkitsch



Bewertung:    



Keine Rezension über Melle ohne eine Rezension über die Rezensionen über Melle. Thema: Die Vorherrschaft einer Geschmacksrichtung. Wer sich gegen das Diktat auflehnt, ist nicht gesellschaftsfähig. Sicher, eine Überzeichnung in Stil und Inhalt, die man dem Rezensenten verzeihen mögen. Doch wer legt fest, welche Überzeichnung in Ordnung ist und welche nicht? Melles Überzeichnung scheint in Ordnung zu sein. Sie besteht darin, trockenen Auges vorzugeben, sie wäre keine. Irritation erweckt dabei nicht nur die Textanalage, sondern auch die Reaktion der Kritik. Die Lektüre des neuen Romans 3000 Euro von Thomas Melle lebt von einem "Prä-Text", den man akzeptieren muss: Das Vorurteil einer Literatur auf "Augenhöhe". Tatsächlich ist es eine Literatur, die mit Authentizität spielt und in Wahrheit nur die Vorlieben eines Teils der kulturellen Welt mit den Mittel einer seriös akzentuierten Simplizität bedient. Ein typisches Symptom später Kulturen. Oder einfach gesagt: Das einzige Vorurteil, das zu bestätigen sich ein Schriftsteller in unseren Tagen hüten sollte, ist, um es in den Worten ihrer Gegner auszudrücken: "Eleganz" und "Schöngeisterei".

Erstaunlich, wie schmal der Grat ist zwischen einem Roman auf der Höhe seiner Zeit, der das Zeug dazu hat, zum Roman seiner Generation zu werden und einem Roman, der Sozialkitsch ist; der sich selbst desavouiert, weil seine Sprache suggeriert, die Sprache derjenigen zu sein, deren Geschichte erzählt wird und der an kaum einer Stelle leugnen kann, dass eben dieser Effekt ein selbstverständlicher Teil der postmodernen Lektüre ist. Oder sagen wir so: Naturalistischer Manierismus ist am Ende auch nichts anderes als eine Matrize ohne Gegenwert.

Thomas Melle ist ein ausgesprochen intelligenter und talentierter Schriftsteller, dessen Geschichten in den Talsohlen der Gesellschaft beheimatet sind. Soweit so gut. Das ist ein beliebtes Sujet. Doch nehmen wir zum Vergleich Clemens Meyers Roman Als wir träumten. Vergleichbar aufgrund seiner sozialen Dimensionierung. Doch welch Unterschied in der Durchführung! Melles Roman ist simpler, tönern, die Sätze von dürftiger Beschaffenheit, um dann, unversehens, albern oder kitschig zu werden. Auch Meyer empfindet den Stil seiner Protagonisten nach. Doch sein Roman ist inhaltlich und stilistisch überzeugend, weil sich hier nicht der Eindruck aufdrängt, der Autor huldige einer schnöden Abbildungsideologie. Dadurch aber herrscht bei Melle nicht nur sprachliche Dürre vor: Es entgleitet der Text in seiner gesamten Struktur.

Denn im Grunde ist die Textur dieses Romans simpel. Er folgt einem bildungsbürgerlichen Stereotyp, dessen Defätismus lediglich eine recht einseitige Stilisierung der sozialen Realität darstellt, die angeblich einer Bevölkerungsmehrheit noch fremd sein soll. Melles Personal: Der Obdachlose Anton und die Kassiererin Denise, im Nebenjob Pornodarstellerin, am unteren Rand der Gesellschaft angesiedelt, finden zueinander jenseits von liberalistischem Kitsch und Konsumwelt. In Wahrheit konstruiert Melle eine Parallelrealität und suggeriert, dies sei eine noch zu entdeckende terra incognita. Am Ende ist es nichts anderes als jener Sozialkitsch, den man tagtäglichen im Fernsehen ertragen muss. Jeder Teenager kennt Slang und Lebenswelt des Prekariats. Erschreckend, wie sehr dieser begabte Schriftsteller hinter seinen Möglichkeiten bleibt.

Während Melles erster Roman Sickster, zu Recht gelobt wurde, steht es bei 3000 Euro anders. Der Roman ist genau betrachtet nur das Konzept eines guten Romans. Diese Prosa erstarrt in einem Habitus, wie er vielleicht vor fünfzig Jahren in der amerikanischen Literatur originell war. Heute, im Jahr 2014, ist diese Art zu schreiben wenig ertragreich. Immerhin aber kann man zweierlei bei der Lektüre von 3000 Euro lernen: Erstens, die unfassbare Persistenz jenes Wunsches, die amerikanische Literatur in ihrem scheinbar so präzisen und desillusionierten Realismus nachzuahmen. Zweitens: Nach wie vor gilt es als Merkmal erlesener Prosa, jede sprachliche Arabeske oder Eleganz strikt zu meiden. Eine artifiziell übersimplifizierte Sprache, die sich einer konstruierten sozialen Realität auf naturalistische Weise andient.

Bei aller Kritik sollte betont werden, dass Thomas Melle mit Sickster einen bemerkenswerten Roman verfasst hat. Dieser Autor hat das Zeug dazu, weitere großartige Texte zu schreiben. Bei allem Wohlwollen gilt aber: Wer diesen Autor schätzen möchte, sollte besser den ersten Roman lesen.


Jo Balle - 3. Oktober 2014
ID 8147
Thomas Melle | 3000 Euro
Hardcover, 208 Seiten
EUR 18,95
Rowohlt Berlin, 2014
ISBN 978-3-87134-777-1


Weitere Infos siehe auch: http://www.rowohlt.de/buch/Thomas_Melle_3000_Euro.3095269.html


Post an Dr. Johannes Balle



 

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