Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 2

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Buchkritik

Den Feind

lieben



Bewertung:    



Der Buchtitel Who The Fuck Is Kafka hat mich auf die falsche Fährte gelockt. Das Buch ist nicht lustig, nicht cool, es ist todtraurig, auch wenn hinter all den Gräuel der Humor der jüdischen Autorin und der ihres palästinensischen Protagonisten aufblitzten. Tel Aviv und Ost-Jerusalem sind die Wohnorte der beiden Menschen, die versuchen eine Brücke zu schlagen zwischen Israel und Palästina, über einen Graben, der so breit geworden ist, dass wohl auch die beste Konstruktion nicht mehr trägt.

Lizzie Doron und Nadim Abu Heni treffen sich zum ersten Mal auf einer Friedenskonferenz in Rom. Tiefes Misstrauen prägt den Umgang zwischen den beiden Menschen, die gemeinsam ein Friedensprojekt realisieren sollen. Zu verschieden sind die Lebensumstände, Erfahrungen und die Kultur, die die beiden prägen. Lizzies Freundin ist bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag ums Leben gekommen, ihre Mutter ist Holocaustüberlebende. Lizzie reflektiert die Problematik gegenüber ihrem Mann.


"Ich wünschte, wir könnten Weltbürger sein, einfach von einem Ort zum anderen ziehen", sagte ich.
Dani schaute mich schweigend an.
"Bedenke doch, was meiner Mutter und ihrer ganzen Familie wegen ihrer Religion passiert ist, schau was Nadim, Mustafa und Laila wegen ihrer Nationalität passiert, und sieh, was uns passiert."

(S. 147)



Nadim der Palästinenser erlebt täglich die Schikanen und Blockaden von israelischen Offiziellen und wird aus seinem eigenen Haus zwangsumgesiedelt. Trotz der extremen Lebenssituationen bewegen sich die beiden Protagonisten aufeinander zu. „Wären wir nicht Feinde, wir wären niemals Freunde geworden“, sagt Nadim, der von Lizzie Doron als Romangestalt geschaffen wird und der für viele ihrer palästinensischen Freunde steht.

*

Lizzie Doron ist Schriftstellerin und sie will ein Buch über die Beziehung zwischen sich und einem Palästinenser schreiben. Nadim ist Fotograf und möchte einen Film darüber drehen. Das Buch liegt vor mir, einen Film gibt es nicht. Das Filmprojekt scheitert nicht am Geld, sondern an der Realisation. Who the Fuck Is Kafka, dieser Spruch fällt in dem Zusammenhang, und er soll wohl für die Verständnisprobleme zwischen Juden und Palästinensern stehen. Der Buchtitel blendet hier nur einen kleinen Teil der Problematik ein, und intellektuelle Ironie wirkt hier nur unangebracht. Dem Filmprojekt stehen viel konkretere Probleme im Weg:

Wer soll auftreten, wo wird gefilmt? Schon eine Jüdin und ein Palästinenser, die sich gemeinsam in der Öffentlichkeit bewegen, werden angefeindet. Nadim wird am Ende stark bedroht, er lebt in Todesangst um sich und seine Familie, und die Gefahr kommt auch von den eigenen Leuten, deshalb muss seine Identität verborgen bleiben. Doch diesen Zwängen zum Trotz äußert er im Buch drei Wünsche, die seine wahre Identität offenbaren könnten.


"Ich habe drei Bitten. Ich bitte Dich, dass das Buch zuerst im Ausland erscheint." Er erklärte, er fürchte um sein Leben.
"Aber Nadim, wer würde dir etwas tun?" Nach drei Jahren konnte er mir doch vertrauen, dachte ich.
"Ich weiß es nicht", antwortete er offen. "Ich weiß es wirklich nicht. Aber eines schönen Tages wirst du es bestimmt herausfinden." Er legte mir die Hand auf die Schulter.
"Und die zweite Bitte?" fragte ich.
"Ich bitte dich, das Buch meiner Mutter zu widmen. Mona Abu Heni." Als er ihren Namen aussprach musste er schlucken.
Er zog die Hand zurück, schlang die Arme um sich, als wollte er sich selbst umarmen.
Er war wirklich durcheinander. Vor gar nicht langer Zeit hat er mich aufgefordert, jede Identität zu verwischen, alle Namen, Orte und Daten zu ändern, und jetzt wollte er, dass ich das Buch seiner Mutter widmete. Ich behielt meine Gedanken für mich.
"Und nun die dritte Bitte', sagte Nadim und lächelte wieder. 'Versprich mir, dass nur ich das Recht bekomme, dein Buch zu verfilmen. Du kennst mich doch, du weißt, dass ich Träume brauche."
Ich versprach es ihm.

(S. 245)



Vielleicht gibt es ihn also doch, Nadim den heimlichen Filmemacher aus Ost-Jerusalem, den heiteren und doch todtraurigen Palästinenser. Wäre es immer so leicht Wünsche zu erfüllen, so könnte der Nahostkonflikt beigelegt werden. So halte ich lediglich ein Buch in der Hand, dass eine Freundschaft zwischen einer Jüdin und einem Palästinenser dokumentiert und das Nadims Mutter gewidmet ist.
Ellen Norten - 25. September 2016
ID 9578
Lizzie Doron | Who the Fuck Is Kafka
257 Seiten, Taschenbuch
Eur 9,90 (D)
E-book, 7,99 Euro (D)
dtv, München 2016
ISBN 978-3-423-14484-1


Weitere Infos siehe auch: https://www.dtv.de/buch/lizzie-doron-who-the-fuck-is-kafka-14484/


Post an Dr. Ellen Norten



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeigen:




LITERATUR Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

AUTORENLESUNGEN

BUCHKRITIKEN

INTERVIEWS

KURZGESCHICHTEN-
WETTBEWERB
[Archiv]

LESEN IM URLAUB

PORTRÄTS
Autoren und Verlage



Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal





Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de