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Buchkritik

Sie arbeitet für ihr Leben gern



Bewertung:    



Beim Buchtitel Arztroman wünscht man sich als Leser ja eine Abrechnung mit dieser gut situierten Berufsklasse mit starker Interessenvertretung und regelmäßig neuen Tarifforderungen. Andere Berufszweige, die auch mit Krankenkassen abrechnen können, müssen sich der Ärzteschaft unterordnen, etwa indem sie eigene Praxen seit kurzem in Medizinische Versorgungszentren verlegen, um dort von Hausärzten angestellt zu werden. Berufszweige wie Ergo-, Sprachheil und Physiotherapeuten leisten sich auch keine landesweiten Kampagnen zur eigenen Imageaufbesserung wie jene „Wir arbeiten für Ihr Leben gern“ 2013 bis 2014. Doch leider ist Kristof Magnussons Roman wenig sozialkritisch und auch keine Abrechnung mit dem weiterhin gesellschaftlich am meisten angesehenen Beruf. Vielmehr konzentriert sich der Roman anschaulich auf das Einzelschicksal einer jungen und fleißigen Notfallärztin, der ganz eigene familiäre und berufliche Probleme übel mitspielen.

Anita Cornelius ist Notfallärztin in einem großen Berliner Krankenhaus. Ihr Exmann Adrian arbeitet als Arzt am gleichen Krankenhaus. Nach einer einvernehmlichen Trennung lebt ihr gemeinsamer 14jähriger Sohn Lukas bei Adrian und dessen neuer Freundin Heidi. Anita sieht ihren Sohn nur noch unregelmäßig, investiert ihre Zeit und Nerven dafür umso mehr in ihre lebensrettende Arbeitstätigkeit. Eines Tages findet Anita unerwartet Adrian bewusstlos auf der Krankenhaustoilette liegen, high von Narkosemitteln. Mehr und mehr muss sich Anita damit konfrontieren, dass sie ihr Privatleben im Vergleich zu ihrem beruflichen Alltag vielleicht doch nicht so souverän meistert.

In Arztroman wird das faszinierende Bild einer Frau gezeichnet, die in ihrem beruflichen Alltag aufgeht, weil sie sich hier als wertvollen und lebensrettenden Menschen wahrgenommen sieht und sich gleichzeitig vor ihrer Freizeit, dem Alleinsein, der Nutzlosigkeit und der Zeit des Nachdenkens fürchtet:

„Doch auch die Zeit der vielen Dienste mit ihren Ablenkungen konnte nicht ewig dauern. Schon bald kamen einige freie Tage auf sie zu, an denen sie ihrem Privatleben schutzlos ausgeliefert wäre, im Vergleich zu dem ihr der Berliner Rettungsdienst wie ein Wellness-Resort mit freundlichen Menschen und paradiesischer Ruhe vorkam. Anita versuchte, den Gedanken daran zu verdrängen, doch die freien Tage kamen näher, bedrohlich und unausweichlich wie ein Eisberg.“ (Kristof Magnusson, Arztroman, S. 186)

Kristof Magnusson konfrontiert den Leser immer wieder damit, dass der tatsächliche berufliche Alltag von Rettungskräften nicht mit üblichen Klischeevorstellungen übereinstimmt. So enttäuschen Anita und ihr Kollege Maik mitunter gängige Vorstellungen, wenn sie bei einem Notfalleinsatz auftauchen: „Viele Leute erwarteten, dass Rettungskräfte die meiste ihres Tages rennend verbrachten, da ja angeblich jede Sekunde zählte. Doch Maik und Anita wussten, dass es nicht half, vollkommen außer Atem an der Einsatzstelle anzukommen. Wichtiger als ein paar Sekunden war ein klarer Kopf.“ (S. 113)

Stets überrascht die Gedankenwelt der Hauptfigur Anita, etwa wenn sie sich und ihr Tun im direkten Kontakt zu ihrem familiären Umfeld wahrnimmt und infrage stellt. Sie stellt sich und ihre familiäre Umgebung daraufhin oft im Licht eines Nachtdiensts im Rettungsdienst vor, in der sie das eigene Tun nicht hinterfragen darf, sondern ohne Zeitverzögerung direkt reagieren muss. Ein Beispiel hierfür ist ihr Besuch bei den Eltern, bei dem sie diese über die Trennung von ihrem Ehemann unterrichtet:

„Anita spürte eine Enge in der Brust, die erst besser wurde, als sie sich vorstellte, sie sei bei einem Einsatz. Sie betrachtete das Körbchen mit den Medikamenten auf der Fensterbank, die Fotos in ihren Rahmen, sah sich um, wie sie es manchmal bei Einsätzen tat, um sich die Leute in ihrem normalen Leben vorzustellen, an Tagen, die nicht so schlimm waren, dass sie den Rettungsdienst rufen mussten. Sie sah auf die Arme ihrer Mutter, sucht nach guten Venen, nach Zugängen zu diesem Menschen.“ (S. 204)

Während der ungewollt gewohnheitsmäßige Ärzteblick Anitas durchaus fasziniert, erinnern die amourösen Verwicklungen und Konflikte in Arztroman bisweilen an rührige Liebesromane der irischen Schriftstellerin Maeve Binchy, in denen die Frauenfiguren oft auch unter Einsamkeit, Eifer- und Sehnsucht leiden.

„Mit positivem Denken war jetzt Schluss. Positives Denken funktionierte nur für Menschen, die es ohnehin nicht brauchten. Am liebsten wäre sie auf den Tresen geklettert und hätte es laut verkündet, wie sie sich fühlte: einsam, besiegt und zertrampelt. Heidi hatte gewonnen. Die Heidis dieser Welt gewannen immer." (S. 274)

Detailreich zeigt der Roman auch viel Berliner Lokalkolorit, wenn etwa Anita und Maik einmal auf dem Weg zum nächsten Einsatz Wartende vor der Konzertlocation Huxley’s Neue Welt beobachten. Ein anderes Mal erhofft sich Anita, vor dem Pergamonalatar im Pergamonmuseum stehend, dass „diese alten Steine, klassisches Erbe“ ihre Probleme klein erscheinen lassen und „in das richtige Verhältnis zu etwas Größerem, Heilerem“ setzen würden.

Ein insgesamt kurzweiliger, unterhaltsamer und manchmal auch etwas kitschiger Roman, der durch überraschende Wendungen und Beobachtungen immer wieder an Spannung gewinnt.
Ansgar Skoda - 27. Dezember 2014
ID 8340
Kristof Magnusson | Arztroman
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
Euro 19,95
Verlag Antje Kunstmann, 2014
ISBN 978-3-88897-966-8


Weitere Infos siehe auch: http://www.kunstmann.de/titel-0-0/arztroman-1066/


Post an Ansgar Skoda

ansgarskoda.wordpress.com



 

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