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Roman-Kritik

Neue Heimat,

Alte Heimat



Bewertung:    



Vielleicht ist Heimat der Ort, an den man zurückkehrt, wenn einem die Welt fade geworden ist. Ein inneres Milieu, das ein Leben lang darauf wartet, wiederbelebt zu werden. So jedenfalls ergeht es Werner Kapok, dem Helden in Kathrin Schmidts Roman Kapoks Schwestern. Früh drängt er hinaus in die Welt. Nun, im Alter, findet er sich wieder im einst verhassten Berlin-Treptow, wo die DDR noch immer wie ein behäbiger Nachtmar zwischen den Rabatten der Schrebergärten kauert.

Kapoks wiedergefundene Heimat, die Siedlung „Eintracht“ am Ligusterweg, entpuppt sich als Epizentrum deutschen Wohlbehagens. Eine Mischung aus Peinlichkeit und Passion, aus Prüderie und Passivität. Und doch fühlt sich der ehemalige Philosophieprofessor gerade in diesem Milieu zunächst pudelwohl. Doch die Hecken der verlassenen Siedlung werden für ihn lediglich zu einem porösen Schutzwall vor den Gespenstern der Vergangenheit.

Denn an diesem geschichtsberuhigten Ort wohnen seit jeher auch die Geschwister Schaechter: Claudia, die Kostümbildnerin und Barbara, die als Sachbearbeiterin im Bezirksamt Marzahn arbeitet. Sie beide sind Kapoks Schwestern, freilich nicht seine leiblichen, sondern Geschwister im Geiste. Werner hat den Nachbarstöchtern in jungen Jahren den Hof gemacht und von ihnen gelernt, was es heißt, am Leben zu sein. Nach der Wende, als er sich unter den Schlägen des neu erwachenden Kapitalismus in seine Laube verkriecht, taucht er ein in die piefige Welt des Ligusterweges. Und wieder beginnt er den Schwestern zu verfallen.

Gescheiterte Existenzen sind die Figuren dieses Nach-Wende-Romans allesamt. Kapok erhält im Herbst '89 die lang erstehnte Professur, leider vom marxistisch-leninistischen Forschungsbereich, der kurz darauf entsorgt wird. Seine Flucht vor den westlichen Säuberungswellen und den Launen seines Gedächtnisses endet im schleierhaften Mief der Provinz. Dort gibt er den Narren, trägt Unterhosen auf dem Haupt und wird von den Einheimischen als harmloser Irrer abgetan. In diesen Szenen gelingt der Autorin eine wunderbare Satire auf die Seelenlage der Nachwendezeit. In Rückblenden entspinnt sich die vertrackte Geschichte der beiden Nachbarsfamilien, den Schaechters aus dem polnischen Przemyśl und dem jüdischen Clan der Kapoks.

Kathrin Schmidts Roman geleitet den Leser durch Jahrzehnte voller Unruhe und Zwist, um schließlich in der Friedhofsruhe des Stadtrandes zu enden. Dabei entwirft sie ein verstörendes Abbild der DDR und ihrer Nachwehen. Ihr hartgesottener Realitätssinn, der auf nichts Geringeres abzielt als das vermaledeite Menschenmaß, stillt bisweilen sogar die Sehnsucht des Lesers nach einem befreienden Möglichkeitssinn. Viel mehr kann ein Buch nicht leisten.
Jo Balle - 16. September 2016
ID 9551
Kathrin Schmidt | Kapoks Schwestern
448 Seiten, geb. m. Schutzumschlag
EUR 22,00 (D) | EUR 22,70 (A)
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2016
ISBN 978-3-462-04924-4


Weitere Infos siehe auch: http://www.kiwi-verlag.de/buch/kapoks-schwestern/978-3-462-04924-4/


Post an Dr. Johannes Balle



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