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Buchkritik

Freiheit den

Füchsen,

Friede den

Igeln



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Alternative Fakten schaden der Gesundheit. Dem könnte Richard Kraft, seines Zeichens Rhetorik-Professor in Tübingen, nur zustimmen. Auf seinen grotesken Streifzügen durch das Silicon Valley sucht er nach einer Antwort auf die Preisfrage der Stanford University, warum alles gut ist und man es dennoch verbessern kann. Dafür wurde eine Million Dollar ausgelobt. Kraft wird bei seinem clownesken Versuch, diese sehr amerikanische Version der Theodizeefrage zu beantworten, kläglich scheitern.

Blitzgescheit ist diese Prosa des Schweizer Autors Jonas Lüscher. Ein philosophierender, bisweilen zynischer Erzähler geleitet den Helden durch ein groteskes Zerrbild Kaliforniens. Kraft unternimmt alles, um den unliebsamen Wahrheiten seines Lebens aus dem Weg zu gehen. Doch seine Mühen gleiten ins Parodistische ab. Die luziden Erzählerkommentare indessen, die das Versteckspiel seiner Existenz genüsslich filetieren, sind in ihrer prickelnden Mehrdeutigkeit schwer zu überbieten.

Jonas Lüscher erzählt nicht nur die Geschichte vom Scheitern eines Mannes, der sich im Laufe seines Lebens in einer alternativen Welt eingerichtet hat. Es ist vor allem auch eine Reflexion über die Krise des politischen Freiheitsbegriffes. So verstand sich Kraft seit seiner Studienzeit als Marktliberaler. Während der akademische Mainstream der Ordnungspolitik frönte, favorisierte er Thatcher und Reagan. Dabei verschaffte ihm gerade seine Trommelei für die Reaganomics einen Originalitätsvorsprung. Im Namen der Freiheit prangerte er die Idee der substantiellen Gerechtigkeit wortgewandt an und wurde dafür belohnt.

Nun aber pulverisiert sich Krafts Hausreligion ausgerechnet im wüsten Land des nicht enden wollenden ökonomischen Optimismus. Der Roman dekonstruiert die Widersprüche, die der Neoliberalismus, konsequent zu Ende gedacht, von selbst erzeugt. Während des Abendessens mit dem Gründer des „Amazing Future Fund“ holen ihn die Phrasen der Freiheitsideologie erbarmungslos ein. Kraft, der sich nach einer antiken Fabel stets als flinken Fuchs sah, der viele Eisen im Feuer hat statt als behäbigen Igel, der sich nur einer Sache verschreibt, erkennt, dass in der postmodernen Wüste für den Igel kein Sandkorn zu viel liegt. Gerade der Spott des Fuchses über den Gerechtigkeitssinn des Igels desavouiert die Idee, Freiräume allein taugten als politische Programme. Während der Fuchs jedes Sandkorn erkundet, um sich davon loszusagen, verzichtet der Igel auf unbedingte Freiheit und kümmert sich um das, was vor seinen Augen liegt. Es wäre ein alternatives Faktum gewesen, wenn sich Kraft den Igeln angeschlossen hätte, um die Füchse aus ihrem Bau zu vertreiben. Es steht zu vermuten, dass es ihm gut bekommen wäre.

Jo Balle - 23. März 2017
ID 9929
Jonas Lüscher | Kraft
237 S., geb.
EUR 19,95
C. H. Beck Verlag, 2017
ISBN 978-3-406-70531-1


Weitere Infos siehe auch: http://www.chbeck.de/Luescher-Kraft/productview.aspx?product=17627187


Post an Dr. Johannes Balle



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