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Sachbuch-Kritik

Esoterischer

Blickwinkel



Bewertung:    



Die Frage wird sich fast jeder Mitteleuropäer einmal stellen, für sich selbst oder für einen Angehörigen: Sollen nach dem Hirntod Organe für einen anderen Menschen gespendet werden? Die Listen der Menschen, die auf eine Organspende warten, sind lang, und mancher von ihnen stirbt, weil für ihn kein Spenderorgan zur Verfügung steht. Gesellschaftlich ist die Organspende gewollt, und eigentlich ist es ein Akt der Barmherzigkeit, dies für einen Mitmenschen zu tun. Doch der niederländische Pfarrer Hans Stolp spricht sich klar gegen die Organspende [so auch der Übertitel seines Buches] aus.

„Ein Hirntoter ist nicht tot, er ist ein Sterbender und stirbt auf dem OP-Tisch durch Zutun der Ärzte.“ zitiert Hans Stolp [auf Seite 13] die Meinung anderer Ärzte, die er allerdings nicht namentlich nennt, anstatt hier seine eigene Meinung zu vertreten. Hier beginnt das erste Manko des Buches. Die Belege sind schwammig. Ein Dr. Paul Pearsall wird als ehemaliger Leiter eines klinischen Forschungszentrums an einer großen Klinik in Amerika vorgestellt. Welche Klinik, und wo liegt sie? Amerika ist groß, umfasst Nord- und Südamerika. Gerade Dr. Pearsall wird aber als zentrale Quelle bemüht, wenn es um die im Untertitel [Übertragen Organe Bewusstsein?] aufgestellte These geht, dass das Herz eine eigene Form von Intelligenz besitzt und damit also Bewusstsein überträgt.


„Das Herz ist folglich nicht nur Materie, sondern verfügt auch über geistige Kräfte, die es befähigen, selbstständig zu denken. Außerdem hat Pearsall auch nachgewiesen, dass die Zellen unseres Körpers über ein Gedächtnis verfügen, so dass bei einer Organspende nicht nur Materie, sondern auch das Denken dieses Organs sowie die Erinnerungen, die in den Zellen dieses Organs gespeichert sind, transplantiert werden. Um diese Schussfolgerungen seiner wissenschaftlichen Studie zu belegen, führt er eine Reihe von Beispielen an. "
(S. 45)



Schade, hier wird der Eindruck von Wissenschaftlichkeit erweckt, die in keiner Weise belegbar ist. Doch derjenige, der keine Erfahrung mit dem Umgang von Quellen hat, wird sich hier blenden lassen.

Es wäre ehrlicher und auch in keiner Weise kritikwürdig, wenn hier Hans Stolp einfach seine Meinung verträte. Er hat Sterbende begleitet, verfügt über viele Erfahrungen und steht für einen spirituellen Glauben. Wenn er tatsächlich einmal seine Meinung vertritt, so geschieht dies umständlich und langatmig, als ob sie einer Rechtfertigung bedürfe.

Anders dagegen steht es um die im Buch genannten Beispiele, die von dem ominösen Dr. Pearsall stammen. Vielleicht stimmt es ja tatsächlich, dass der überzeugte Vegetarier nach der Organspende zum Fleischesser wurde, dass die bildliche Erinnerung einer Organempfängerin zur Fassung des Mörders der Organspenderin führte und dass das Herz einer Prostituierten zu einem lebendigen Eheleben der Organempfängerin führte. Überprüfen kann der Leser diese außerordentlich interessanten Behauptungen nicht.

Dann galoppiert der esoterische Pfarrer weiter. Den Organen werden Funktionen zugesprochen, die auf einen Ätherleib zurückzuführen sind.


„Im Ätherleib der Nieren sind auch Erfahrungen aus früheren Leben im Bereich der Kommunikation gespeichert" (S. 66)


und


„die Lungen nicht nur Atemholorgane sind, sondern in der Tat auch Organe, die Nahrung (aus der Luft oder dem Kosmos) aufnehmen und unseren Körper damit nähren." (S. 69)


Hier wird der ernsthafte Leser spätestens die Orientierung verlieren und den Kopf schütteln. Schade - Antworten auf ein ernstes Thema wie die Organspende sehen für mich anders aus.

Auf die sicher wichtige Frage, ob die Sterbephase durch die Organentnahme nicht künstlich unterbrochen wird, gibt der Autor eine eher unerwartete Antwort. „Ich bin daher absolut glücklich darüber, wissen zu dürfen, dass eine große, unvorstellbare und so liebevolle Hilfe aus der Engelwelt auf den Organspender zukommt, um ihn zu umhüllen.“ (S. 117) - tröstlich für den, der an Engel glaubt.

Vermutlich richtet sich das Buch an eine verschworene, esoterische Leserschaft, was man dem Buch leider nicht ansieht. Wer sich einfach mal mit Argumenten gegen eine Organspende auseinandersetzen möchte, sollte von diesem Buch besser die Finger lassen.
Ellen Norten - 29. Juli 2016
ID 9454
Hans Stolp | Organspende
Übertragen Organe Bewusstsein?

160 Seiten
EUR 14,95
Crotona Verlag, Amerang, 2016
ISBN 978-3—861191-077-0


Weitere Infos siehe auch: http://www.crotona.de/buchdetail.php?isbn=978-3-86191-077-0


Post an Dr. Ellen Norten



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