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Biografie

Unübersichtliche Gemengelage



Bewertung:    



Hundert Jahre Erster Weltkrieg - das ist kein Jubiläum zum Feiern. Doch die fokussierte Berichterstattung über die damaligen Ereignisse bringen einem die Gräuel näher und machen die damit verbundenen Besonderheiten begreifbar.

„Das blutige Schlachten, das im August 1914 begann, stellte alle bisherigen Vorstellungen von Krieg in den Schatten. Von den Soldaten und Offizieren aller Nationen kamen bis 1918 fast zehn Millionen um, eine unvorstellbare Zahl. Die Waffentechnik ermöglichte erstmals den Krieg im industriellen Maßstab. Geschützartillerie und Maschinengewehre konnten binnen kürzester Zeit eine enorme Zahl von gegnerischem Militärpersonal töten. Eisenbahnverbindungen sorgten für den steten Nachschub an Kanonenfutter, das zügig an die Front verlegt wurde. Erstmals kam Giftgas zum Einsatz, wenn auch nicht flächendeckend. In massiven und opferreichen Großoffensiven peitschten die Generäle ihre Männer immer wieder vor das Mündungsfeuer der Gegenseite.“ (S. 40)

Auslöser für das Desaster waren die Schüsse von Sarajevo. Am 28. Juni 1914 tötete der bosnisch-serbische Revolutionär Gavrilo Princip den habsburgerischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie Chotek. Doch wer war der junge Rebell, der nach der Tat nicht zum Tode verurteilt werden durfte, da er nicht einmal volljährig war? In Sarajevo waren seine Fußabdrücke lange Zeit an der Stelle in den Asphalt gegossen, von der aus er die tödlichen Schüsse abgab. Seit dem Kriegsbeginn 1992 sind diese verschwunden. Vielleicht zeigt schon dieser schlichte Sachverhalt, dass auf dem Balkan eine Gemengelage herrscht, die nach wie vor unübersichtlich in ihren politischen Machtansprüchen und ihren ethnischen Zugehörigkeiten ist.

So auch Gavrilo Princip selbst, er ist ein Serbe, der in Bosnien geboren wird. Trotz ärmlichster Verhältnisse schafft er es auf die höhere Schule nach Sarajevo. Die Situation in der Stadt ist eine besondere. Der noch vorhandene orientalische Einfluss der Türkenherrschaft mischt sich mit den Strukturen der österreichisch-ungarischen Monarchie, die seit gut einer Generation das Ruder übernommen hat und gegen die viele junge Menschen rebellieren. Nachdem der körperlich schwache Princip den Schulabschluss wegen häufiger Krankheiten in Sarajevo nicht schafft, geht er nach Belgrad, um dort die Schule zu beenden. Im freien, aber von außen bedrängten Serbien wird er weiter vom revolutionären Gedankengut entflammt. Als er für sein geliebtes Heimatvolk Serbien in einer Freischärlergruppe kämpfen will, weist deren Führer ihn wegen körperlicher Schwäche ab.

Spätestens nach dieser Demütigung reift in ihm der Attentatsgedanke, nun will er die Sache selbst in die Hand nehmen. Im Sommer 1914, in dem der Thronfolger Franz Ferdinand Sarajevo besucht, brennt dort die Luft. Die Jungbosnier sind aufgeheizt. Princip plant das Attentat mit drei Freunden, logistisch unterstützt von dem serbischen Geheimdienstführer Apis. Hier wird der Sachverhalt äußerst kompliziert. Nach den Recherchen des Autors mischen sich die Nachfahren dieses dubiosen Obersts bis zum heutigen Tag in die Politik Serbiens ein, das Attentat gegen den reformwilligen Ministerpräsidenten Zoran Djindjić sieht er in diesem Zusammenhang. Doch zurück zum Attentat von 1914. Sechs potentielle Schützen sind in Sarajevo auf dem Weg des Thronfolgers positioniert, drei davon kennt Princip aus konspirativen Gründen nicht einmal. Er ist der einzige, der schießt, tödlich trifft und sofort festgenommen wird.

„Unsere Geister werden durch Wien ziehen, durch die Hofburg wandern, die Herrschaften erschrecken.“ (S. 150)

Schreibt er später an seine Zellenwand. Den Weltkrieg wollte er mit seiner Tat nicht auslösen, der wäre aus seiner Sicht auch so gekommen. Es war der Gedanke an einen großen südslawischen Staat aus Kroaten, Serben und Slowenen, den er träumte, doch seine Ziele sind heute ferner denn je. Gavrilo Princip stirbt 1918 qualvoll an Touberkolose in der Festung Theresienstadt, die später unter den Nazis traurige Berühmtheit erlangen sollte.

Wir erfahren [in Verschwörung in Sarajevo] viel über den Attentäter in seiner Zeit. Bezüge führen zur heutigen Situation auf dem Balkan. Das ist spannend, aber in seiner Unübersichtlichkeit auch verwirrend. Der Autor Gregor Mayer lebt u.a. in Belgrad und ist Balkanexperte. Er hat aufwendig recherchiert, die angegebenen Quellenangaben zeichnen das Buch aus. Doch damit ist es oft auch schwere Kost. Dennoch habe ich das Gefühl bei der Lektüre etwas über den Balkan gelernt zu haben. Vielleicht fasst das Zitat der Dramatikerin Biljana Srbljanović die schwierige Gemengelage zumindest bezogen auf die Person von Gavrilo Princip dies zusammen:

„Princip war ein mutiger, verrückter Junge, der glaubte etwas Gutes getan zu haben. Er war weder ein Held noch ein Terrorist, sondern ein Opfer.“ (S. 149)


Ellen Norten - 10. August 2014
ID 8011
Gregor Mayer | Verschwörung in Sarajevo
160 S., 11 Abb.
Geb. m. Schutzumschlag
EUR 19,90
Residenz Verlag, 2014
ISBN 978-3-7017-3294-4


Weitere Infos siehe auch: http://www.residenzverlag.at


Post an Dr. Ellen Norten



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