Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 2

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Roman

Küssen,

Streiten,

Schreiben



Bewertung:    



Schreiben bedeutet so zu tun, als pfeife man darauf. Ohne darauf zu pfeifen. Mit der Liebe ist es ähnlich. Doch während die Literatur verzeiht, trägt die Liebe nach. Sie findet sich nicht damit ab zu scheitern. So gesehen ist die Literatur der leichtere Horror: Man wird nicht dazu eingeladen unterzugehen. Man lädt sich selbst dazu ein.

New York 1940: Jerry Salinger begegnet eines Nachts im berühmten Stork Club der blutjungen Oona O'Neill, Tochter des Dramatikers Eugene O`Neill. Sie erinnert ihn an die Porträts junger Naiver von Jean-Baptiste Greuze: "Das Adjektiv 'clumsy' schien eigens dafür erfunden, ihre fürchterliche Unbeholfenheit zu bezeichnen. Man verspürte das Bedürfnis, die herrenlose Katze zu adoptieren." Kurze Zeit später ist es Charlie Chaplin, der diesem Bedürfnis nachkommt, indem er sie heiratet und zum Vater ihrer acht Kinder wird. Salinger unterdessen meldet sich zur Armee und entdeckt ausgerechnet im Krieg seine romantische Seite. Die Liebesbriefe an Oona bleiben unbeantwortet. Während sie in Hollywood wie eine Diva lebt, wird er den Welterfolg Der Fänger im Roggen schreiben. Jener Roman, von dem William Faulkner sagte, er sei das beste Stück Literatur seiner Generation. Salinger aber wird sich für den Rest seines Lebens in die Einsamkeit zurückziehen und die Affäre mit der Frau aus dem Stork Club nie vergessen.

Frédéric Beigbeder bezeichnet seinen Roman Oona & Salinger im Vorwort als "faction", was in etwa Truman Capotes Idee der "non-fiction novel" entspricht: "Eine Erzählform, die alle Techniken der Fiktion nutzt, dabei aber so nah wie möglich an den Ereignissen bleibt." Beigbeder kommentiert dieses Verfahren augenzwinkernd: "Wäre diese Geschichte nicht wahr, so wäre ich zutiefst enttäuscht."

Das literarische Experiment der Story: Was bedeutet es, die eigene Existenz konsequent aus der Erfahrung einer gescheiterten Liebe zu entwickeln? Beigbeder verzichtet auf die ätzende Ironie, die für ihn sonst typisch ist und scheut auch vor rührseligen Dialogen nicht zurück. Es ist dieser sanftmütige Realismus, der den Leser für die Geschichte einnimmt. Abgesehen vom amüsanten Reflexionstalent des Autors: "Sich küssen und sich streiten, das ist doch das Geheimnis des Glücks. Love is a touch and yet not a touch. Liebe bedeutet, sich zu suchen, ohne sich zu finden. Wenn dieses Spielchen gut gespielt wird, kann es ein ganzes Leben ausfüllen."

Zweifel sind angebracht, ob dieses Konzept taugt. Bei ihrer letzten Begegnung, vierzig Jahre später, sagt Salinger: "Ich bin seit Mai 1945 tot, aber du warst es von Anfang an, seit dein Vater dich verlassen hat." Dann verabschiedet er sich lächelnd von seiner großen Liebe. Oona aber wischt sich mit dem Handrücken, den Jerry eben noch küsste, die Augen, trinkt einen Schluck und setzt ihre Sonnenbrille auf, bevor sie die Bar verlässt. Im Gegensatz zu Jerry fehlt ihr der kümmerliche Trost der Literatur.
Jo Balle - 7.März 2015
ID 8483
Frédéric Beigbeder | Oona und Salinger
Hardcover
304 S., geb. m. Schutzumschlag
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | sFr 28,90
Piper Verlag, 2015
ISBN 978-3-492-05415-7

Weitere Infos siehe auch: http://www.piper.de/buecher/oona-und-salinger-isbn-978-3-492-05415-7


Post an Dr. Johannes Balle



 

LITERATUR Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

AUTORENLESUNGEN

BUCHKRITIKEN

INTERVIEWS

KURZGESCHICHTEN-
WETTBEWERB
[Archiv]

LESEN IM URLAUB

PORTRÄTS
Autoren und Verlage



Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal





Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de