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Rezension

Der Bulle im Zug



Bewertung:    



Moby Dick hätte jedem ein Bein ausreißen können, deshalb wäre es keinem Krüppel eingefallen, sich bei der Jagd auf den weißen Wal das andere Bein selbst auszureißen. Keinem, außer einem, wie wir aus der Literaturgeschichte wissen. In den Hafenkneipen von Tortuga bis Falafel saßen zu Moby Dicks Zeiten genug behinderte Matrosen und sprachen von Künstlerpech und Berufsrisiko. Hoffentlich Allianzversichert, hieß es allgemein. Nur dieser nachtragende Kapitän Ahab fand es notwendig, dem weißen Wal seiner Qual als Heimsuchung zu erscheinen, auf der ollen „Pequod“. Ich nehme an, daran dachte Franz Dobler, als er seinen Helden, Kriminalhauptkommissar Fallner, in einem weißen Hai auf die Reise schickte. Auch Fallner ist ein Versehrter, vier Wochen braucht er, um in einen Zug zu steigen.

Wer Dobler kennt, der weiß, dass Fallner raucht. Die Vorläufer seines weißen Hais rauchten auch, ihre Nachfolger schlucken nicht mal mehr. Man nennt sie Triebköpfe und sagt ICE. Nur Dobler sagt „weißer Hai“. Fallner flieht folglich im Bauch eines weißen Hais vor seinem Verfolger, der ihm im Traum erscheint. Es handelt sich um einen Libanesen, den Fallner nach seinem Verständnis der Lage in Notwehr erschossen hat. Es gibt Kollegen, die Putativnotwehr annehmen. Fallners Partner verweigert die Unterstützung, seine Frau geht ihn spöttisch an. Jaqueline hat Fallner bei einem Nashville Pussy-Konzert aufgerissen und war erst einmal belustigt, als er sich als Mann von ihrem Fach zu erkennen gab. Wie sollte Fallners Schöpfer auch einen überzeugenden Bullen der Welt zum Fraß vorwerfen können? Fallner strotzt vor Musikalität, Eigensinn und Antifaschismus. Ihn hemmt das Repertoire eines Schriftstellers. Im Grunde ist er auf Lesereise. Er liest die Wimmelbilder auf Bahnhöfen - Fallner hat seine Therapeutin gegen eine Bahncard 100 eingetauscht. Er lebt in vollen Zügen. In Frankfurt am Main nimmt er die Spur eines Serienkillers auf, in Kassel an der Fulda würdigt er Kunst am Bau. Er trifft einen greisen Berufsmörder, der wie Bill Burroughs aussieht und einen Stockdegen in Bereitschaft hält. Seine Frau stöbert er im Bett eines anderen auf, um im Sprung über Rimbaud zu stolpern: „Je est un autre.“

Fallner hört Lee Morgan. Er weiß, eine komplizierte Geschichte muss man einfach erzählen. Ihn spreizt eine Vorliebe für die sowjetische Makarow, einst Faustfeuerwaffe der bewaffneten Organe der SBZ/DDR. Ihre offizielle Bezeichnung war „9-mm-Pistole M“. Später nannte man sie „PM 9“. Sie wurde in Lizenz im Ernst-Thälmann-Werk Suhl produziert. Fallner meditiert über melierte Griffschalen. Er zitiert in gewundenen Lettern einen Hauptsatz der amerikanischen Verfassung: „God created man, Sam Colt made them equal.“ Er sucht seine Potenz und freut sich über jede genitale Zuckung als Zeichen der Genesung. Ich rücke die Dinge so zusammen, wie sie im Roman auf ein Regal gehören.

Fallners Zugbegleiter bleibt die Frage: War es Notwehr? Der Libanese, auf den er geschossen, war bewaffnet. Die Leiche, auf die er dann herabsah, wurde von keiner Waffe beschwert. Wo war die Waffe? fragt sich Fallner. In seinem Gehirn als Gespinst?


Jamal Tuschick - 28. August 2014
ID 8044
Franz Dobler | Ein Bulle im Zug
347 Seiten
21,95 Euro
Verlag Klett-Cotta, 2014
ISBN 978-3-608-50125-4


Weitere Infos siehe auch: http://www.klett-cotta.de/buch/Literarischer_Krimi/Ein_Bulle_im_Zug/48932


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