Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 2

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Rezension

Chroniken des Terrors



Bewertung:    



Als im Mai 1981 die peruanische Terrorgruppe "Leuchtender Pfad" über die Landesgrenzen hinaus aufgrund ihrer kompromisslosen Brutalität Aufsehen erregte, war dies der Beginn eines zehnjährigen Bürgerkrieges, dem etwa 70.000 Menschen zum Opfer fielen und der das Andenland nachhaltig veränderte. Es ist dieser Terror, der den historischen Hintergrund des Romans Des Nachts gehn wir im Kreis des amerikanischen Autors Daniel Alarcón bildet, dessen Eltern Peru einst selbst als politische Flüchtlinge verließen.

In Alarcóns Roman reist der Dramatiker Henry Nuñez, Kopf einer Guerillatheatergruppe namens "Diciembre", mit seinem politischen Drama Der dumme Präsident durch ein lateinamerikanisches Land im Bürgerkrieg. Alles deutet darauf hin, dass diese politische Parabel in Peru zu verorten ist, nicht zuletzt wegen der Sprache der Andenvölker, Quechua. Nuñez' Bühnenstück wird von der Regierung als "subversiv" eingestuft, denn darin kommt es zur Ermordung des Staatsoberhauptes durch einen Diener. Es dauert nicht lange und Nuñez kommt dafür ins Gefängnis. Man scheibt das Jahr 1983, und dieser infernalische Ort ist einer Danteschen Hölle vergleichbar: Die schlimmste Grausamkeit ist - abgesehen von Hunger, Demütigung und Isolation - die unerbittliche Eiseskälte der Anden.

Im Gefängnis lernt Henry Nuñez Rogelio kennen und lieben, eine Liasion in Schmutz, Dunkelheit und Kälte, die jäh mit dem Tod des Geliebten im Zuge eines Gefängnismassakers durch die Sicherheitskräfte endet - übrigens ein weiteres historisches Notat, denn auch die blutigen Aufstände im Juni 1986 in den peruanischen Gefängnissen, in deren Verlauf mehrere hunderte Gefangene ihr Leben verloren, sind reale Ereignisse des Bürgerkrieges in Peru. Zwanzig Jahre nach der Uraufführung bringt Nuñez gemeinsam mit dem jungen Schauspieler Nelson das Stück erneut auf die Bühne, diesmal in der Geburtsstadt Rogelios. Ein dort ansässiger Journalist, der sich im Laufe des Romans als der Ich-Erzähler herausstellt und die Geschichte in der Rückschau im Tonfall eines Reporters erzählt, recherchiert zu diesem Zeitpunkt über das Leben Nelsons, der schließlich aufgrund seiner politischen Theateraktivität ebenfalls hinter Gitter landet. In seinen facettenreichen Schilderungen der Tournee durch die Provinz erweist sich Alarcón als ein äußerst kenntnisreicher und blitzgescheiter Erzähler, der ein erstaunliches Talent dafür besitzt, die vielschichtigen Figuren seines Romans in die bizarren Atmosphären der Spielorte und Landstriche einzubetten.

Das Lateinamerika Alarcóns erinnert mehr an Roberto Bolaño als an Gabriel Garcia Márquez. Doch ebenso wie bei diesen Autoren begegnet man auch in Alarcóns Roman einem scharfkantigen Realismus, dem man nicht restlos vertrauen mag, da er stets über das hinausweist, was er uns gerade zeigt. Alarcón illuminiert damit geradezu die Grenzen des politischen Romans, der bisweilen einer biederen dokumentarischen Genügsamkeit Vorschub leistet. Sein Chronist, dem man schon deshalb nicht über den Weg traut, weil er sich notorisch hinter einer Flut recherchierter Zitate und Paraphrasen zu verstecken scheint, beweist indessen durchaus Sinn für die Monstrosität der politischen Wirklichkeit Lateinamerikas und vermag gleichzeitig seine fibrige Lust am gesellschaftlichen Albtraum nicht zu verbergen.

Alarcóns Fabel auf ein Land, dessen Moral durch die Drogenkriege ausgehöhlt, dessen Demokratie durch die Intrigen der Hinterzimmerpolitik und durch den Terror der Staatsorgane in die Knie gezwungen wurde und dessen Traditionen einem zynischen Neoliberalismus zum Opfer fielen, leuchtet am Ende ebenso ein wie jenes Bild, das dem Roman den Titel verlieh: Während die Häftlinge nachts im Kreis gehen und das Gefängnislager, jener bestialische Unort, wie ein Raubtier dahinschlummert, kommt in dieser Bewegung eine neuerliche subersive Choreografie zum Tragen, die das schlafende Land in einen Taumel werfen und die Verhältnisse erneut zum Tanzen bringen wird.
Jo Balle - 2. Dezember 2014
ID 8288
Daniel Alarcón | Des Nachts gehn wir im Kreis
352 S., geb. m. Schutzumschlag
22,90 € / eBook 19,99 €
Verlag Klaus Wagenbach, 2014
ISBN 978-3-8031-3263-5


Weitere Infos siehe auch: http://www.wagenbach.de/buecher/titel/955--des-nachts-gehn-wir-im-kreis.html


Post an Dr. Johannes Balle



 

LITERATUR Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

AUTORENLESUNGEN

BUCHKRITIKEN

INTERVIEWS

KURZGESCHICHTEN-
WETTBEWERB
[Archiv]

LESEN IM URLAUB

PORTRÄTS
Autoren und Verlage



Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal





Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de