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Roman-Kritik

Ted Hughes

Liebe zu

Sylvia Plath



Bewertung:    



„Ich erinnere mich noch genau, wie sanft sie schaute, als sie daraufhin sagte, dass die Liebe zu mir dem ähnele, einem Beinah-Sterben, einer Ergebung, die der Ergebung in den Tod gleiche.“

(Connie Palmen, Du sagst es)


*

Leidenschaft in der Liebe und die Faszination des Todes sind die wohl weitverbreitetsten Themen der Literatur. In ihrem Roman Du sagst es erzählt Connie Palmen die fiktive Autobiografie eines der berühmtesten Liebespaare der modernen Literatur: Die amerikanische Schriftstellerin Sylvia Plath (1932-1963) und der englische Dichter und Schriftsteller Ted Hughes (1930-1998) waren von 1956 bis zum Freitod Plaths verheiratet. Sie schrieben Seite an Seite, veröffentlichten in namhaften Zeitungen, gewannen Literaturpreise, inspirierten und förderten sich gegenseitig und hatten zwei Kinder. Nach ihrem dramatischen Selbstmord wurden Plaths aggressiven und anklagenden Werke im Zeichen ihres tragischen Suizids gedeutet. Sie wurde zur Ikone der frühen Frauenbewegung und zur Märtyrerin stilisiert, die im Kampf gegen das Patriarchat verloren hatte. Sie galt als Opfer ihres Mannes, der sich von ihr wegen einer anderen Frau trennte und sie mit zwei Kleinkindern alleine ließ. Hughes äußerte sich zeitlebens nicht gegen Schuldzuweisungen des Verrats an seiner Frau. Die niederländische Erfolgsautorin Palmen wählt nun seine Erzählstimme, wenn sie Hughes auf seine Ehe und den Tod seiner Frau zurückblicken lässt. Sie gibt seinen Gedanken und Gefühlen Raum und berührt insbesondere zu Anfang mit packenden Passagen über den Prozess des Schreibens, der das Leben des jungen Paares bestimmte:


„Wer schöpferisch sein will, muss in seinem Leben dutzende Male sterben. Er muss sich loslösen, von geliebten Menschen trennen, vom Boden, vom Land, der Familie, seinen Freunden und vor allem von den Ideen, in der er sich eingekapselt hat. Keine Wiedergeburt, ohne dass zuvor eine Art Tod stattgefunden hat. Die Literatur liebt die Zerstörung, die ein neues Leben ermöglicht.“ (S. 32)


Hughes begegnet Plath als Schreibender und lässt sich von ihr überraschen, wenn sie ihm in ihrem eigenen, stark autobiographisch geprägten Werk spiegelt, dass sie ein anderes Bild von ihm hat, als er meint:


„Poesie entsteht oft unwillkürlich, ist eine Wahrheit, die uns herausrutscht, sich durch die gewählten Verhüllungen hindurch Bahn bricht. Sie entzieht sich unserem Wunsch, etwas zu verbergen. Ich liebe das Schweigen, Geheimnisse, ein Reich der Bedeutungen und Assoziationen, das allein mir gehört, aber ich hatte mich als Ehemann vorgestellt, der durchsichtig ist, als Mann, der von seiner Geliebten gekannt wird wie von niemand anderem.“ (S. 41)


Die chronologische Erzählung der leidenschaftlichen Beziehung von Hughes und Plath erweitert Palmen um viele unheilvolle Vorausdeutungen. Sie lässt zwischen dem Ich-Erzähler und seiner jungen Frau ein komplexes, ambivalentes Gefühlsgeflecht entstehen:


„Ich war nie zuvor jemandem begegnet, bei dem Lieben und Hassen so nah beieinanderlagen, dass es fast keinen Unterschied gab. Sie wollte nichts lieber, als jemanden lieben, aber sie hasste es, wenn sie es tatsächlich tat. Sie wollte nichts lieber, als geliebt zu werden, aber sie hat jeden, der sie je geliebt hat, gnadenlos für diese Liebe bestraft.“ (S. 9)


Leider arbeitet Palmen oft mit enervierend langen Aufzählungen und allzu fiktional wirkenden Bildern. Für die aus der Sichtweise von Hughes durchgehaltene Erzählperspektive verwendet sie eine gestelzte, anekdotenreiche Sprache und einen oft pathetischen Duktus, wenn er seine Frau stets als „meine Braut“ bezeichnet und Nebensätze gewollt prophetisch mit der untergeordneten Konjugation „da“ einleitet (Übersetzung: Hanni Ehlers):


„An dem Tag, da ich ihr begegnete, lernte ich diese Kräfte kennen. Ich dachte, sie gehörten zu ihr – meiner weißen Göttin, meiner zaghaften Muse – und ich könnte sie gegen das Böse beschützen, aber ich begegnete in der Gestalt einer Frau meinen eigenen Dämonen.“ (S. 113)


Der Erzähler ist nicht unbedingt immer ein Sympathieträger und wirkt etwa, sich selbst etwas vormachend, überheblich, wenn kleine Gesten seiner inneren Haltung nicht entsprechen. So glaubt er sich als „Rächer seiner toten Braut“, wenn er viele Jahre nach Plath Tod ohne „verbindliches Lächeln“ (S. 120) auf eine einflussreiche Literaturmäzenin trifft, die Jahre zuvor Werke von Plath ohne eingehende Begründung abgelehnt hatte.

Plath verbrennt und vernichtet wiederholt sämtliche Manuskripte und Aufzeichnungen von Hughes, wenn sie wütend auf ihn ist. Palmen erwähnt keine Konfrontation oder Aussprache zwischen beiden im Zuge dieser aggressiven Vernichtungsakte. Hughes Vorwürfe Plath gegenüber bleiben meist unausgesprochen oder implizit. Vielleicht reagiert er nicht auf Plath Tiraden, weil er während der „ganzen Ehe Angst“ hat oder zu „abgestumpft von ihrer Opferrolle“ (S. 237) ist. Stets schwingt mit, dass der esoterisch angehauchte, leicht abergläubische Hughes unter der Todessehnsucht seiner Frau leidet, die sich bereits als Zwanzigjährige versuchte umzubringen.

Palmens bewegender Roman beleuchtet das Leben und die Ängste zweier ehrgeiziger junger Schreibender, die sich über bedeutende Kritiker, Werke und Autoren der Literaturgeschichte austauschten und selbst mit ihrem Werk ein großes literaturhistorisches Interesse entfachten. Dem Roman zugrunde liegen die Biografien, Briefe und umfangreichen literarischen Oeuvres der Autoren Plath und Hughes. Die Niederländerin Palmen bezieht sich jedoch insbesondere auf Hughes Lyrikband Birthday Letters, der 1998 zehn Monate vor seinem Tod erschien. Leider ist Du sagst es stilistisch oft aufgeladen, salbungsvoll und pathetisch. Immer wieder stellt sich die Frage, ob Palmen mit ihren literarischen Posen und dem Gestus ihrer Sprache dem intellektuellen Künstler Hughes gerecht wird. Die Lektüre von Palmens trotz allem zugleich berührenden, stimmungsvollen und anregenden Roman macht insbesondere neugierig auf die Werke von Plath und Hughes selbst, die man am liebsten parallel lesen möchte.
Ansgar Skoda - 16. September 2016
ID 9549
Connie Palmen | Du sagst es
288 Seiten, Hardcover
EUR 22,00
Diogenes Verlag, 2016
ISBN 978-3-257-06974-7


Weitere Infos siehe auch: http://www.diogenes.ch/leser/autoren/p/connie-palmen.html


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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