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Vom Hervor-

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Dieses Raunen des Imperfekts. Wo findet es noch Heimstatt? Welcher Autor lässt sich noch heute so radikal auf Thomas Manns Diktum ein, das schon zu dessen Zeiten – jene radikalen Jahren der literarischen Moderne - nichts als ein schierer Anachronismus war? Und welcher Schriftsteller ist Dichter genug, nicht nur in dieser Weise zu erzählen, sondern in einer Sprachfügung, die an eine Poesie verlorener Zeiten gemahnt? Seien wir aufrichtig: Wenn es nicht der große Christoph Ransmayr wäre, so würde doch der ein oder andere Leser das feuilletonistische Näschen rümpfen bei so viel antiquiertem Brimborium! Ja, so wäre das wohl – aber zu Unrecht! Denn diesen neuen Roman des österreichischen Poeten und Weltenbummlers muss man mögen. Wenige rhythmisieren ihre Gedanken so elegant wie Ransmayr, kaum jemand beherrscht diese expressionistische Wortgewalt.

Zwar bleibt Die letzte Welt Christoph Ransmayrs Opus Magnum. Alles Wesentliche, auch diesen neuen Roman betreffend, steht da in unverrückbarer Vollkommenheit. Ransmayrs Sätze blieben einer Generation im Langzeitgedächtnis. Es war, als hätte er jeden einzelnen Satz, um einen anderen Autor zu zitieren, vom Stilhimmel gepflückt. Sie waren prägend seit Erscheinen jenes legendären Romans, der Mitte der Achtziger in vielerlei Hinsicht die europäische Literatur aufwühlte. Danach verfasste Ransmayr Romane, die diesem Anspruch nicht immer ganz gerecht wurden. Cox oder der Lauf der Zeit jedoch ist wieder auf der Höhe jenes bravourösen Dichtwerkes über den römischen Dichter Ovid. Und wieder ist es der eigentümliche Ransmayr-Klang, dem man sich nicht entziehen kann.

Der Held dieses im Herbst erschienen Textes steht an Deck des Barkschoners Sirius, der nach monatelanger Fahrt an einem Oktobermorgen im Jahre 1753 die chinesische Küste erreicht. Der Engländer Alister Cox ist ein berühmter Uhrmacher seiner Zeit. Er hat auf Einladung des Kaisers Qiánlóng, einer ebenfalls historischen Figur (er lebte von 1711 bis 1799), die beschwerliche Reise um die Welt auf sich genommen. Ein Grund hierfür wird im Laufe des Romans deutlich, die Trauer des Urkünstlers nach dem Tod seiner Tochter und die vergebliche Liebe zu seiner Ehefrau. Als der Schoner nun das Ufer erreicht, wird gerade einer stattlichen Anzahl von Untertanen des Allmächtigen zur Strafe die Nase abgeschnitten. Dieser Kaiser von China ist ein äußerst brutaler und herrschsüchtiger Mensch, aber auch ein Fanatiker der feinen Künste, selbst Dichter und Sammler erlesener Gegenstände.

In Pekings verbotener Stadt wird dem Fremden eröffnet, was genau der Kaiser erwartet. Nicht nur technische Meisterleistungen und Raffinesse, sondern in erster Linie verfolgt der Prinzipat die verwegene Idee, Automaten bauen zu lassen, die das subjektive Erlebnis der Zeit selbst abbilden. So erhält Cox den zynischen Auftrag, eine Uhr für die zum Tode Verurteilten zu konstruieren. Irgendwann verlangt der Imperator jedoch das Äußerste: Cox solle eine Uhr entwerfen, ein Meisterstück, das bis ans Ende aller Zeiten läuft. Ein Perpetuum mobile, das alles überdauert, was existiert.

Der 17 Kapitel umfassende Roman ist nicht nur deshalb zu loben, weil er einen grandiosen Stil vorlegt; er ist ein Meisterwerk vor allem deshalb, weil er wie ein Schichtstufenland ist, das so unterschiedliche Ebenen im Untergrund beherbergt, so dass dem Leser die scheinbar so ruhige und harmonische Oberfläche bald nur noch wie eine trügerische Fata Morgana vorkommt. Viele stilistische Varianten und rhythmische Konglomerate verführen den Leser dazu, in diesem durchkomponierten Roman mit seinem Hang, sich gegen jeden Sinn zu sträuben, eine genuin dekonstruktiven Textur zu erkennen. Ein Text, der sich selbst widerlegt und gerade dadurch ungemein erfrischend und lebendig wirkt. Und am Ende – am Ende ist dieser Text auch noch hoch amüsant, unterhaltsam, komisch und ein wahrer Vokabelschmaus.

Der philosophierende Dichter Ransmayr konstruiert ein literarisches Setting, um sich einer Frage anzunähern, die diese Prosa zu einem wahren Denkerlebnis macht. Und wie es oft der Fall ist, sind hier die Bilder nicht zu unterscheiden vom Begriff, will sagen: Abstrahiert man das Fleisch der Fabula, so bleibt kein totes Gerippe einer philosophischen Erkenntnis übrig, denn eben darin besteht ja die lebendige Erkenntnisdichte der Literatur, dass das Verstehen niemals ohne ihren Schleier vollzogen werden kann. In diesem Fall lernt man leben mit der paradoxalen Herausforderung, dass im Leben niemals die Anschauung zu kurz kommen darf über der vermeintlichen Erkenntnis und die Erkenntnis niemals in der Anschauung aufgeht: Nur wer die Bilder schaut, die Ransmayr liefert, wer die Sätze durchschwimmt, wird eventuell inne werden, worin das besteht, was die Zeit mit uns macht - „in a poetic nutshell", gewissermaßen.

Ransmayrs Roman ist genau in diesem Sinne auch eine Liebesgeschichte. Eine, wie sollte es auch anders sein, der Verzweiflung. Eine, wie sollte es auch auch anders sein, der Zeitigung als einer gegenläufigen Reifung der Liebenden. Denn was ist Liebe anderes als dies: Ein Zustand der übervollen Zeitlichkeit ohne jeden Sinn fürs Zeitliche selbst? Die Liebe, auch die von Cox zu Ãn, jener blutjungen Konkubine des Kaisers, zeitigt und zeigt nur das, was es zu entbehren gilt, indem sie es uns vorenthält - und also genau im Moment der Erkenntnis die Liebe auch wieder raubt – eben dann, wenn wir wie Früchte reif für die Liebe sind. So kommt die Liebe also immer dann an, wenn ihre Zeit vorbei ist. Der stärkste Sprachkünstler unter den Denkern des 19. Jahrhunderts, zufällig auch der bedeutendste Philosoph jener Epoche, drückt das, was wir in Ransmayrs Meisterwerk lesend verstehen, unvergleichlich so aus:


„Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, daß jene von dieser widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unverträglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur nicht widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist, und diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.“

(Hegel, Phänomenologie des Geistes)

Jo Balle - 20. November 2016
ID 9694
Christoph Ransmayr | Cox oder Der Lauf der Zeit Roman
304 S., geb.
€ (D) 22,00 | € (A) 22,70
S. Fischer Verlag, 2016
ISBN 978-3-10-082951-1


Weitere Infos siehe auch: http://www.fischerverlage.de/buch/cox/9783100829511


Post an Dr. Johannes Balle



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