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Rezension

Fake und Film



Bewertung:    



"Alles Fake" ist ein Slogan, der Konjunktur hat. Dabei widerspricht sich dieser Satz selbst: Wenn alles Schwindel ist, dann auch diese Behauptung. Damit wäre immerhin eine Wahrheit gerettet. Mit dem Roman Kastelau verhält es sich ähnlich: Von Anfang an herrscht Lug und Trug. Dennoch ist nicht alles beliebig. Irgendwann löst sich der Budenzauber, und man erkennt, wer die Schurken sind und weshalb es keine Helden geben kann.

Ein Filmteam der UFA, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, als jeder begriffen hat, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist, dreht in einem fiktiven bayerischen Bergdorf namens "Kastelau", weitab vom Kriegsdesaster, den Film Lied der Freiheit. Ein miserabler Durchhaltestreifen der Nazi-Propaganda. So jedenfalls sieht es auf den ersten Blick aus. Doch das Unternehmen ist ein "Fake", denn tatsächlich wird kein Film gedreht. Die Filmcrew täuscht die Dreharbeiten nur vor, um dem Naziterror der Hauptstadt zu entfliehen.

Im Vorlauf erfährt man, dass Samuel Anthony Saunders im Juni 2011 auf dem Walk of Fame in Los Angeles den Stern des Oscar-Preisträgers Arnie Walton demoliert. Als die Polizei einschreitet, kommt es zu einer Auseinandersetzung, in deren Folgen Saunders stirbt. Im Nachlass tauchen Tagebucheinträge, Briefe, Notizen und Fragmente seiner Dissertation auf, anhand derer er die Geschichte der Filmcrew in Kastelau rekonstruieren wollte, wobei «deren Wahrheitsgehalt sich aus heutiger Sicht nur schwer überprüfen» lasse. Diese Montage unterschiedlicher Textsorten führt den Leser direkt in die Chronologie einer Posse. Dabei ist es keineswegs das Ziel des Autors, eine historische Kulisse in Form einer fiktiven Dokumentation zu errichten, sondern sie genüsslich zu demontieren.

Denn Charles Lewinskys Figuren taugen allesamt nicht zum "Heldentod". Während in den letzten Tagen des Krieges zum "Volkssturm" gerufen wird, verbarrikadieren sich die Filmleute wegen "dienstlicher Unabkömmlichkeit" im schneebedeckten Berchtesgadener Land, um der Dorfbevölkerung die Dreharbeiten zu besagtem Propagandafilm vorzugaukeln. Dabei haben sie nichts anderes im Sinn, als so lange den Schein zu wahren, bis im "Reich" die letzte Bastion gefallen ist.

Besonders gelungen ist die Figur der Schauspielerin Tiziana Adam. Sie ist alles andere als ein Filmstar, und auch nach dem Krieg bleibt die erhoffte Karriere aus. Jahrzehnte später breitet die mittlerweile kettenrauchende Kneipenwirtin missgelaunt ihre Erinnerungen aus und stänkert dabei abwechselnd über die verhassten Mentholzigaretten und die "Hitlerei". Diese Interviews stehen im Kontrast zu den schnöden Einlassungen des regimetreuen Oberbürgermeisters und den abgehobenen Tagebuchnotaten des Drehbuchautors Werner Wagenknecht. Darin erweist sich Walter Arnold, der homosexuelle UFA-Star und spätere Oskar-Gewinner "Arnie Walton", als gewissenloser Opportunist. In seinen Memoiren From Berlin to Hollywood spielt er sich schamlos als Widerstandskämpfer auf. Saunders weiß um diese Lebenslüge, doch gegen die Anwälte des Filmstars vermag er nichts auszurichten.

Saunders Material fügt sich nicht auf Anhieb zu einer Geschichte. Doch Lewinsky ist ein gewiefter Erzähler, der die Aufmerksamkeit des Lesers geschickt lenkt. Zwar besteht der kompositorische Kniff des Romans darin, im Gewirr der Stimmen die sogenannte Wahrheit zu finden. Die Vergehen aber sind so offensichtlich, dass sich geradezu eine "Banalität des Bösen" aufdrängt. Etwa wenn der Bürgermeister und der Filmstar einen skrupellosen Kuhhandel betreiben und dabei den Tod eines Fahnenflüchtigen in Kauf nehmen. Zwar muss man sich die Geschichte aus den Erzählfragmenten selbst zusammenfügen, doch liegt die Wahrheit der Figuren keinesfalls im Auge des Betrachters. Zugegeben: Keiner kann hier seine Hände in Unschuld waschen. Doch wäre es ein Zeichen von Blindheit, wenn man in diesem Roman die Anständigen nicht von den Bösewichten unterscheiden könnte.
Jo Balle - 6. November 2014
ID 8229
Charles Lewinsky | Kastelau
400 S., geb.
EUR 24,90
Verlag Nagel & Kimche, 2014
ISBN 978-3-312-00630-4


Weitere Infos siehe auch: http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/kastelau/978-3-312-00630-4/


Post an Dr. Johannes Balle



 

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