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Rezension

Wundersam und poetisch. Stehende Momente im Daseinsfluss



Bewertung:    




"'Manchmal glaube ich', beginnt er vorsichtig, 'dass wir selbst und mit uns alles, was sich unterhalb der Unendlichkeit befindet, Anekdoten sind, Anekdoten um einen göttlichen Funken herum. Wir kristallisieren uns um ihn herum in Geschichten und Episoden […] auch wenn das Episodische oft diesen Splitter des Ewigen völlig zuwuchert. Ganz zerstören läßt er sich nicht. Er ist es, der die Lebensszenen letzten Endes bemerkenswert macht, und wir, wir müssen entdecken, daß sie von ihm zeugen.'"

Der Geistliche Clemens Dillburg spürt bei einem Hausbesuch einer alleinlebenden Seniorin gegenüber den einzigartigen Momenten des Lebens nach. Dillburg und die Seniorin sind nur zwei von sehr vielen, eigenbrötlerischen Figuren in Brigitte Kronauers liebe- und geistvollen Mosaik aneinandergereihter Anekdoten, Episoden und Geschichten. Da gibt es unter anderem die mürrische Bankbeamtin Sabine, die rotzfreche Studentin Katja, den berühmten und launischen Schriftsteller Pratz oder die Krankengymnastin Elsa, die eine ganze Reihe der auftretenden Figuren therapiert. Ihre stets empfindsamen Charaktere werden im öde anmutenden Alltag mit plötzlicher Sehnsucht oder Naturverbundenheit konfrontiert, manchmal um eigenen Gedanken an die Einsamkeit, eigene Unbedeutendheit oder den bevorstehenden Tod zu entfliehen. So ist es oft eine Rückbesinnung auf die Natur, die den Charakteren Halt gibt:

"Dann wieder der Wind, der Schatten über die leuchtenden Körper scheucht. Dieses Vibrieren und die Schräge der Dinge im Sturm, das ist doch das eigentliche Leben!"

Anfangs noch fragmentarisch wirkend, verstören Kronauers plötzliche Textaneinanderreihungen erstmal. Doch immer neu eingebettete Bewusstseinsströmungen, Rätsel, Erzählungen, Kommentare und Dialoge steigern und entfalten sich. Ihre Kraft schöpfen sie aus eigentümlich fesselnden, genau beobachteten, schrägen Facetten scheinbarer Alltagsmomente im Leben der Figuren. So gewahrt etwa die verschlossene Eva Wilkens ihre eigenen vier Wände auf einer Auslandsreise als erlösende Möglichkeit des Verwahrlosens:

"Nun hegt sie den Verdacht, je länger sie sich im offiziellen Dasein außerhalb ihrer vier gemieteten Wände aufhält, desto kompletter an den städtischen Gegenständen hängenzubleiben. Hier ein Stückchen an der Fließreklame, dort ein Fetzchen am Bankautomaten. Zum Schluß ist das meiste von ihr lautlos flötengegangen. Sie hat keine Ahnung, was da, ursprünglich auf ihren Namen getauft, um letzte Contenance kämpfend ins Zimmer trudelt. Macht aber nichts. Jetzt sind die undurchsichtigen Wände um sie herum. Sie kann ausufern, das Zeug von sich runterzerren und fallen lassen…"

Kronauers Figuren nehmen sich stets die Zeit, sich den Gedanken und Gefühlswelten frei hinzugeben, was Gewäsch und Gewimmel oft zu einem sinnlich-poetischen Erlebnis werden lässt. Gegliedert ist das 612 Seiten starke Werk in drei jeweils etwa zweihundertseitige Teile, wobei der Mittelteil Luise Wäns innerhalb des Romans eine Sonderstellung einnimmt, da hier überwiegend ein einziges Geschehen erzählt wird und verschiedene Textsorten nicht mehr ineinander übergehen. Obwohl auch dieser Teil des Buches Zeitsprünge hat und so nicht immer chronologisch erzählt ist, scheint das hier erzählte Geschehen am zugänglichsten und bewegendsten. Im Mittelteil werden regelmäßige feierliche Treffen einer großen Gemeinschaft im Hause von Luise Wäns und ihrer Tochter Sabine beschrieben. Diese Gemeinschaft gruppiert sich um den attraktiven und vornehmen Hans Scheffer, dem sowohl die Frauen als auch die Männer treu ergeben sind, da er stets um das Wohlergehen und die Gunst aller bemüht scheint. Doch die Liebe, die sämtliche Charaktere und besonders Luise und ihre Tochter dem Schönling Hans entgegenbringen wird irgendwann erschüttert von seiner eigenen Liebe zu einer jungen Frau außerhalb der Gemeinschaft.

Mit der genauen Beobachtung zahlreicher Innenperspektiven ist Kronauers poetisch-experimentierfreudiger Roman mit namhaften, herausfordernden Werken anderer (post-)moderner Autorinnen vergleichbar. Erfrischend ist jedoch, dass die Bewusstseinsströmungen der verschiedenen Charaktere zugänglicher und frecher als in Romanen einer Virginia Woolf und sinnlicher und weniger zynisch als in Romanen einer Sibylle Berg sind. Leser, die sich auf das Abenteuer Gewäsch und Gewimmel einlassen, dürften unterschiedliche Zugänge zu dem Werk finden, sich jedoch stets auf hohem Niveau vergnüglich und poetisch unterhalten fühlen.


Ansgar Skoda - 17. August 2014
ID 8020
Brigitte Kronauer | Gewäsch und Gewimmel
612 S.
Geb. m. Schutzumschlag
EUR: 26,95
Klett-Cotta Verlag, 2013
ISBN 978-3-608-98006-6


Weitere Infos siehe auch: http://www.klett-cotta.de


Post an Ansgar Skoda

ansgarskoda.wordpress.com




 

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