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Roman-Kritik

Der Ring des

Jungen aus

Ferrara



Bewertung:    



Ein Flugsame fällt in eine Pfütze und erzeugt einen Ring, der gegen den Rand des Wassers verebbt und sich auflöst. Ein Kind beobachtet die Szene. Er fragt die Mutter, wo der Kreis geblieben ist. Die Antwort erweist sich als richtungsweisend für den späteren Renaissancemaler: Der Kreis sei nicht verschwunden, sondern in die Luft übergegangen. Unsichtbar ziehe er durch alle Dinge hindurch und über die Welt hinaus.

Die Erklärung der Mutter besitzt leitmotivischen Charakter in Ali Smiths Roman Beides sein, der aus zwei kontrapunktisch angelegten Teilen besteht: Zum einen die Geschichte des Freskenmalers Francesco del Cossa der italienischen Frührenaissance, der in der Kunstwelt lange vergessen war und dessen Biografie bis heute erhebliche Lücken aufweist. Zum anderen die Geschichte des Mädchens George, die in der Londoner National Gallery ein Gemälde jenes Malers betrachtet, nicht ahnend, dass der Geist des Künstlers gerade hinter ihr steht.

„Es gibt nichts, was nicht mit allem anderen zusammenhängt“, bestätigt fünf Jahrhunderte später Georges Mutter, während sie vor den Fresken der Monatsbilder März, April und Mai von Francesco del Cossa im Salone dei Mesi im Palazzo Schifanoia in Ferrara steht. Ali Smith erzählt die beiden miteinander verzahnten Lebensgeschichten von Francesco und George mit wohltuender Raffinesse und entwickelt dabei eine erzählerische Dialektik, die im Bonmot von Georges Mutter auf den Punkt kommt: „Kunst verändert nichts, das aber so, dass sich etwas verändert.“

Beide Teile des Romans sind gleichermaßen mit „eins“ betitelt, weshalb es gleichgültig ist, welchen Teil man zuerst liest. Damit findet das Leitmotiv des Romans sein kompositorisches Echo, denn beide Geschichten ergänzen sich und sind gerade in ihrer Gegensätzlichkeit eng miteinander verflochten. Smith feiert in ihrem Roman das Zusammenspiel der Gegensätze: Reifes Künstlertum und pubertäre Kunstaversion, Weibliches und Männliches, Sinnliches und Geistiges, flüchtige Momente und bleibende Werke. So steht der Ring in der Pfütze für jenen widerspenstigen Geist, der dem Kunstwerk erst Leben einhaucht. Ein ästhetischer Effekt, den nur der Betrachter George erlebt. Für den Künstler Francesco ist die Kunst kein bleibendes Ereignis.

Ali Smiths Roman ist ein Genuss für alle, die verstehen wollen, wie sich Beobachtungen in Malerei auflösen. Wie sich das Auge des Malers die Kreise der Welt aneignet und dabei immer neue Kreise erschafft. Der Leser verfolgt Schritt für Schritt die Entstehungsgeschichte des Kunstwerkes aus der Perspektive des Freskenmalers. Eine groteske Reise durch die Welt jener sichtbaren und unsichtbaren Kreise, die nicht nur Francescos Leben bereichern und verwirren.
Jo Balle - 23. Juni 2016
ID 9401
Ali Smith | Beides sein
Geb. m. Schutzumschlag
320 Seiten
€ 22,99 [D] | € 23,70 [A] | CHF 30,90
Luchterhand Literaturverlag
ISBN: 978-3-630-87495-1


Weitere Infos siehe auch: http://www.randomhouse.de/Buch/Beides-sein/Ali-Smith/e484536.rhd


Post an Dr. Johannes Balle



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