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Rezension

Kuckuck, Kuckuck ruft's aus dem Wald



Bewertung:    



Der Partisanenkampf in den Vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts in den Wäldern Bulgariens kommt bei Alek Popov zunächst spaßig daher. Die Partisanengruppe um KomBrig (Brigadekommandeur) Medved ist eher eine Gurkentruppe. Die langen Tarnnamen der Männer wie „Blitz des proletarischen Zorns“ sind schon an sich komisch genug und mutieren zudem zu absurden Kuriositäten; so wird der „Sargnagel des Kapitalismus“ schlicht als „Nagel“ bezeichnet - und was sich hinter den Namen „Strauch“ und „Schraube“ verbirgt, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.

Informationen im Gelände und der Kontakt zur Außenwelt werden über ein Sammelsurium von Vogelrufen hergestellt, was zwar banal klingt, in der Praxis aber bedenkliche Probleme hervorruft. Auf dem Weg zu den Partisanen verzählt sich der Ziegenhirte Rajčo, läßt den Kuckuck im Wald zu oft rufen und bezahlt dies fast mit seinem Leben, denn schon pfeifen ihm die Kugeln von Medved und seinen Leuten erbarmungslos um die Ohren.


"Seit er in die Einheit gekommen war, bemühte sich Medved, eine einheitliche Klassifikation für Warntöne auszuarbeiten und durchzusetzen, wie man es ihn gelehrt hatte. – Zum Beispiel: für einen Feind – Turteltaube, für einen zufälligen Wanderer - Grasmücke, für einen Freund – Lerche usw. Aber die Einheimischen wollten diesen ganzheitlichen Ansatz partout nicht akzeptieren. Eine Grasmücke im Buchenwald im Oktober? Da braucht nur ein zufälliger Wanderer vorbeizukommen, der wird dich hören, schmunzeln und schnurstracks zur Polizei laufen. Denn selbst die Kinder in dieser Gegend wissen, dass die Grasmücke in Birken und Linden nistet, und im September fliegt sie in den Süden davon!" (S. 68)


So sind vom Partisanen also auch ornithologische Kenntnisse gefordert. Die sind bei den überaus gebildeten, schönen Zwillingsschwestern Kara und Jara vorhanden. Die strammen Kommunistinnen sind der Schule entflohen und wollen gegen den Faschismus kämpfen. Was läge da näher, als sich der Partisanentruppe anzuschließen. Kaum angekommen, bringen sie die Männer ungewollt ganz schön durcheinander, was letztendlich sogar im „Raub“ einer spitzenbesetzten Unterhose gipfelt.

Das alles liest sich sehr amüsant, kann im Verlauf des Buches jedoch immer weniger von der eher brutalen Wirklichkeit ablenken. Denn die Partisanen kennen, was ihre politischen Überzeugungen angeht, kein Pardon, und so gibt es bald jede Menge Tote. Auch deren Verfolger sind nicht zimperlich. Zwar wird deren Anführer Hauptmann Nacht auch von erotischen Phantasien über die schönen Zwillinge geplagt, doch mindert dies nicht seine erbarmungslose Jagd. So werden Jara und Kara zu kuriosen Handlungsträgerinnen in einer bitteren Zeit.

Das Buch rechnet ab mit den Perversionen des Kommunismus und dem paranoiden Misstrauen der Genossen untereinander. Erst der sterbende KomBrig Medved offenbart den Zwillingen, was in seiner Zeit in der Sowjetunion tatsächlich geschah. Nicht als kommunistischer Unterstützer der bulgarischen KP lebte er dort, sondern er schuftete im gelobten Land in einem Arbeitslager unter schrecklichen Bedingungen. Kara und Jara wollen selbst dieser Beichte nicht glauben, ihre Ideale sind zu tief verwurzelt. Auf der Flucht vor ihren Verfolgern werden sie schließlich getrennt. Erst nach Jahren treffen sie sich wieder – und führen nun quasi als Schneeweißchen und Partisanenrot ein sehr unterschiedliches Leben…

Vielleicht ist die dem Buch eigene Ironie typisch für bulgarische Literatur, vielleicht zeichnet sie aber auch allein Alek Popov aus – der hat ein ungewöhnliches Werk geschaffen über eine Zeit in einem Land, das uns eher fremd ist.


Ellen Norten - 30. September 2014
ID 8135
Alek Popov | Schneeweißchen und Partisanenrot
328 Seiten
Hardcover
EUR 22,90
Residenz Verlag, 2014
ISBN 978-3-7017-1620-3


Weitere Infos siehe auch: http://www.residenzverlag.com


Post an Dr. Ellen Norten



 

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