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Buchkritik

Form ist

Wollust



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Ganz gleich, was man macht – stets senkt sich am Ende das Schwert des Damokles. Keine Rettung, die trostreich naht. Nirgends. Auch wenn der Gott fern ist. Nah ist er ohnehin nur als Maskerade. Jahre werden mit bangem Blick gezählt. Was hätte man nicht alles erreichen können? Welche Preise und Würdigungen und Erfolge wurden nur knapp verfehlt? Erwerbsgüter werden verdammt und Konsum wird ertrotzt. Aber immer bleibt der fade Geschmack der eigenen Existenz. Die billige Seuche der sozialen Rufnähe. Die apokalyptische Abstinenz als Federvieh der kläglichen Zeitgenossenschaft. Und so läuft man als Mitzwanziger durch die Nachwendestraßen von Nachtberlin, erwacht open air, auf den himmelhohen Dächern des Prenzlauer Berges, unter früher Bestrahlung, die fast rosenfingrig nach der nächtens und im Rausch verlorenen Seele winkt und fragt sich bang: Was ist denn noch zu tun, welche Sünde entführt mich und rettet mich vor der alleszermalmenden Bedeutungslosigkeit, die an den Rändern aller Gedanken nagt? Kann es die Wollust sein oder der Hochmut oder beides wie vergangene Nacht? Oder doch die Völlerei, die Fleischeslust, die sich nach den Orgien zur Faulheit verkümmert und schließlich im Neid verreckt? Oder hilft nur noch Jähzorn, in dieser über alle Maßen saturierten Ödnis?

Wollen wir es versuchen oder nur darüber nachdenken, was der Versuch bedeuten könnte, fragt der Autor Simon Strauss in seinem Büchlein Sieben Nächte. Das ist kein Roman. Das ist kein Essay. Sagen wir: Das ist schicke Offenbarungsprosa von erster Hand. Doch darin ist dann doch so vieles wahr und richtig und so vieles eitler Kitsch - aber vielleicht ist es wahr, dass am Ende nur der Firlefanz, der Ramsch, der Budenzauber und die Plattitüde so etwas wie Wahrheit für sich beanspruchen können.

Des großen Botho Strauss Sohn legt, ganz Fleisch vom Fleisch, eine konservative Spur, die zu den Anfängen führt, keineswegs aber nach vorne weist. Doch vielleicht ist auch hier der Rückschritt ein Wegbereiter für Fortschritt. Jedenfalls: Expressionismus nannte man das einst, was Simon Strauss vorschlägt, Formbewusstsein, Aufschrei, heroischer Individualismus und Gefühlswallung und all das, was keiner ernsthaft heute mehr fordern mag. Insofern - ja - ist es originell. Und sicher ist wahr: Wir haben (in der Literatur) vor lauter Zynismus und Affektabstinenz und Perfektion verloren, was man einst als die Geburtswehen der Moderne bezeichnete. Dass dieses Buch als neues Manifest gelesen wird - kann sein. Obwohl es, sind wir ehrlich, das tausendfache Tagebuch des prototypischen Germanistikstudenten abbildet. Ein wenig Steppenwolf, ein wenig Hamsun.

Zugegeben: Simon Strauss hätte ohne seinen fast legendären Vaternamen - und da ist er ganz Symptom der auf ungleichem „Erbe“ gegründeten westlichen Locke-Gesellschaft – kaum je diese Zeilen publiziert, geschweige denn wären sie so prominent diskutiert worden. Richtig bleibt aber auch, dass die Literaturgeschichte eine Ansammlung von Zufällen und nicht von Qualitäten ist. Gut denkbar also, dass die hier propagierte Geisteshaltung in den nächsten Jahren ihre literarische Renaissance feiern könnte.

Jo Balle - 10. September 2017
ID 10244
Simon Strauß | Sieben Nächte
Hardcover, 144 Seiten
EUR 16,00
Blumenbar, 2017
978-3-351-05041-2


Weitere Infos siehe auch: http://www.aufbau-verlag.de/index.php/sieben-nachte.html


Post an Dr. Johannes Balle



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