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Buchkritik

Reportage-

Roman



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Nicol Ljubic, 1971 in Zagreb geboren, wuchs in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland auf. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitet als freier Journalist und Autor. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis. Für seinen zweiten Roman, ›Meeresstille‹, erhielt er 2011 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis sowie den Ver.di-Literaturpreis, zudem stand der Roman auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien der Roman ›Als wäre es Liebe‹. Nicol Ljubic lebt in Berlin.
(Quelle: dtv)

*

Ein Mensch brennt – hinter dem Titel versteckt sich kein metaphorischer Gedanke. Nein, es geht um Hartmut Gründler, der sich am 16. November 1977 an der St. Petri Kirche in Hamburg mit Benzin übergoss, sich anschließend anzündete und fünf Tage später im Krankenhaus verstarb. Hartmut Gründler (1930-1977) war ein deutscher, im Umweltschutz engagierter Tübinger Lehrer. Seine Selbstverbrennung fand während des SPD-Bundesparteitages statt. Sie war ein Protest gegen die Atompolitik der von Helmut Schmidt geführten Bundesregierung, speziell zu Asse II.

Nicol Ljubic berichtet diese Geschichte anhand einer erfundenen Versuchsanordnung. Gründler bricht unfreiwillig in eine ganz normale (west)deutsche Familie ein. Hanno, der einzige Sohn, muss miterleben, wie die Ehe seiner Eltern durch den Einfluss des Untermieters Gründler zerbricht. Seine Mutter Marta findet schnell Gefallen an den radikalen Ideen Hartmuts. Dadurch entfernt sie sich immer mehr von ihrem Mann Kurt, der den Spinner Gründler auch bald wieder aus dem Haus wirft. Im Mittelpunkt des Romans steht die Beziehung Hannos zu seiner Mutter. Hanno lässt aus der Ich-Perspektive sein Leben vorüberziehen, das Leben vor Hartmut und das danach. Vor Hartmut lebte Hanno das Leben eines ganz normalen Jungen. Er traf sich mit seinen Freunden zum Fußball, kaufte sich von seinem Taschengeld ab und an ein Eis und klebte Sammelbilder der Bundesligastars in Sammelalben. Nach Hartmut begleitete er seine Mutter zu Antiatomkraft Demonstrationen, spendete sein Taschengeld für die Aktionen Hartmuts und faltete und frankierte Postwurfsendungen. Ljubic gelingt durch diese scharf gezeichneten gegensätzlichen Welten ein spannendes Stimmungsbild der Bundesrepublik der 1970er Jahre. Hier der unbeschwerte Aufschwung und die ungetrübte Fortschritts- und Technikgläubigkeit - dort die beginnenden Gegenreaktionen und Proteste. Hanno ist abhängig von seiner Mutter, wie ein Achtjähriger nur abhängig von seiner Mutter sein kann. Er will ihr gefallen, es ihr recht machen und schlittert so in die Welt der Proteste. Bald aber steht er zwischen dem konservativen Vater und der aufbrechenden Mutter. Die Konflikte der Gesellschaft werden zu seinen privaten Konflikten und prägen sein Leben.

Nicol Ljubic berichtet im Reportagestil. Nur wenige Seiten lange Sequenzen erzeugen ein hohes Tempo. Vor- und Rückblicke, Erinnertes und Erzähltes werden kunstvoll ineinander montiert. Langsamer wird es, wenn Ljubic über den Sinn der Selbstverbrennung, die Art des Widerstandes und über gesellschaftliche Bedingungen nachdenken lässt. Nach der Lektüre ist man neugierig auf Hartmut Gründler, man beginnt zu recherchieren und stellt fest, dass es noch keine Biografie über Gründler gibt. Das Leben Gründlers muss man sich wie ein Puzzle aus vielen Zeitungsberichten selbst zusammensetzten. Man erkennt dabei, wie Ljubic kleinste Details aus Gründlers Leben in seinen Plot eingewoben hat und damit eine verblüffende Realität erzeugt.
Steffen Kühn - 8. September 2017
ID 10237
Nicol Ljubic | Ein Mensch brennt
336 Seiten
EUR 20,00 (D) | 20,60 (A)
dtv Literatur, 2017
ISBN 978-3-423-28130-0


Weitere Infos siehe auch: https://www.dtv.de/buch/nicol-ljubic-ein-mensch-brennt-28130/


Post an Steffen Kühn

http://www.hofklang.de



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