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Buchkritik

Magische

Fuchsjagd

mitten

durch

London



Bewertung:    



Der Autor Ben Aaronovitch fesselt mit Der Galgen von Tyburn nun zum sechsten Mal Fans von London, Krimis und Fantasyliteratur zugleich. Der junge Polizist Peter Grant wäre im ersten Band Die Flüsse von London für einen langweiligen Bürojob vorgesehen gewesen, wenn ihm bei einer Tatortbegehung nicht ein Geist begegnet wäre. Das rief den Polizeibeamten und Magier Thomas Nightingale auf den Plan, denn Geister sehen, kann nicht jeder, und diese sind auch sehr wählerisch in der Auswahl derer, mit denen sie kommunizieren. Nightingale selbst muss weit über 100 Jahre alt sein, sieht aber gerade mal halb so alt aus. Am Benehmen und seiner weitgehenden Unkenntnis moderner Technologien merkt man es vielleicht doch. Egal. Nightingale hat Peter unter seine Fittiche genommen und bildet ihn aus. Das hört sich spannender an als es ist, denn auch bei der Magie muss man üben, üben und üben. Da fast alle wichtigen magischen Bücher in Latein geschrieben sind, muss Peter auch noch Vokabeln pauken, und die Ausbildung dauert mindestens zehn Jahre.

Peters Abteilung „The Folly“ besteht gerade mal aus zwei Personen, ihm und Nightingale. Deswegen sind die beiden fast ständig im Dienst, denn „Praktizierende“, so die offizielle Bezeichnung, gibt es mehr als man vermutet. Da gibt es natürlich die Guten, das sind die Flussgötter Mama Themse und Papa Themse mit ihrer zahlreichen Nachkommenschaft, obwohl es zwischen ihnen etliche Rangeleien gibt: Familie halt. Mit denen hat die Londoner Polizei ihre Vereinbarungen getroffen, die soweit eingehalten werden, auch wenn die eine oder andere Göttin schon mal aus Frust die Kanalisation verstopft oder Covent Garden unter Wasser setzt, um Menschenleben zu retten. Mit einer von ihnen ist Peter liiert, Beverly Brook, benannt nach dem gleichnamigen Wasserlauf in Greater London. Beverlys ältere Schwester Tyburn hält von der Beziehung gar nichts und mag Peter nicht. Trotzdem hat sie ihn in der Vergangenheit mal gerettet, so dass er in ihrer Schuld steht.

Als Tyburns Tochter Olivia mit anderen Teenagern Drogen eingenommen hat, starb eines der Mädchen. Olivia nimmt die Schuld auf sich, und Peter soll es jetzt schaffen, sie aus den Ermittlungen heraus zu halten. Das klappt natürlich nicht ganz so, wie sich die resolute Mutter und Flussgöttin das vorstellt. Doch mit einer so machtvollen Magierin muss sich selbst der Polizeiapparat Londons gut stellen. Bei seinen Ermittlungen stößt Peter auf ein menschliches Fabelwesen namens Reynard, Reineke den Fuchs, der mit dem Fall was zu tun hat. Er ist genauso schlau und gerissen, wie der Fuchs aus dem Märchen, und genau so schwer zu fangen. Bei der Jagd nach ihm führt uns Aaronovitch wieder an besondere Orte in und außerhalb von London. Wir erfahren viel Historisches auf dem Weg und auch in diesem Buch lässt sich der Autor gern über die Bausünden der Architekten in London aus.

In Der Galgen von Tyburn wird auch die Identität des Gesichtslosen gelüftet, mit dem Peter und Nightingale in den vorherigen Bänden schon mehrere unschöne Begegnungen hatten, die meist damit endeten, dass auf magische Art ziemliche Verwüstungen angerichtet wurden. Dass nun ein Treffen zwischen dem Fuchs und Peter ausgerechnet im Café des Nobelkaufhauses Harrods stattfinden soll, verheißt nichts Gutes, denn da sind die materiell wertvollsten Gegenstände in ganz London in einem Haus versammelt, und der Gesichtslose ist irgendwie in den Fall verwickelt, und wir erinnern uns, dass bei Auseinandersetzungen magischer Art ganze Gebäude zerlegt werden könnten...

Zu Peters Leidwesen ist seine ehemalige Kollegin Lesley May in die Fänge des Gesichtslosen geraten und hat zur Dunklen Seite gewechselt. Die beiden sind das dunkle Pendant zu Peter und Nightingale, nur dass Lesley schon immer begabter war als Peter. In Der Galgen von Tyburn kommt Lesleys Vorgeschichte ein bisschen zu kurz. Sie ist im ersten Band Opfer schwarzmagischen Einflusses geworden und hat im wahrsten Sinne des Wortes ihr Gesicht verloren, samt einigen Knochen. Sie war so deformiert, dass sie nicht einmal sprechen konnte und sich nur mittels eines Sprachcomputers mitteilen konnte. Nun hat sie auf schwarzmagische Weise ihr Gesicht wieder, aber der Preis ist hoch. Der Gesichtslose spielt wohl mit der Sympathie, die Peter und Lesley mal füreinander hegten und hat da vermutlich seine Pläne.

*

Ben Aaronovitch hat es für seine sechste Geschichte etwas zu gut gemeint. Es tummeln sich auch noch amerikanische Agenten mit magischem Auftrag in London herum, die die Ermittlungen erschweren, und nun tauchen auch andere britische Praktizierende auf, die das Alleinstellungsmerkmal von The Folly aufweichen. Irgendwie scheint die Magie im Trend zu liegen, und es treten ungeahnte Potenziale, aber auch Gefährdungen zu Tage. An einigen Stellen merkt man, dass er das Buch wohl unter Zeitdruck geschrieben hat, es ist nicht so sorgfältig lektoriert und hat keinen so ausgefeilten Verbalwitz wie noch die ersten Bände. Es gibt auch kein richtiges Ende, denn die Story muss ja weitergehen, und so gibt es einige wenige Momente, die etwas unbefriedigend sind.

In seinen besten Momenten brilliert das Buch aber durch Aaronovitchs Beobachtungsgabe und genaue Kenntnis der Abläufe bei der Polizei. Da stehen Dienstvorschriften und Protokollieren ganz oben auf der Liste, und die Polizisten müssen manchmal die Gauner laufen lassen, um Menschenleben zu schützen, was natürlich Vorrang hat. Dann ist da noch die Presse, die gerade bei magischen Verbrechen mit einer „Interpretation“ der Ereignisse versorgt werden muss, die die Öffentlichkeit nicht in Panik versetzt. Aufgrund seiner Vielzahl verschiedener bekannter Charaktere und vieler neuer ist das Buch zum Einstieg in die Reihe nicht sehr gut geeignet. Aaronovitch lässt aber geschickt die Vorgeschichte mit in die Geschichte einfließen, sei es, dass seine Kollegen Peter wegen vorheriger Abenteuer ermahnen oder aufziehen, oder dass einige der Ereignisse zu beliebten Anekdoten und Legenden geworden sind. Den Fans ist die multikulturelle und multiethnische Polizeitruppe um Peter längst ans Herz gewachsen, die sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit immer wieder zusammenrauft, um gemeinsam Übeltäter dingfest zu machen und London so sicher zu machen, wie es halt geht. (Der siebte Band The Furthest Station ist auf Englisch schon erschienen.)
Helga Fitzner - 20. September 2017
ID 10261
Buch-Link: https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-der-galgen-von-tyburn-21668/


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