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Buchkritik

Matsutake

Mania



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Matsutake sind Wildpilze, die vornehmlich in Wäldern vorkommen, die durch Industrieanlagen verunreinigt wurden. Sie gelten als wertvolle Delikatesse – zumindest in Japan, wo sie hohe Preise erzielen. Matsutake besitzen die Fähigkeit, Bäumen Nährstoffe zuzuführen und begünstigen so das Wachstum von Wäldern, wo es eigentlich aussichtslos scheint. Der Matsutake führt vor Augen, wie in gestörten Umgebungen Koexistenz zwischen Organismen möglich ist.


„Als 1945 Hiroshima durch eine Atombombe zerstört wurde, war das erste Lebewesen, das in der verheerten Landschaft wieder aus dem Boden kam, angeblich ein Matsutake."


In ihrem faszinierenden und gut recherchierten Essay geht die Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing den Spuren dieses Pilzes sowie seiner biologischen und kulturellen Verbreitung nach. Sie erzählt von den Glücksrittern, die ihn sammeln, von Wissenschaftlern, die seine Geheimnisse lüften möchten, und von gewieften Händlern, die gut an ihm verdienen. Die sensible Beschreibung von sozialen Beziehungen und vor allem den wirtschaftlichen Wegen von Pilz und Geld werfen einen nachdenklichen Blick auf unsere kapitalistische Gegenwart. Tsing verbindet die Geschichten der unteren mit denen höherer Gesellschaftsschichten, indem sie sowohl die Ökonomie als auch die Ökologie des Matsutake verfolgt.

Indem die Autorin das Netz um den Pilz beleuchtet, fällt ein Licht auf die Risse in der Weltwirtschaft. Denn in den vergangenen dreißig Jahren ist dieser Pilz zu einer global gehandelten Ware geworden, die in Wäldern überall auf der Nordhalbkugel gesammelt und frisch nach Japan transportiert wird. Viele Matsutake-Sucher stammen aus entrechteten kulturellen Minderheiten. Professionelles Sammeln von Wildpilzen ist laut Tsing vor allem ein Zeichen für prekäre Lebensverhältnisse. Diejenigen, die den Pilz schließlich in teuren japanischen Restaurants verspeisen, gehören hingegen zur besseren Gesellschaft.



„Da Matsutake so gerne in verheerten Landstrichen wachsen, bieten sie uns Gelegenheit, die Ruine zu erkunden, zu der unsere Heimat geworden ist.“


Das Buch basiert auf Feldstudien, die zwischen 2004 und 2011 in den Vereinigten Staaten, Japan, China, Kanada und Finnland stattgefunden haben und beruht auf Gesprächen mit Wissenschaftlern, Forstleuten und Matsutake-Händlern. Herausgekommen ist die spannende Spurensuche vor allem aus der Arbeit der Matsutake Worlds Research Group, also einer internationalen Forschergruppe, der Interessierte aus unterschiedlichen Fachgebieten angehören. Diese haben unter anderem auch die Webseite Matsutakeworlds aufgebaut, ein Ort für Geschichten von Sammlern, Wissenschaftlern, Händlern und Forstleuten aus mehreren Kontinenten. Wer mehr über das Geflecht um die Pilze erfahren möchte, findet hier auf englisch mehr Material.

Durch die sparsame Verwendung und gute Platzierung von Fotos und Grafiken im Buch werden dem Leser Fakten und Wahrheiten an die Hand gegeben, die er bei der Lektüre gut gebrauchen kann. Aspekt für Aspekt wird offengelegt und mit dem zuvor erfahrenen in Verbindung gebracht. Das ist das eigentlich Faszinierende an Tsings Essay, dass Sie es schafft Dinge zueinander in Beziehung zu setzen, von denen man das auf den ersten Blick nicht erwartet hätte. Nach ihrer Schilderung sind die Zusammenhänge offensichtlich und der Blick für soziale und ökonomische Verflechtungen geschärft, kurzum: Man sieht die Welt mit anderen Augen.

August Werner - 24. Februar 2018
ID 10550
Link zum Buch: https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/der-pilz-am-ende-der-welt.html


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