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Buchbesprechung

Lesen im Urlaub >>> Anne Brontë, Agnes Grey





Bewertung:    



Es ist sicher kein Zufall, wenn die Protagonistin und Namensgeberin des Romans „Grey“ heißt. Der Name ist Programm. Agnes, die sich ihre Probleme in einer Art Tagebuch von der Seele schreibt, schildert sich dabei fast schon selbst als graue Maus, dazu der biedere Vorname. Agnes Grey entstammt einem Pastorenhaushalt und will als gebildete junge Dame ihr Geld als Gouvernante verdienen. Welche Demütigungen und Niedertracht einer Frau in dieser Position entgegengebracht werden, ist für den heutigen Leser erschreckend. Selbst Kinder dürfen sich jede Menge Freiheiten herausnehmen, ohne Chance auf Maßregelung und gedeckt von den Eltern.


„Sie kannte offenbar kein größeres Vergnügen, als sich auf dem Boden zu wälzen. Sie ließ sich wie ein Bleigewicht zu Boden fallen, und wenn es mir unter ungeheurer Anstrengung gelungen war, sie wieder auf die Füße zu stellen, musste ich sie immer noch mit einem Arm stützen, während ich auf dem anderen das Buch balancierte, aus dem sie ihre Lektion vorlesen oder buchstabieren sollte. (…) und wenn sie dann nach Leibeskräften gebrüllt hatte, sah sie mir mit rachsüchtiger Genugtuung ins Gesicht und rief:
'So und das ist jetzt für Sie!'
Und dann schrie sie und schrie und schrie, bis ich mir die Ohren zuhalten mußte.“

(S. 47)



Im England des 19. Jahrhunderts herrschen ausgeprägte Dünkel. Die Herrschaften stehen dem Personal keinerlei Gefühle zu, es darf sowohl beleidigt als auch in der Öffentlichkeit ignoriert werden. Anne Brontë zeichnet ihre Figuren mit einer filigranen Sprache, die der Ausführlichkeit nicht entbehrt. Es ist die Sprache aus einer Zeit, da es weder Filme noch Fernsehen gab und die mehr Aufwand betreiben musste, um Bilder in den Köpfen zu erzeugen.

So erleben wir ein detailliertes Bild der damaligen Gesellschaft, in das viel autobiografische Erfahrung der Autorin mit eingeflossen ist. Auch Anne Brontë arbeitete als Gouvernante, und auch sie entstammte kleinen Verhältnissen. Ihr Vater - im Buch wie im Leben ist ein armer Pfarrer. Die sechs Brontë-Kinder dürften allerlei Mangel erlitten haben, denn sie starben alle früher oder später an Tuberkulose, der Krankheit der Armen, wie sie auch genannt wird. Hier geht es der Romanfigur Agnes Grey deutlich besser, sie erwartet ein langes Leben. Ob ihre romantische Liebe zum Hilfspfarrer Edward Weston Erfüllung findet, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Vielleicht trug der angegriffene Gesundheitszustand dazu bei, dass Anne, wie auch ihre Schwestern Emily und Charlotte sich auf das Schreiben konzentrierten, was körperlich weniger anstrengend war. Alle drei Schwestern veröffentlichten unter Pseudonymen, und zwar unter Männernamen, denn eine Frau galt im 19. Jahrhundert nichts, sei es als Autorin, als Gouvernante oder sogar als wohlsituierte Ehefrau. Erst 1850, nach dem frühen Tod von Anne, enttarnte Charlotte die Pseudonyme: Anne war Acton Bell, und ihre Schwestern publizierten unter Currer und Ellis Bell. Heute dürften die Schwestern stolz sein, dass ihre Literatur unter ihren echten Namen auch nach zwei Jahrhunderten zu den Klassikern zählt und gern gelesen wird.


Ellen Norten - 20. Januar 2015
ID 9087
Anne Brontë | Agnes Grey
320 Seiten, Flexcover
EUR 9,90
dtv, bibliophile Sonderausgabe 2014
ISBN 978-3—423-14356-1


http://www.dtv.de/buecher/agnes_grey_14101.html


Post an Dr. Ellen Norten

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