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Schwein gehabt





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Schwein gehabt, oder doch nicht? Wer hat bloß die Sau rausgelassen - mitten in Brüssel? Ja, es gibt tatsächlich ein Foto von ihr auf der Überwachungskamera eines belebten Platzes! Und es werden immer mehr Augenzeugen - gleichzeitig an den unterschiedlichsten Orten. "Brüssel hat Schwein. Wie soll es heißen?" fragt die Boulevard-Presse und schießt sich damit ins Knie, denn organisierte Netzaktivisten stimmen überwältigend für Mohamed. Das Thema ist damit out, aber wer steckt dahinter?

Die wirklich spannenden Geschehnisse in Brüssel bleiben jedoch im Dunkeln, dringen nicht an die Öffentlichkeit und schon gar nicht an die Presse. Es gibt immerhin einen Mord im Atlas-Hotel, dessen Aufklärung unmöglich gemacht wird, weil die Ermittlungen des zuständigen Kommissars von allen Festplatten gelöscht werden und er selbst von dem Fall abgezogen wird. Der ist nämlich Sache des Geheimdienstes - und der katholischen Kirche, die mit ihrem Klerus über das weltweit größte Agentennetz verfügt. Das Auge Gottes - so das Passwort des Rechners im Erzbistum Posen - ist sogar in dubiose Auftragsmorde verwickelt. Jagt man Terroristen? Im Hotel Atlas jedenfalls hat es den falschen erwischt.

Das Schwein trabt derweil ungestört durch den Roman Die Hauptstadt von Robert Menasse und spielt eine auch metaphorische Hauptrolle. Macht es Brüssel zur Sau, oder taugt es doch noch zum Glückssymbol?

Nein, aber es hätte das Zeug dazu. Denn in der Europäischen Kommission tobt ein Schweinekrieg. In der Handelsabteilung, da, wo die Musik spielen sollte, man sich aber nur gegenseitig blockiert, geht es um die Wurst. Die einen wollen weniger Subventionen und damit einen Rückgang der Schweineproduktion, um den Preisverfall zu stoppen. Die anderen kämpfen um mehr Schweine, um sie teuer nach China zu liefern. Ausgerechnet Schweinsohren, die man in Europa wegwirft, gelten dort als Delikatesse. Schlachtabfall zu Filetpreisen - was für ein Geschäft! Das Ergebnis der üblichen Kompetenzstreitigkeiten ist schließlich, dass jedes europäische Land für sich mit China verhandelt, die gegenseitige Konkurrenz den Preis weiter drückt, während kein Staat allein mehr die internationale Nachfrage bedienen kann. Gleichzeitig drängt die EU die Schweinebauern zum Aufgeben. Da ist es wenig tröstlich, dass immerhin eine EU-Richtlinie über das Brennverhalten von Unterwäsche gefunden werden konnte.

In der Haupt- und Staatsaktion des Romans aber geht es vielmehr um viel weniger: Mit Hilfe ihres 50jährigen Jubiläums will die Europäische Kommission ihr schlechtes Image aufmöbeln. Aber ein Jubiläum ist noch keine Idee. Das wissen alle, auch die griechische EU-Beamtin Fenia Xenopoulou auf der Suche nach ihrem persönlichen Rettungsschirm. Um ihre traurige Karriere weiter zu verfolgen, reißt Fenia das Projekt an sich, weiß aber nichts damit anzufangen. Ein untergeordneter Mitarbeiter namens Dr. Susman macht den Vorschlag, die wenigen noch Überlebenden von Auschwitz nach Brüssel zu holen: ihr Zeugnis soll die große europäische Idee von der Überwindung des Nationalismus und Rassismus wiederbeleben. Nie wieder Auschwitz! Das passt in Sonntagsreden, aber nicht in die Politik der Nationalstaaten. Die Gemeinschaft - papierenes Monstrum, das vor allem mit seinen Intrigen beschäftigt ist.

In einem der schönsten Kapitel zeigt Menasse, wie die Gremien das "Big Jubilee Project" mit Lob und taktischer Eleganz erledigen. Fenia kann sich durch einen Wechsel des Passes, der sie nun als Zypriotin ausweist, nach oben retten. Denn auch dem kleinen Land stehen ein paar hohe Posten zu.

Und noch eine Ebene charakterisiert den beklagenswerten Zustand Europas: Die Reflection Group "New Pact for Europe". Ein Think Tank, der naturgemäß keine Idee hat, wie er das malade Europa wieder gesund machen soll. Der Konsens ist fatal: einfach weitermachen so wie bisher - nach der Devise "more of the same". Als ob die Methoden, die zur Krise geführt haben, imstande wären diese zu lösen! Nutzlos auch, dass ein Professor alter proeuropäischer Schule in diesen Kreis berufen wird. Mit seinem nachnationalen Konzept redet er sich um Kopf und Kragen. Man kann eben nicht mitspielen und zugleich die Regeln ändern. Nur des Professors Rechtschreibprogramm korrigiert die "Eitlen" in "Eliten".

Parallel tötet ein Terroranschlag in Brüssel einen der letzten Auschwitz-Überlebenden. Was bleibt von Europa, wenn die tot sind, die es einst erdachten und genau wussten, warum? - Ein gefräßiger Moloch. Aber ein alternativloser. Siehe China!

*

Der Roman von Robert Menasse wurde zu Recht hochgelobt und 2017 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Vor allem weil er ein Thema aufgreift, das aktueller nicht sein könnte und uns auf den Nägeln brennen müsste, bislang aber nur selten literarisch behandelt wurde. Menasse liefert brillante Dialoge, Szenen und Kapitelüberschriften zu Europa: "Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen."

Dennoch eine oft mühsame Lektüre, deren Figuren und Handlungsebenen recht kompliziert miteinander verschränkt werden, Fäden fallengelassen. Dadurch bleiben etliche der großartig angelegten Charaktere doch ein wenig fern, blass und unvertraut. Man weint ihnen nicht nach, wenn das Buch zu Ende ist, wird aber um manche Einsicht bereichert.

Man klappt es also sehr viel gescheiter zu.


Petra Herrmann - 10. Februar 2018
ID 10510


Siehe auch:
http://www.suhrkamp.de/buecher/die_hauptstadt-robert_menasse_42758.html


Post an Petra Herrmann

petra-herrmann-kunst.de

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