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Natürliche Kreisläufe

im farbintensiven

Licht





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Die Zeit scheint förmlich stillzustehen. In einem spontanen Duktus und einer rhythmischen Linienführung werden Flächen in kräftigen Farben auf die Leinwand gebannt. Die Malerin überführt komplexe Umrisse flüssig und expressiv in einfache geometrische Formen. Sie rang um Bildfindungen und macht dabei Dinge mit einem persönlichen Blick sichtbar, die das bloße Auge meist nicht sieht. Dabei vereinfacht sie unbedarft, inszeniert theatralisch oder elegant und schafft stimmungsvolle gegenständliche Werke.

Gabriele Münter Schaffen umspannt über sechs Jahrzehnte. 2027 ist anlässlich ihres 150. Geburtstags das internationale Gedenkjahr für die wohl bekannteste Vertreterin des Expressionismus in Deutschland. Es erscheinen für 2027 gleich mehrere Terminplaner mit Bildern aus dem Œuvre der Malerin, von denen der 45,5 x 55 cm große Korsch-Kalender Gabriele Münter 2027 besonders schön ist. Die Hälfte der Monatsblätter zeigt Panoramen, welche Münters Sinn für die Komposition weitläufiger Landschaften und die Wirkung von Tages- und Jahreszeiten auf die Farben der Umgebung zur Geltung bringen. Doch auch Charakterstudien, Interieurszenen und ein Stillleben sind enthalten:

Der Januar zeigt das Spätwerk Gasse in Murnau, Roter Baum aus dem Jahr 1956. Mit gewohnt kraftvollem Pinselstrich und leuchtenden Farben rückt die Künstlerin hier die namensgebende, expressiv verfremdete Natur als visuellen Fixpunkt in das Zentrum der dörflichen Kulisse.

Das Gemälde Im Uhrmacherladen von 1916, ausgewählt für den Februar, stellt eine Figur im Mittelpunkt dar, die aus einem Laden hinausschaut und auf einem Stehpult ein Tintenfass vor sich hat. Die Person, deren Gesicht unausgeführt bleibt, wartet auf Kunden.

Das März-Motiv, das Ölgemälde Bunter Strauß in brauner Vase aus dem Jahr 1952 und somit aus der Spätphase der Künstlerin, ist ein florales Stillleben, in dem die Blumen zu Konturen stark vereinfacht wurden und die Malerin sie durch eine leuchtende, kontrastreiche Farbwahl stimmungsvoll in Szene setzt. Angesichts der politischen Lage der Kriegs- und Nachkriegsjahre malte Münter so viele Blumenbilder wie nie zuvor, da diese noch am besten verkäuflich waren. Heute deuten Kunsthistoriker dies auch als Ausdruck des Rückzugs in Stille und Intimität und als Kapitulation in der Zeit des Nationalsozialismus.

Das im April gezeigte, 1911 entstandene Ölgemälde Berge (Wolken, Villa) fängt die alpine Landschaft rund um Murnau ein. Naturformen und Architekturelemente werden dynamisch in stark vereinfachte, farbintensive Flächen zerlegt.

In dem um 1910 entstandenen Werk An der Staffelei (Selbstbildnis) inszeniert sich Gabriele Münter unprätentiös im Malkittel und rückt ihr eigenes, professionelles Schaffen – im spannungsreichen Kontrast zum dunklen Hintergrund – selbstbewusst in das Zentrum der Komposition.

Ein Höhepunkt der Zusammenstellung ist das Juni-Motiv: In dem 1928 entstandenen Ölgemälde Ramsachkirchlein fängt Münter das berühmte barocke Gotteshaus (bekannt als „Ähndl“) am Rande des Murnauer Mooses ein. Sie bettet die einsam stehende Kirche mit gewohnt klaren Konturen und reduzierten Formen harmonisch in die mächtige Kulisse der voralpinen Gebirgslandschaft ein.

Das Juli-Bild Berglandschaft von 1910 ist zugleich das Titelmotiv. Es zeigt eine farbige Hügellandschaft mit Häusern und stilisierten Bäumen vor markanten, kompakt geformten Wolken.

Das Gemälde Jawlensky und Werefkin aus den Jahren 1908/09, ausgewählt für den August, zeigt die beiden befreundeten Künstlerkollegen Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky ohne Gesichtszeichnung in einer entspannten, ländlichen Alltagssituation auf einer Almwiese in Murnau. Die Künstlerin fängt die Szene im expressionistischen Stil mit stark vereinfachten Formen, leuchtenden Farbflächen und dunklen Konturlinien ein.

Das September-Motiv offenbart einen weiteren Höhepunkt des Kalenders: Im 1932 entstandenen Gemälde Staffelsee mit Nebelsonne fängt Münter die melancholische Stimmung einer herbstlichen Seenlandschaft ein, in der sich die tiefstehende, von Dunst verschleierte Sonne in gedämpften Farben auf dem Wasser reflektiert.

Im Oktober-Motiv, dem 1913 geschaffenen Werk Im Zimmer (Frau im weißen Kleid), inszeniert die Malerin eine in sich gekehrte weibliche Figur in einem farbintensiven Interieur, wobei das strahlende Kleid einen kontrastreichen Fokus inmitten der expressiven, dunkel konturierten Raumkomposition bildet. Im Hintergrund sieht der Betrachter zwei kindliche Zeichnungen von Münters Nichte Elfriede. Personen und Gegenstände erscheinen im Raum gleichwertig und stützen die Gesamtkomposition.

In den November- und Dezember-Motiven Herbstallee (1931) und Murnau im Schnee (1954) fängt die Künstlerin herbstlich respektive winterlich gestimmte, menschenleere Landschaftsdarstellungen ein, indem sie 1931 das goldene Licht einer von Bäumen gesäumten Straße und 1954 die stille, schneebedeckte Architektur ihres oberbayerischen Zufluchtsortes mit gewohnt klarer Linienführung porträtiert.

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Die meisten der abgebildeten Bilder werden in Privatsammlungen verwahrt und sind deshalb nur selten für die breite Öffentlichkeit zugänglich. Im Jubiläumsjahr besteht jedoch die Gelegenheit, ausgewählte Werke im Original zu sehen, im Rahmen größerer Wanderausstellungen unter anderem im Lenbachhaus in München, im Münter-Haus in Murnau sowie in Wiesbaden, Bremen, London, Dublin und Ascona (Schweiz).

Münters stimmungsvolle Umsetzungen von Naturvorbildern bezeugen ihre enge Verbundenheit mit der Landschaft. Auf mehreren Motiven fängt sie weibliche Figuren einfühlsam ein und lässt sie eine Gelassenheit und verletzliche Ruhe ausstrahlen. Die Malerin setzte sich dafür ein, die Rolle der Frauen in der Kunst in einer damals von Männern dominierten Kunstwelt ins Bewusstsein zu rufen und zu stärken. Seit 32 Jahren werden mit Unterbrechungen bildende Künstlerinnen ab einem Alter von 40 Jahren mit dem Gabriele-Münter-Preis ausgezeichnet, der 1994 im Frauenmuseum Bonn erstmals vergeben wurde. Zu den Preisträgerinnen gehören unter anderem namhafte Künstlerinnen wie Valie Export, Rune Mields und Cornelia Schleime.


Ansgar Skoda - 8. September 2026
ID 16030
Korsch-Link zum Kalender Gabriele Münter 2027


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