Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 2

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Rezension

William Boyd - Solo

Ein James Bond-Roman
Berlin Verlag, 2013
ISBN 9783827011589




Der geohrfeigte Bond – Ein Rekonvaleszent sinnt auf Rache

Die Normalnull in Afrika: 007, der Psychopath im Smoking ist Geschichte – William Boyd formatiert James Bond um zu einem Jedermann mit Schrecksekunde, Schockstarre und Schlafstörung


* * *


Bei Brecht findet sich die Zeile: „Tauche wieder unter in die Tiefe, Sieger“. Brecht rät dem Sieger vergessener Kämpfe zu einem furchtsamen Absinken. Er empfiehlt den Untergang in Massenphänomenen. Da hat James Bond bis zu Boyd keiner gesehen. Vielmehr wurde Ian Flemings britischer Superman in den Fängen der Filmindustrie überlebensgroß. Der polierte Haudegen triumphierte in der Ungleichzeitigkeit zwischen technischem Fortschritt und menschlichem Bewusstsein mit einer steinzeitlichen Bereitschaft, Raketen wie Speere einzusetzen. Bond interpretierte das martialische Vokabular transatlantischer Weltraumkrieger wie ein anderer Doktor Seltsam. Das nahm ihn so sehr aus der Realität, dass er wie aus der Animation zu kommen schien. Dieser Entwicklung verweigert William Boyd in seinem Roman Solo eine Fortsetzung. Er zeigt Bond als Mann in Schwierigkeiten. Seine Spielräume qualifizieren ihn soeben. Man kann ihn überfordern. Vor allem gehört seine moralische Indolenz der Vergangenheit.

Solo startet so: Im Traum findet sich James Bond in der Normandie wieder. In einer Normandie voller Schlamm und Schlehen. Der Traum spielt ihm Szenen seiner soldatischen Initiation ins Gedächtnis, datiert auf den D-Day. Da war Bond Leutnant in besonderem Einsatz. An „einem zitronengelben Tag“ entging er zum ersten Mal in seinem Leben dem Tod um Haaresbreite. Wie jeder Sterbliche verbindet er Gefahr mit Angst. Flemings Bond kannte diese Angst nicht. Er witterte sie höchstens bei seinen Opfern. Die Angst wurde dem Psychopath mit der Lizenz zum Töten von William Boyd beigebracht. Wenigstens bleibt Bond bei Boyd ein Mann mit ungesunden Vorlieben. Auch Boyds Bond raucht und trinkt zu viel. Will eine Frau über ihre Seele sprechen, zieht er wie eh und je den Reißverschluss. Im Übrigen scheint er eher einsam. Jedenfalls begeht er seinen fünfundvierzigsten Geburtstag vornehmlich in der Gesellschaft von Flaschen. Die Romangegenwart lässt sich leicht bestimmen, wenn man weiß, dass jener Interceptor 2, den Bond sich kurz vor der Markteinführung von dem Händler seines Vertrauens leiht, im Oktober 1969 auf die Straßen kam. Zu diesem Zeitpunkt war Fleming schon vier Jahre tot. Das Kolorit im solistischen Handlungsjetzt entsteht in Überblendungen von Meldungen aus dem Vietnamkrieg und Verlusten am Spieltisch. Bond wohnt in Chelsea, er spannt in den Cafés der Hippies wie eine taube Nuss im trüben Müßiggang. Er sitzt betrunken auf dem Trockenen wie auf einem Abstellgleis von Swinging London. Unternimmt Bond einen Einbruch, inspiziert er zuerst die Bar und begeht dann das Haus mit Dimple Haig im Glas. Drei Finger breit.

Bond kennt in Boyds Interpretation von 007 „Nachdenklichkeit und Unbehagen“. Privat verwirrt er sich in einer schwelenden Beziehung zu Bryce Fitzjohn alias Astrid Ostergard. Die Irin spielt in schlechten Filmen aufreizende Rollen. Beruflich hat Bond noch immer mit „M“ und „Q“ zu tun. Grundkenntnisse werden vorausgesetzt.

Es hilft alles nichts, Boyd hat Bond so stark humanisiert, dass man über ihn wie über einen notorisch verkaterten Kommissar nachdenkt. So einen kann man im Auftrag Ihrer Majestät jederzeit als Journalisten eines links-französischen Periodikums verkleiden und ohne Pistole nach Zanzarim in Westafrika schicken. Historisch bezeichnet Zanzarim die Republik Biafra. Sie erstritt 1967 ihre Unabhängigkeit von Nigeria.

Der Bürgerkrieg spielt sich in Zanzarim als Stammesstreit ab. Ein „afrikanischer Napoleon“ namens Salomon Adeka baut eine Minderheitenposition zum Machtfaktor aus. Die britische Regierung will ihn aber verlieren sehen.

William Boyd wurde mit Graham Greene verglichen, Boyd selbst zitiert Greene in Solo. Boyds greene´esker Geschichtspessimismus hält die Geschichte nicht auf. Salomon Adeka kämpft um ein ausuferndes Ölfeld im Zanza-Delta und nennt es Heimat und nennt es Dahum. Der Hesse sagt Daheim.

Nach diversen doppelten Brandy Soda landet Bond in Sinsikrou, der Kapitale von Zanzarim – „Afrika im ersten Sonnenlicht. ... Ein paar Soldaten harrten lustlos im Schatten der Tragflächen aus.“

Nun sucht Boyd nach Worten für die Gewalt einer überwältigenden Natur. Die englischen Spaziergänger des 19. Jahrhunderts sahen sich in der Lage, einen Kontinent in die Schranken ihres Hochmuts zu weisen. Boyd ahmt sie nach, er bietet den Schuhputzjungen auf und den brüderlichen Zuhälter seiner Schwester. „Der Wasserdruck (der Hoteldusche) ließ zu wünschen übrig.“

Bond hat Spaß mit der vermeintlichen Verbündeten Blessing O., die Körperfreunde werden entführt. Der Anführer (ein Söldner namens Kobus) des militärisch auftretenden Kidnapper-Kommandos ohrfeigt Bond bei Gelegenheit. Das trifft, einem Bond gibt man keine Schelle. Gleichviel, Bond und Blessing gelingt die Flucht, im Busch und unter Beschuss verlieren sie sich aus den Augen. Nun eiert Bond allein durch Wald und Flur. Bis er wieder seinem auf Gastgeber umgeschalteten Chef-Entführer Kobus in die Arme läuft.

Sein ständiger Begleiter in Port Dunbar, der Hauptstadt von Dahum, heißt Sunday. Wer möchte bei Sunday nicht an Robinsons Freitag denken? Sunday „ist muskelbepackt, von heiterem Wesen und zwangloser Art“. Er „lächelt unentwegt“, im Stil heiterer Heiden.

Bond bewährt sich als Stratege in der Befolgung einer französischen Regel: Reculer pour mieux sauter. Er strapaziert den Bündnisgenossen Verwirrung beim Gegner, Boyd zählt jede Waffe im Einsatz auf. Er meldet die Zahl der Gefangenen, die kollaterale Statistik behält er für sich. Bond verdient sich einen Orden, das auf den Tod erkrankte Staatsoberhaupt von Dahum lässt es sich nicht nehmen, den „Journalisten“ persönlich auszuzeichnen. Unwillkürlich stellt man sich die Episode als Szene in einem Film vor, als originelle Auflösung. Das gallische Dorf hat im vorliegenden Fall einen hinfälligen Majestix, vermutlich in Personalunion mit Miraculix, dem Medizinmann.

Die Protagonisten des kolonialen Zeitalters erkannten in der physischen Potenz „roher Völker“ bloße Verschwendung. Die sie in der Sklaverei kanalisierten. Sie verstanden den Elan „der Naiven“ als Antagonisten der Vernunft. Bei Boyd ist Bond wie auch jeder europäische Gegenspieler ein Erbe dieser Ansichten, ein Relikt.

In Dahum begegnen sich Dinosaurier aus der Ära weißer Vorherrschaft. Hulbert Linck springt auf den weißen Wesenszug auf. Der ominöse Millionär versorgt die Rebellenarmee im Alleingang mit dem Nötigen. Der Mut der Marodeure rührt von ihrem Vertrauen zu einer besonderen Medizin. Ein Scharlatan impft sie mit dem Optimismus, im Jenseits als Geisterkrieger unschlagbar zu sein. Bond setzt ihn außer Gefecht, an einer Stelle, die den alten Bond im Roman einmal wieder aufleben lässt. Es geht nun zügiger voran. Der Held wird zusammengeschossen, als Rekonvaleszent sinnt er auf Rache. Sein Rachefeldzug ist eine private Angelegenheit. Erst jetzt verwandelt Boyd Bond in den Mann, den wir kennen und schätzen – in unseren Stellvertreter auf dem Deck und in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nur soviel will ich noch verraten, in Amerika fährt Bond den „neuen Ford Mustang Mach 1“ mit abnehmbarem Dach ... kein elegantes europäisches Design, sondern einfach 300 PS in einem schlichten V8-Motor. Zitiert nach Wikipedia: „Das Modell erhielt 1969 Doppelscheinwerfer. Die äußeren Scheinwerfer saßen in tiefen Höhlen in den Kotflügelspitzen, die inneren Fernlichtscheinwerfer im Kühlergrill. Die Hutzen vor den Hinterrädern wiesen nach hinten. Bei dem ab 1969 'Sportsroof' genannten Fließheck-Coupé entfielen die angedeuteten Lufteinlässe vor den Hinterrädern ganz. Dafür besaß der 69er Sportsroof Lufteinlässe an den Kotflügelflanken in Höhe der Türgriffe.“


Jamal Tuschick - 29. September 2013
ID 7196
William Boyd - Solo
Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky
368 S., geb.
19,99 € [D] | 20,60 € [A]
Berlin Verlag, 2013
ISBN 9783827011589



Siehe auch:
http://www.berlinverlag.de/bucher/bucherdetails.php?isbn=9783827011589


Post an Jamal Tuschick

Zu den AUTORENLESUNGEN




  Anzeigen:




LITERATUR Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

AUTORENLESUNGEN

BUCHKRITIKEN

INTERVIEWS

KURZGESCHICHTEN-
WETTBEWERB
[Archiv]

LESEN IM URLAUB

PORTRÄTS
Autoren und Verlage



Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal





Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de