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Rezension

Werner Ryser - Klosterzelg

Roman
Reinhardt Verlag Basel, 2012
ISBN 978-3-7245-1853-2



Filz, Verbrechen und Mord in Basel – ein brillant geschriebener Krimi in ungewohnter Umgebung

Vor dem Hintergrund der bedeutenden hauptsächlich angelsächsischen und skandinavischen Bestseller wird das deutschsprachige Krimischaffen von Feuilletons und Lesern oft übersehen, oder mit freundlicher Herablassung bedacht. Insbesondere die Schweiz scheint selbst den Schweizern zu bieder, zu beschaulich und harmlos, um einen glaubwürdigen Schauplatz für Verbrechen und Verbrecher abzugeben. Die Klagen darüber sind alt und vertraut, die Ergebnisse für Schweizer Verlage und Autoren oft frustrierend – und dennoch erscheinen in der deutschsprachigen Schweiz immer wieder Bücher, die keinen Vergleich zu scheuen brauchen und deren Autoren handwerklich und in Sachen Erfindungsgeist mehr als nur lesenswerte Proben ihres Könnens abliefern.

Ein derartiges Werk hat jüngst Werner Ryser vorgelegt, dem Lesepublikum vielleicht vertraut als Autor des Walliser Totentanz, einer einzigartigen Romanerzählung zur Walliser und Schweizer Geschichte. Mit dem Roman Klosterzelg, sorgfältig editiert und erschienen beim Reinhardt Verlag, hat er sich nun ganz der Gegenwart und der Region Basel zugewandt. Es ist ein fulminantes Buch geworden, getragen von einem beharrlich pochenden Erzählstil, um den gerade Krimiautoren, die mit Blick auf die Lesererwartungen eine Art neuen Heimatstil verfolgen, Ryser beneiden dürften. Unbekümmert und mit großer Sorgfalt spannt er seinen Erzählbogen über die geografische Landschaft, gleichzeitig über jene der Gesellschaft und ihre unterschiedlichen Schichten und schließlich über die seelischen Abgründe der auftretenden Charaktere. Die Hauptfigur skizziert Ryser mit geschickten, aber sparsamen Strichen, um sie dem Leser als Projektionsfläche im ansonsten akribisch und detailliert dargestellten Panoptikum freizuhalten. Dieser Jakob Amberg, ein Mann fast ohne hervorstechende Eigenschaften, gerät unverschuldet in eine Reihe von Mordfällen und unter Verdacht. Ryser schildert an seinem Schicksal exemplarisch, wie rasch und wie tief jemand in die Mühlen der Justiz und der gesellschaftlichen Ächtung selbst dann geraten kann, wenn er sich abseits von dem hält, was als „die Welt“ bezeichnet wird. Eindringlich die beschriebene Verwahrung in der Psychiatrie, in die der Held (oder vielmehr Antiheld) zur Abklärung eingewiesen wird, eine Erfahrung von kafkaesker Ausweglosigkeit. In der Romanrealität begegnen dem Justizopfer und den Lesern lauter Gestalten, die in ihrer plastischen Darstellung überzeugen. Im Zentrum Paul Salvi, ein Mensch von übergroßer Statur in jeder Hinsicht, Direktor einer sozialen Stiftung und getrieben von maßlosem Ehrgeiz und Selbstüberschätzung, dessen Pläne das Verhängnis auslösen und ihn am Ende selber verschlingen. Der Staatsanwalt, dessen Niederträchtigkeit nur von seiner schieren Unfähigkeit übertroffen wird. Die bizarre alte Dame aus bester Familie, die durch ihren gesellschaftlichen Rang vor der gebotenen Psychiatrisierung und Strafverfolgung geschützt bleibt. Da sind die zahlreichen und glaubwürdig herausgearbeiteten Nebenfiguren, wie sie nur jemand zustande bringen kann, der mit feiner Ironie dem Leben und den Menschen mehr ablauscht und abschaut, als dies ein bloß oberflächlicher Beobachter vermöchte. Bei alledem erliegt der Autor nicht der genretypischen Versuchung, der Polizei ein besonders dümmliches oder übertrieben bewunderndes Porträt zu widmen. Es gelingt ihm vielme hr eine unsentimentale, beinahe spröde Darstellung ihrer Arbeit und ihrer Vertreter, in der gelungenen Absicht, letztlich nicht den Untersuchungsbehörden, sondern der Gesellschaft die Verantwortung für Missstände und individuelle Entgleisungen zuzuweisen. Meisterhaft schließlich der rhetorische Showdown des Hauptprotagonisten mit der Figur von Professor Valk, dem mächtigen Vertreter eines internationalen Konzerns, einer ebenso zynischen wie jovialen Gestalt. Es wird in der Schweizer Literatur kaum ein pointierteres und abgründigeres Managerporträt zu finden sein. Ryser hat mit ihm einen theatertauglichen Prototypen von besonders unheimlicher Prägung geschaffen. Das Buch lohnte allein dieses Kapitels wegen den Kauf, aber da sind all die anderen, die keineswegs zurückstehen, sondern vielmehr die Handlung und die Figuren derart spannend und beharrlich zu einem Kulminationspunkt treiben, dass man das Buch nach begonnener Lektüre kau m mehr aus der Hand legen möchte.

Und ja, es gibt – im beschaulichen Basel, in der biederen Schweiz – all die Zutaten, die einen guten Krimi auszeichnen: Sex and Crime, Heimtücke und Verrat, die klassische Whodunit-Frage, die Ermittlungen, verwickelte Handlungsstränge – und nicht zuletzt die Morde und Gewaltverbrechen, die nach einer Aufklärung verlangen und ohne die die Krimigattung kaum auskäme.

Das alles wird vorgetragen mit der Lässigkeit des gewieften Erzählers, mit großer Wucht und überraschenden Wendungen, befeuert von einer Energie, welche die Wut des Hauptprotagonisten über das erlittene Unrecht spüren lässt. Das Buch kann, anders als ein herkömmlicher Krimi, auch als eine Art ethnografisches Stadt-, Landschafts- und Gesellschaftsporträt gelesen werden, das dem Leser bei seinem gedanklichen Spaziergang reichlich Stoff für eigene Betrachtungen liefert. Rysers Talent und Erzählkunst befähigen ihn – den ursprünglich Ortsfremden – hier wie in seinem ersten Roman, mit sorgfältigem Sondieren tief in die verborgenen Verwerfungen einer geschichtlich gewachsenen Umgebung einzudringen und sie zum Gewinn seiner Leser Schicht um Schicht freizulegen.

Für Krimifreunde eine zwingend empfohlene Lektüre, für Basler ein Must – und für alle anderen ein großartiges Geschenk.

Volker Stein - 7. Dezember 2012
ID 6424
Werner Ryser, Klosterzelg
Reinhardt Verlag Basel, 2012
ISBN 978-3-7245-1853-2
360 S., kartoniert
CHF 29.80 | EUR 24.80



Siehe auch:
http://www.reinhardt.ch





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