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Rezension

Uwe Timm - Vogelweide

Roman
Kiepenheuer & Witsch, 2013
ISBN 978-3-462-04571-0


Weil es da etwas zu entdecken gibt, das streng genommen nicht in einer Rezension zu einem bestimmten Buch besprochen werden kann und doch so spannend ist, dass man es nicht ignorieren kann. Deshalb sollte man dieses Buch lesen. Genauer gesagt, es sind negative Erkenntnisse "vor dem Text", um die es hier geht. Der Roman heißt Vogelweide, und es wäre verwerflich so zu tun, als gäbe es zu seinem Autor Uwe Timm nicht mehr zu sagen als dies: Er ist ein Schriftsteller der etwas älteren Generation, der seit vielen Jahren eine stattliche Lesergemeinde aufgebaut hat und tatsächlich ein ums andere Mal schon den Beweis angetreten ist, Interessantes und Unterhaltsames als Erkenntnisgewinn zu produzieren.

Sein neuer Roman nun scheint so etwas wie der Versuch zu sein, die Phänomene des Begehrens und der Liebe zu erforschen. Fast könnte man aber meinen, es liegt Timm daran, die Gesamtheit dieses Phänomens auszuloten, was natürlich sehr anspruchsvoll wäre, aber vielleicht trügt ja der Schein. Tatsache ist, dass Timms Roman so etwas wie ein Credo beinhaltet, Tatsache ist aber auch, dass gerade dieses Credo (vermutlich) keiner hören will. Natürlich ist das jetzt heikel, so etwas zu schreiben, man macht sich keine Freunde, mindestens aber sehr angreifbar, wenn man sich großspurig hinstellt und verkündet, man kenne die Quintessenz eines Romans.

Zugegeben. Andererseits aber scheint der Autor tatsächlich so etwas wie eine Botschaft in seinen Text hineingearbeitet zu haben, so dass man ihm mindestens auf den Leim geht oder eben, zweite Variante, seine allzu deutliche Lehre missversteht. Machen wir es dennoch zunächst so, wie es sich gehört. Geben wir die Story wider, aber machen wir es kurz:

*

Berliner Mittelschicht, akademisches Milieu. Zwei Paare, verheiratet. Eigentlich alles im Lot. Und dennoch (oder gerade deshalb?) kommt eines Tages eine neue Liebe und zerstört alles, will sagen: mehr als die alte Liebe. Eschenbach, eigentlich Theologe, arbeitet als erfolgreicher Unternehmer. Anna ist Kunstlehrerin. Selma, Eschenbachs Frau, eine Kunstschmiedin, ist eine wunderbare Figur. Ewald, Annas Mann, ist Architekt und liebt seine Frau. Eschenbach und Anna lernen sich kennen, und die sogenannte neue Liebe ist sofort da. Gewaltig. Unwiderstehlich. Sie treffen sich an allen möglichen Orten, überwältigt von ihrer Begierde, deren überraschende Breitseite eben die Tatsache ihrer Heftigkeit ist. Immerhin ist Eschenbach nicht mehr der Jüngste, da ist so eine Triebsteuerung mit Seelenreizung ja erst mal recht bemerkenswert. Anna geht es ähnlich, aber sie sagt einmal den schönen Satz: "Beide haben wir Glück, lieben unsere Partner. Warum also das? Es gibt keinen Mangel an Liebe."

Annas Problem, das kann man verstehen: Sie ist eigentlich glücklich, hat einen Mann, der sie liebt, lebt in festen, ja privilegierten Verhältnissen und doch: Sie will mehr als das oder jedenfalls etwas anderes oder aber mindestens etwas Neues.

Natürlich halten sie ihre Skrupel nicht im mindesten davon ab, den angebeteten Mann zu treffen. Wann wäre das auch je geschehen? Man muss nun die weitere Geschichte nicht genauer erläutern, wichtig ist nur, dass wir Eschenbach, zwischenzeitlich sind Jahre vergangen, als Eremiten begegnen. Als Vogelwart an einer ansonsten unbewohnten Insel fristet er nach dem Scheitern von Ehe und neuer Liebe (Anna hatte einen Job, der sie mehr reizte) sein Dasein. Wie so oft: Frauen kommen darüber hinweg, Männer nicht (so gerne). Eines Tages nun meldet sich die forsche Anna, gewissermaßen aus dem Off, will den Herrn besuchen, kündigt sich kurzfristig an, kommt am Ende des Romans auch tatsächlich und in persona. Was dann passiert, sollte man selbst lesen. Es lohnt sich.

*

Und auch wieder nicht. Was sich nicht lohnt, das ist der Plot. Oder die vielen Zitate und Verweise, die nur suggerieren, es sei von Tiefe die Rede. Was indessen der Mühe wert ist, das ist die Erfahrung, die man als Leser "vor" diesem Text macht. Denn man beobachtet das Scheitern eines Erzählers, der zu viel will und zu wenig gibt. Dessen Rezept die eiserne stilistische Sparsamkeit darstellt. Man darf dabei zusehen, welche Fehler man besser meiden sollte. Vor allem den: Als Schriftsteller die Chuzpe zu besitzen, das Geheimnis einer Sache wie der Liebe endgültig lüften zu wollen! Man kann als Romancier Liebesgeschichten erzählen, aber man sollte nicht gleich "die" Liebe erklären wollen. Vor allem, wenn man so bescheiden und handwerklich und puristisch daherkommt wie Uwe Timm. Und insbesondere kann das überhaupt nicht gelingen, wenn man so tut, als wollte man eben dies nicht: den großen Wurf in bescheidenem Gewand! Schon besser wäre da eine essayistische Erzählweise, sagen wir die von Proust oder Sterne oder Brodkey. Das (nicht eben originelle) poetologische Konzept von Vogelweide lautet hingegen: In einfachen, behaglichen, eisernen und reduzierten Sätzen Geschichten zu stricken, die, so der Plan, wie Transparente zu lesen sind, durch welche hindurch, wie Hegel einst schrieb, die Idee sinnlich erscheine. Ich glaube: Das kann einfach nicht gut gehen. Oder glaubt jemand im Ernst, Anton Tschechow wollte in seinen Novellen "das Wesen" der Liebe oder der Freiheit oder der Trauer darstellen?

Fazit: Diese Ästhetik, verbunden mit dem Anspruch, eine Antwort auf die großen Fragen zu geben, führt definitiv in die Irre. Erzählerische Versuche, sofern sie in Uwe Timms Manier gestaltet sind, fördern selten eine echte Erkenntnis, weil sie eine Frage stellen, zu der es keine epische Antwort geben kann. Es gibt vielleicht eine Antwort auf die Frage, was die Liebe ist. Oder sagen wir besser, es gibt viele. Und man findet sie tatsächlich in der Literatur wie in anderen Künsten. Doch weder Goethe noch Proust, weder Tolstoi noch Faulkner hatten die Absicht, "die" Liebe in einfachen Worten zu erklären. Ihre Idee war lediglich, Geschichten der Liebe zu erzählen. Und auf diesem Wege, quasi im Vorbeigehen, indirekt, unabsichtlich fast, trugen ihre Storys dazu bei, dass ihre Leser die Liebe ein wenig besser verstehen konnten.

Jo Balle - 11. September 2013
ID 7140
Uwe Timm, Vogelweide
336 Seiten, gebunden
Euro (D) 19,99 | sFr 28,00 | Euro (A) 20,60
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2013
ISBN 978-3-462-04571-0



Siehe auch:
http://www.kiwi-verlag.de/das-programm/einzeltitel/?isbn=978-3-462-04571-0


Post an Dr. Johannes Balle



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