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Buchkritik

Tobias Wenzel | Solange ich lebe, kriegt mich der Tod nicht

Friedhofsgänge mit Schriftstellern
Knesebeck Verlag 2013
ISBN 978-3-86873-634-2




Friedhöfe gibt es auf der ganzen Welt


Vielleicht sagte sich dies Tobias Wenzel, als er auf die Idee kam, berühmte Autoren auf Friedhöfen zu interviewen. Vier Jahre lang reiste Wenzel zum Teil in sehr ferne Länder. Er traf Schriftsteller u.a. in Island, Neuseeland, in verschiedenen Ländern Nord- und Südamerikas, sowie in Südkorea und auf dem Balkan. Er traf sie auf dem Friedhof ihrer Wahl. 39 Interviews, bebildert mit eindrucksvollen schwarz-weiß Fotografien, die der Autor mit einer 30 Kilogramm schweren Plattenkameraausrüstung fotografierte, sind das Ergebnis dieses wohl einmaligen Engagements.

Der Friedhof als Begegnungsort eröffnet dabei einen ganz speziellen Blickwinkel, und so erfahren wir viel und vermutlich auch anderes als bisher über die Gesprächspartner. Natürlich ist der Tod dabei ein Thema, doch das Buch ist keineswegs traurig, es strahlt eine Intensität und Lebendigkeit aus, die mit dem Zitat der 91jährigen Benoîte Groult im Titel wiedergegeben wird: Solange ich lebe, kriegt mich der Tod nicht.

Warum Tobias Wenzel gerade Friedhöfe für seine Begegnungen auswählte, versucht er im Nachwort selbst zu beantworten:


„Vielleicht, weil ich es spannend fand, Friedhöfe, diese, wie ich glaube, verkannten, unterschätzten, zu Unrecht oft verdrängten Orte, mit den Augen anderer zu entdecken und die damit verbundenen Geschichten einzufangen. Weil ich seit frühester Kindheit über den Tod nachdenke und deshalb neugierig anderen zuhöre, wenn sie über ihn sprechen. Weil noch nie jemand gestorben ist, der mir wirklich etwas bedeutet hat, und ich mich auf diesen Tag vorbereiten wollte, indem ich mir von Schriftstellern, reflektierten Menschen also, die schon von Beruf's wegen um das Thema nicht herumkommen, gern erzählen lassen wollte, wie sie mit dem Tod umgehen. Weil ich es mag, mir schwierige Aufgaben zu stellen, und bei der Umsetzung kein Maß halten kann. Weil der Friedhof ein wunderbarer Ort ist, um einen anderen Menschen kennenzulernen.“ (S. 214)


So treffen wir Cornelia Funke auf dem Hollywood Forever Cemetery in Los Angeles, kommen mit Keri Hulme auf dem Tawhiroko Cemetery in Moeraki, Neuseeland zusammen, besuchen mit Donna Leon die Friedhofsinsel San Michele in Venedig oder begegnen Colum McCann am Ground Zero in New York. Auf dem Friedhof Ravne Bakije in Sarajevo erfahren wir von Dževad Karahasan, warum er den Ausdruck "Selfmademan" für eine verdammt Lüge hält:


"Es mag ihnen zwar weh tun, aber sie sind geboren worden, mein Lieber! Sie sind Teil einer Gesellschaft, ein Stein in der Mauer." (S. 134)


Tobias Wenzel zeigt auch, wenn ein Gespräch nicht funktionierte, er berichtet von Körben, die er bekommen hat und er schildert fast bizarre Begegnungen.

So besucht der Peruaner Alfredo Bryce Echenique erstmals nach über 40 Jahren die Gräber seiner Eltern. Dieser Ort ist in Lima so gefährlich geworden, dass Tobias Wenzel für das Gespräch einen vertrauenswürdigen Taxifahrer und einen Leibwächter engagiert.


„Das Leben ist eine großzügige Gabe des Nichts. Und wenn dann das Nichts eines Tages kommt, um diese Gabe zurückzufordern, dann müssen wir sie auch wieder herausrücken, sagt Alfredo Bryce Echenique am Familiengrab und ergänzt: 'Sie haben das letzte Foto von mir auf diesem Friedhof gemacht. Ich komme nämlich nur noch ein einziges Mal hierher zurück. Dann allerdings im Sarg.'" (S. 67)


Das Buch geht weit über normale Interviews mit Künstlern hinaus. Auch wenn wir die Interviewten nicht kennen würden oder sie tatsächlich nicht kennen, so steckt in den Gesprächen soviel Feingeist, soviel Wissenswertes und Berührendes, dass die Lektüre kaum langweilig werden dürfte. Außerdem gibt es ein Literaturverzeichnis zu den abgedruckten Zitaten der Schriftsteller. So führt das Buch vielleicht auch zur Lektüre dieser Werke.

Tobias Wenzel ist mit seiner Idee, Menschen auf Friedhöfen rund um die Welt zu interviewen ein ganz großer Wurf gelungen. Man darf hoffen, dass diesem Projekt weitere von dem Format folgen werden, denn der sonst reichlich versorgte Buchmarkt ist an dieser Stelle völlig unterbelichtet.


Bewertung:    


Ellen Norten - 26. April 2014
ID 7777
Tobias Wenzel | Solange ich lebe, kriegt mich der Tod nicht
224 S., geb. m. 70 s/w Abb.
€ 29,95
Knesebeck Verlag, 2013
ISBN 978-3-86873-634-2

Zum Buch finden auch zwei audiovisuelle Ausstellungen statt:
- Museum für Sepulkralkultur, Kassel (8. März bis 4. Mai 2014)
- Kunsthalle Rostock (27. September bis 2. November 2014)

Siehe auch:
http://www.knesebeck-verlag.de


Post an Dr. Ellen Norten



 

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