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Buchkritik

Mohammed Khallouk - In Deutschland angekommen

Marburg
Rimbaud Verlag, 2013
ISBN 978-3-89086-438-9





Kann ein wahrer Muslim sich überhaupt in eine fremde Stadt „vergucken“?


Kaum eine deutsche Stadt ist so sehr mit kultureller und vor allem religiöser Vielfalt verbunden wie Marburg. Mohammed Khallouk zeigt in seinen Fragmenten [In Deutschland angekommen], dass diese Vielfalt bei Muslimen nicht immer sofort auf Verständnis trifft. Die Dialogbereitschaft Marburger Christen und Juden, auch gegenüber seiner Religion, dem Islam, hebt er zwar als einladend hervor. Die Liberalität des Christentums in Deutschland bei Fragen wie Heirat, Scheidung und Geschlechtsverkehr ist ihm als Muslime doch ein wenig fremd. Für die Homoerotik sieht er offenbar nur beim Christentum mit seiner Trinitätslehre einen Platz frei. Der streng monotheistische Islam kennt auch in einer pluralistischen deutschen Studentenstadt nur eine Liebesform. Allah liebt nur auf einem Weg, also muss der Muslim es auch, am Nil und auch an der Lahn. Für ihn bleibt da nur der neidische Blick auf die Andersgläubigen. Der christliche Gott ist nachsichtiger mit seinen Getreuen. Die dürfen nur nicht dem babtistischen Fundamentalismus anhängen - ansonsten können sie ihre Liebhaber je nach Belieben aus- und abwählen. Muslime – Fundamentalisten und auch Nichtfundamentalisten – haben diese Wahlfreiheit nicht.

Das Buch offenbart eine seltsame Mischung aus Bewunderung und Argwohn für den freiheitlichen Lebensstil der deutschen Gesellschaft. Luthers Freiheit eines Christenmenschen bleibt für einen Muslimen auch in der ältesten protestantischen Universitätsstadt der Welt unverständlich. Khallouk präsentiert in seinen 76 Fragmenten alle Klischees, die in der muslimischen Gesellschaft vom westlichen Freiheitsbegriff vorhanden sind. Immerhin gelingt es ihm, sie in eine literarische Form zu gießen, die alles Bisherige, das von eingewanderten Autoren in deutscher Sprache hervorgebracht wurde, in den Schatten stellt.

Für einen Immigranten, der erst im Erwachsenenalter nach Deutschland gelangt ist, offenbart Khallouk eine unwahrscheinlich präzise Ortskenntnis, die bei vielen alteingesessenen „Urdeutschen“ zu ihrer Heimatstadt nicht vorhanden ist. In einer Universitätsstadt im Lande Humboldts zeigt der arabischstämmige Autor zudem ein Verständnis von Bildung, das über den zügigen Erwerb von Hochschulabschlüssen weit hinaus reicht. Er taucht ein in Geschichte und Gegenwart der ihn umgebenden Gesellschaft und ist in der Lage, sowohl Vorbilder als auch Abschreckungsbeispiele für seine Herkunftsgesellschaft zu ziehen. Er schimpft nicht auf die Deutschen, sein schwärmerisches Traumbild vom Okzident hat er aber bereits beim ersten Fußtritt auf deutschem Boden hinter sich gelassen. Den orientalischen Hang zur tiefgründigen Emotionalität versteht er geschickt mit germanischer Nüchternheit zu paaren.

Im Vorwort und Nachwort haben mit dem ehemaligen Botschafter in Algerien und Marokko und bekennenden Muslimen Murad Wilfried Hofmann sowie dem evangelischen Theologen und Poeten Reinhard Kiefer bereits zwei deutsche Autoren zu erkennen gegeben, dass Khallouks Weltsicht sowohl bei muslimischen als auch bei christlichen Eliten auf Resonanz trifft und zum Nachdenken anregt.


Rachid Boutayeb - 15. Mai 2013
ID 6762



[Unser Rezensent und Gastautor Dr. Rachid Boutayeb ist Philosoph, hat bei Axel Honneth, einem Vertreter der Frankfurter Schule, promoviert und veröffentlicht in verschiedenen arabischen und deutschen Zeitschriften, u.a. bei Merkur und Lettre International.]





Mohammed Khallouk, In Deutschland angekommen
160 S., brosch.
Rimbaud Verlag, 2013
ISBN 978-3-89086-438-9
€ 15,00



Siehe auch:
http://www.rimbaud.de/khallouk.html




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