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Rezension

Lisa Kränzler - "Export A"

Roman
Verbrecher Verlag 2012
ISBN: 978-3943167030



...und Gott spricht zum Schnee: Falle zur Erde!

Lisa Kränzlers Debütroman beschreibt die Erfahrungen der16-jährigen Lisa Kern während ihres Highschool-Jahrs in Kanada. Der kleine Ort, den sie ein Jahr lang ihr Zuhause nennen soll, scheint zunächst nichts zu bieten außer jede Menge Schnee - bis Lisa Alkohol und Pot für sich entdeckt. Der Alltag mit ihren Mitbewohnern steht in starkem Kontrast zum Lebensstil ihrer ebenfalls in Kanada lebenden Schwester, die Lisa in die Kirche schleppt und Ehrfurcht lehren will. Dort fühlt Lisa sich jedoch fehl am Platz, und erst wenn sie sich im Beisein der Jungs zum trinkfesten Seemann verwandelt, kann sie das Gefühl der Beklommenheit ausblenden. Dass sie mit diesem Verhalten im scheinbar endlosen Schnee Kanadas in etwas hineinschlittert, dass dem, was Pastor Leroy als Fegefeuer bezeichnet, sehr nah kommt, merkt Lisa erst, als es zu spät ist, um den Kurs zu ändern.

Diese Inhaltsangabe liest sich vielleicht nicht sonderlich originell, doch Kränzlers literatisches Debüt ist es zweifelsohne. Oftmals (und fälschlicherweise!) wird ihr Roman in einem Atemzug genannt mit erfolgreichen Vorgängern wie Helene Hegemanns Axolotl Roadkill. Doch Export A ist eindeutig mehr als ein schlechter Trip und auch mehr als ein coming-of-age Roman.

Das Buch zeichnet sich aus durch eine feinfühlige Wortwahl, von der Hegemann mit ihrem ach so realitätsnahen Slang nur träumen kann. Die Bildhaftigkeit, in die Lisa Kern ihre Erinnerungen verpackt, vereint Feingefühl und Präzision. Das ist wahrscheinlich der Retrospektive zu verdanken, aus der Lisa ihre Erlebnisse schildert. Die nunmehr 26jährige sieht diese - teils kohärenten, teils fragmenthaften - Aufzeichnungen als letzten Ausweg, um das Geschehene aufzuarbeiten, es durch das Niederschreiben überhaupt erst zum Geschehenen, zur Vergangenheit zu machen. Das Trauma muss sie noch einmal erleben, bevor sie es überwinden kann. Doch überwinden heißt nicht vergessen, geschweige denn ungeschehen machen oder die Unschuld wieder herzustellen.

Der Roman trägt übrigens den Titel einer kanadischen Zigarettenmarke. Lisas erste Zigarette war nämlich von genau dieser Sorte. Sich zurückerinnernd an diesen Augenblick schreibt sie:

„Widerspenstig kommt sie mir vor, diese Zigarette, die ich mit den Lippen festhalte, an der ich sauge und ziehe, um ihr den Geschmack abzuringen. Sie kratzt im Hals und kitzelt in der Lunge, übt Vergeltung, indem sie mich zum Husten bringt. Jeder Atemzug öffnet ein rundes Glutauge.“ (S. 73)

Diese Erfahrung scheint fast symptomatisch zu sein für die Einstellung, die Lisa gegenüber dem Leben entwickelt hat. Doch auch die Lese-Erfahrung erinnert an das Rauchen einer Zigarette und beeinflusst so den Leserhythmus: Mal fühlt man sich ruhig, nimmt gelassen einen Zug und betrachtet das Weiß der verschneiten Einöde, mal zieht man hektisch am Glimmstängel, kann kaum genug bekommen vom Rauch, der die Lungen füllt, und ist dann trotzdem erleichtert, wenn der Zigarettenstümmel ausgedrückt am Boden liegt und man endlich wieder unverpestete Luft atmen kann.

Auffällig ist (leider), dass der Roman mit autobiografischen Zügen kokettiert. Als ob man diese den jungen Autoren, die von ebenso jungen Menschen schreiben, nicht sowieso immer unterstellt, stimmen nicht nur der Vorname von Autorin und Protagonistin überein, auch die im Buch wiederholt beschriebenen Rehaugen finden sich leicht im Autorenfoto wieder. Auch ohne diesen Flirt der Fiktion mit der Realität hat Kränzler mit ihrer Protagonistin einen authentischen Charakter aus Fleisch und Blut geschaffen. Man ist gespannt auf das, was man von der jungen Autorin in Zukunft noch zu Lesen bekommen wird. Es wird sicherlich nicht leicht, an die Gewaltigkeit dieser Geschichte anzuknüpfen.

Lisa Krawczyk - 21. August 2012
ID 6155
Lisa Kränzler, Export A
Verbrecher Verlag 2012
265 S., geb.
21,00 €
ISBN: 978-3943167030



Siehe auch:
http://www.verbrecherei.de


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