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Rezension

Barbara Kalender & Jörg Schröder | Kriemhilds Lache

Neue Erzählungen aus dem Leben
Verbrecher Verlag, 2013
ISBN 978-3-943167-39-9




Keinen Wichtigeren - Schröder erzählt und erzählt, gemeinsam mit Barbara Kalender


Das Label Kalender & Schröder bezeichnet ein Autorenpaar in Wohngemeinschaft. Ich kenne keine sonnigere Verbindung. Kalender/Schröder kollaborieren wie in einem Spiel. Sie wetten auf das treffende Wort, es zu finden, ist ihr alltägliches Vergnügen.

Wo anfangen bei Jörg Schröder? Aufhören geht in seinem Fall sowieso nicht. Schröder war Schlossherr und Jaguar-Halter, er hat dann die Deutschen sexuell entkrampft. Sein MÄRZ Verlag motorisierte den gesellschaftlichen Aufbruch der ausgehenden 1960er Jahre. In einem historischen Augenblick lag ein Zentrum des geistigen Deutschlands in Darmstadt. Da wurde MÄRZ aus einem Keller gehoben. Die Gründungsgeschichte ist ein Krimi und außerdem ein Mythos der alten Bundesrepublik.

Ein Nabel der Republik ist Schröder geblieben, ich meine, es gibt keinen wichtigeren Er(bsen)zähler als ihn in Deutschland. Er schreibt in die kleinsten Karos und schöpft zugleich aus dem Vollen einer Verdopplung seines Vermögens. Barbara Kalender vernimmt man seit Jahrzehnten als zweite Stimme. Die Autoren entwickeln ihre Geschichten im Gespräch. Die Sprecharien haben einen rheinländischen Ursprung. Als junger Mann wurde Schröder mit jedem Kölnisch Wasser gewaschen, in Kneipen hörte er begnadete Schwadroneure ab. Deren Operetten komponierten Mundart und Volksmund. Jeder Erfahrung prägten sie ein Wort ein. Das Wort musste die Erfahrung transzendieren. Es saß, passte und hatte Luft, wenn es sich gegen den Strich bürsten ließ. Es konnte jederzeit auch vom Strich kommen, doch durfte es nicht darauf gehen. Der Mensch mochte sich verbiegen und unverfroren auf Neustarttasten im Himmel wie auf Erden hoffen, seine Erkenntnisse hatten der Welt eine Stirn aus Prägnanz zu bieten.

Diese altrheinische Prägnanz liefert dem fortlaufenden Kalender/Schrödertext die Grundlage. Sämtliche Überlieferungen erfolgen darauf spiralig von hinten durch die Faust ins Auge. Ihre größten Fische ziehen die Autoren aus Bagatellen an Land. Gewöhnen sie sich im Urlaub das Rauchen ab, an sich ein ganz normaler Vorgang in der zweiten Lebenshälfte, dann friert in ihrem Fall Frankreich bis zum Mittelmeer ein. Da ist dann auch der sprichwörtliche Hund verfroren und will mit nach Deutschland. Dies als Amuse-Gueule aus „Nichtrauchen ist ungesund“.

Der Hund, „ein braungeschimmelter Pointer“, wird für Kalender/Schröder zum mythischen Wesen in der Provence ihres fiebrigen Entzugs. Die Provence gibt sich die Lieblichkeit von Stalingrad vor der letzten Kesselschlacht. Entsprechend das Essen: „Wenn die Franzosen schlecht kochen“, dann machen sie aus jedem Stumpf einen Stil, servieren Spülwasser und sagen Suppe avec plaisir. „Die knotigen Knie“ der „bösen Kellnerin“ bringen Schröders Kreislauf zum Absturz. Nach einer Notoperation erholt er sich in Obhut von Professor Schlepper. Zum Verdruss der Schwestern deklamieren Schlepper & Schröder ihre Bildungserinnerungen aus der Schule mit Mut zur Lücke. Sie machen Scherereien nach Sueton: „Niemandem war es erlaubt, während des Vortrages das Theater zu verlassen, gleichgültig aus welchem Grund; die Tore waren verschlossen. Es wird berichtet, dass Frauen während der tagelangen Rezitationen niederkamen, dass Menschen aus Langeweile ... von den Mauern sprangen“.

Der Terror alter Männer kulminiert in Berliner Ohrenbärten, die an Martin Walsers Orkanbrauen erinnern – und im Kampfgeschrei „BÖHSER OPAZ!“. „In diesem Augenblick fing (Günter) Herburger an zu schreien wie ein Marseiller Maqureau, eine wahnsinnige französische Schimpfkanonade. ... Es war eine bedrohliche Argotkaskade von Rabelaisschen Ausmaßen“.

„Ein riesiger Kerl“, den Schröder zuvor vom Fahrrad gehauen hatte, „sprang auf sein ..., trat in die Pedale und flüchtete, als wäre der Teufel hinter ihm her“. Ach so, Herburger und Schröder waren auf dem Weg zum Italiener: „Es liegt in der Natur der Sache, dass in Deutschland immer ein Italiener in der Nähe ist. In Italien ist manchmal auch ein Italiener in der Nähe, aber dann nennt man ihn nicht so.“


Jamal Tuschick - 13. September 2013 (2)
ID 7143
Barbara Kalender & Jörg Schröder, Kriemhilds Lache
272 Seiten
Leinen mit Lesebändchen
Mit 28 Zeichnungen von F.W. Bernstein
EUR 26
Verbrecher Verlag, 2013
ISBN 978-3-943167-39-9



Siehe auch:
http://www.verbrecherverlag.de


Post an Jamal Tuschick



 

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