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Rezension

Jo Nesbø | Koma

Kriminalroman
Ullstein Buchverlag, 2013
ISBN 9783550080135




Eingefleischte Krimifans können oft nicht anders, als Jo Nesbøs Romane zu lieben. Denn zweifellos ist der Norweger einer der herausragenden Vertreter dieses Genres. Der Autor und Musiker ist ein Phänomen: Er produziert seit Jahren überragende Literatur - erst in zweiter Linie handelt es sich bei ihm um einen Kriminalautor. Nesbø publiziert Jahr für Jahr hunderte Seiten starke Kriminalwälzer auf allerhöchstem Niveau. Wie die Bücher des kongenialen Schweden ÅkeEdwardson sind auch die Romane Nesbøs der beste Beweis für den Irrsinn des oft postulierten Gattungsunterschiedes zwischen Unterhaltungs- und ernster Literatur. Denn ebenso wie Edwardson ist auch Nesbø ein außerordentlich anspruchsvoller, brillanter Schriftsteller. Er erzählt zugleich anspruchsvolle und unterhaltsame Geschichten, die man wieder und wieder mit Gewinn liest. Nicht nur, weil die Kenntnis des Endes beim wiederholten Lesen der Spannung überhaupt keinen Abbruch tut - dies allein wäre schon ein Merkmal, das nur auf die großen Krimiautoren zutrifft. Sondern auch, weil die Dichte und Intelligenz der literarischen Machart seiner Romane restlos überzeugt und immer wieder literarischen Genuss bereitet. So etwas findet man selten, weshalb man das frischeste Dokument von Nesbøs Erzählkunst in diesen kalten Novembertagen in aller Ruhe genießen sollte.

Koma ist der zehnte Fall des leicht neurotischen Quartalsalkoholikers Harry Hole. Hole war im zuletzt erschienenen Roman Die Larve ernsthaft verletzt worden. Nun inszeniert Nesbø ein Wiedersehen mit dem Ermittler. Die Figur des Hole ist ein ganz und gar realistischer Charakter, ein Typ, der seiner Umwelt definitiv nicht gefallen will und tatsächlich auch selten gefällt. Hole ist einer, der so richtig unbequem ist, weshalb der Leser schnell kapiert: So ein Typ würde im Berufsalltag definitiv jedem auf die Nerven gehen. Dabei ist Hole ein Charakter, der sich überhaupt gar nichts gefallen lässt und dabei einen Fehler nach dem anderen begeht. Wer es wie Nesbø schafft, einen unangenehmen und langweiligen Typen wie diesen so darzustellen, dass man seine Geschichten immer wieder lesen will, der verfügt zweifellos über ein besonderes Schreibtalent.

Der neue Thriller von Nesbø heißt im Original Politi - zu Deutsch "Polizei". In dieser Geschichte geht es um den Osloer Polizeiapparat, um dessen Innenleben, seine Korrumpierbarkeit, Schwerfälligkeit und Verlogenheit. Die deutsche Ausgabe ist mit Koma betitelt, eine Anspielung auf einen mysteriösen Mann, der im Koma liegt und rund um die Uhr von Polizisten bewacht wird. Wer das ist, bleibt lange im Dunkeln, fest steht jedoch, dass es sich um einen potentiellen Zeugen handelt. Spät, erst nach 200 Seiten, betritt dann der Ermittler Harry Hole die Bühne. Er arbeitet mittlerweile als Dozent der norwegischen Polizeihochschule, wird aber bei der Aufklärung des aktuellen Falles hinzugezogen. Was ist geschehen?

Der pensionierte Polizist Erlend Vennesla wurde auf brutale Weise ermordet. Dies geschah an derselben Stelle, an der zehn Jahre zuvor ein Mädchen vergewaltigt und getötet wurde. Dann ereignete sich ein weiterer, dubioser Mord. Irgendwann wird eine befreundete Kollegin von Harry Hole grausam zerstückelt gefunden. Keine Frage, alles deutet darauf hin, dass es sich um einen Polizisten-Mörder handelt. Die Aufgabe von Hole besteht in diesem zehnten Fall nun in erster Linie darin, nach einem Motiv zu fahnden. Dabei wird sich Hole permanent irren, er wird falschen Spuren folgen, er wird abstruse Thesen aufstellen, die sich als falsch erweisen, er wird argumentieren, dann wieder die richtigen Schlüsse ziehen, die er aber dummerweise wieder verwerfen wird; Hole wird fluchen und brutal sein, er wird sich nicht kontrollieren und seine Geliebte in Gefahr bringen, aus Sturheit, aus Intuition oder einfach, weil dieser Typ nicht anders kann als immer das zu tun, was ihn potentiell schädigen könnte. Hole ist definitiv grausam und sensibel zugleich, er ist ein Idiot und ebenso ein findiger Kerl, er ist ein ziemlich subtiler Ermittler und ein beschissener Liebhaber und Freund, er ist ein Kenner der menschlichen Abgründe und Gefühle, aber auch einer, der übertreibt, unhöflich ist und tumb, der sich korrigieren muss und keinesfalls erfolgreich ist - ein Mann, der jedenfalls kaum Applaus für das erhält, was er zustande bringt.

Koma ist neben Schneemann der beste und anspruchsvollste Roman um Harry Hole: Sprachliche Meisterschaft, dichte und überraschende Plotstruktur, aufschlussreiche und gekonnte Dialogführung, intelligente Beobachtungsgabe und psychologisches Einfühlungsvermögen - dieser Autor wird irgendwie immer besser, ein handwerklich versierter Schriftsteller mit einer überaus hohen emotionalen Intelligenz, der seinem Leser zu zeigen vermag, wie bestechend Literatur sein kann. Sehr viel früher nannte man diese ästhetische Tugend bildungsbürgerlich noch "delectare et prodesse", soll heißen: Literatur sollte unterhaltsam und gewinnbringend sein. Nesbøs Roman beweist aufs neue die zeitlose Gültigkeit dieser Formel.

Jo Balle - 19. November 2013
ID 7380
Jo Nesbø | Koma
Gebunden mit Schutzumschlag
624 Seiten
€ 22,99 [D], € 23,70 [A], sFr 32,50
Ullstein Buchverlag, 2013
ISBN 9783550080135



Siehe auch:
http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc/buch.php?id=42837


Post an Dr. Johannes Balle



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