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Rezension

Jonas Jonasson | Die Analphabetin, die rechnen konnte

Roman
carl's books, 2013
ISBN 978-3-570-58512-2




Das Erstlingswerk des schwedischen Autors Jonas Jonasson, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und veschwand, avancierte schnell zu einem Überraschungserfolg. Unlängst feierte sogar die Verfilmung dieses Romans in Stockholm Premiere. Wer aber meint, dass Jonasson damit schon sein Pulver verschossen hätte, wird angenehm überrascht. Sein zweiter Roman Die Analphabetin, die rechnen konnte stürmt derzeit die weltweiten Bestsellerlisten. Hatten der Hundertjährige und seine Gesellen noch einen Elefanten im Schlepptau, ist es bei der Analphabetin gleich eine fertig gebaute Atombombe. Wie sie zu der gekommen ist, ist eine lange, skurrile Geschichte...

Im Township Soweto zur Zeit der Apartheid in Südafrika lebt ein Mädchen namens Nombeko. Elektrizität, Wasserversorgung, ausreichende Nahrung, Hygiene, Schulbildung o.ä. gibt es nicht. Die weißen Machthaber sind auch gar nicht daran interessiert und nennen die Schwarzen in den Townships „Analphabeten“, was für die allermeisten auch zutrifft. Nur: Nombeki ist ein Rechengenie. Sie verdient sich ihr Geld als Latrinentonnenträgerin, also bei der Entsorgung von Exkrementen. Für ihren schwarzen Vorgesetzten wird sie unentbehrlich, weil sie rechnen kann, dem weißen Vorgesetzten aus Johannesburg ist sie ein Dorn im Auge, weil sie seine dubiosen Abrechnungen durchschaut. Vater hat Nombeko keinen, und ihre Mutter entflieht der harten Realität anhand von chemischen Mitteln. Irgendwann zerstört sie sich ihre Gesundheit damit und stirbt.

Nombeko hat das Glück, dass es einen Lesenden im Township gibt, von dem sie tatsächlich das Lesen lernt. Bald hält sie nichts mehr in Soweto. Sie macht sich zu Fuß auf den Weg in die Hauptstadt Pretoria, weil es dort eine Nationalbibliothek gibt. Ihre Reise endet abrupt, als sie in Johannesburg von dem betrunkenen Ingenieur Engelbrecht van der Westhuizen mitten auf dem Bürgersteig angefahren wird. Zur Strafe wird Nombeko dazu verurteilt, ihm sieben Jahre lang kostenlos als Putzfrau zu dienen. - Geschehen zu der Zeit, als Nelson Mandela als „Terrorist“ inhaftiert war. - Westhuizen arbeitet im Kernforschungszentrum Pelindaba, wo heimlich an der Atombombe gearbeitet wird. Da der Herr Ingenieur unfähig ist und erhebliche Ausfälle durch seinen Alkoholkonsum hat, liest sich Nombeko durch die Fachbücherei des Zentrums und unterstützt Westhuizen bei seinen Berechnungen, denn wenn seine Unfähigkeit auffliegt, würde sie als Mitwisserin nicht freikommen und am Leben bleiben können. Eine Flucht aus der Hochsicherheitszone ist unmöglich, der Bau der Atombombe natürlich streng geheim, obwohl der KGB als auch die CIA so ihre Verdachtsmomente haben.

Zeitgleich werden in Schweden Zwillinge groß. Da ihr Vater nur einen Sohn haben wollte, nennt er sie Holger 1 und Holger 2, wobei er den zweiten Sohn nie amtlich meldet. Er erzieht sie zu treuen monarchistischen Patrioten, was bei Holger 1 funktioniert, während Holger 2 lieber seinen gesunden Menschenverstand benutzt. Wie es dazu kommt, dass Holger 2 und Nombeko ein Paar werden, ist eine lange, amüsante Geschichte...

Wie schon beim Hundertjährigen nimmt Jonasson die Zeitgeschichte, ihre Ideologien, Irrungen und Wirren aufs Korn. Er schildert sie sowohl aus Sicht der Politik, aber vor allem, was und wie das beim kleinen Mann ankommt. Holger 1 wandelt sich vom Monarchisten zum Antimonarchisten, dann wieder zum Monarchisten. Das geht ohne große Veränderungen in seinem faschistoiden Wirrkopf. Die Ideologien beeinträchtigen das Leben, zerstören Hoffnungen und sorgen bei Jonasson fast schon für Bauchweh – vor Lachen. Nombeko wäre sicher in der Lage, Wahrscheinlichkeitsrechnungen anzustellen, Jonassons Bücher glänzen gerade dadurch, dass sie alle Wahrscheinlichkeiten außer Kraft setzen, manchmal gehören auch physikalische Gesetze dazu. "Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass eine Analphabetin im Soweto der Siebzigerjahre aufwächst und eines Tages mit dem schwedischen König und dem Ministerpräsidenten des Landes in einem Lieferwagen sitzt, liegt bei eins zu fünfundvierzig Milliarden siebenhundertsechsundsechzig Millionen zweihundertzwölftausendachthundertzehn. Und zwar nach den Berechnungen eben dieser Analphabetin", heißt es zum Auftakt der Geschichte.

Die Lektüre bleibt bis zu den letzten Zeilen immer spannend und unberechenbar. Nie war Fundamentalismuskritik lustiger, skurriler und eingängiger als in Jonassons Büchern. Mit Die Analphabetin, die rechnen konnte bleibt Jonasson seiner Linie treu, ohne sich zu wiederholen.


Bewertung:    



Helga Fitzner - 23. Dezember 2013
ID 7484
Jonas Jonasson | Die Analphabetin, die rechnen konnte
Gebundenes Buch
Pappband mit Schutzumschlag
448 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,50
Verlag carl's books, 2013
ISBN: 978-3-570-58512-2



Siehe auch:
http://www.randomhouse.de/Buch/Die-Analphabetin-die-rechnen-konnte-Roman/Jonas-Jonasson/e413995.rhd


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