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Rezension

John Banville - "Unendlichkeiten"

Roman
Kiepenheuer und Witsch 2012
ISBN: 978-3-462-04379-2


Auf ihre alten Tagen mischen sich die antiken Götter in John Banvilles Roman Unendlichkeiten noch einmal kräftig in die begehrlichen Geschicke der Menschen ein. Auffällig dabei ist an diesen Himmlischen vor allem ihre profunde Skepsis gegen jede Möglichkeit menschlicher Erkenntnis. Die Wahrheit, so möchte man mit Nietzsche sagen, ist für Banvilles Götter ein „Weib“, das zur Peitsche steht wie die Realität zum Denkvermögen. Denn ein „einziger unverstellter Blick auf die Totalität der Welt [würde sie, die Menschen - J. B.] augenblicklich vernichten, ganz so, als wehte sie ein Schwaden tödlichsten Faulschwammgases an“. Wenn selbst die Götter nicht länger an die Dignität der Erkenntnis und die Befreiung durch den Geist glauben, dann ist der Postmoderne nicht nur Tür und Tor geöffnet, sondern mehr noch: Dann schlägt ihr die letzte Stunde. Weshalb jener göttliche Skeptizismus ein Motiv der zu Ende gehenden Postmoderne ist, die sich ihrerseits den Relativismus auf die Fahnen schrieb – von der Antwort auf diese Frage handelt dieser schlaue und humorvolle Roman, an dessem Ende statt eines homerischen Gelächters ein verschlagenes hermetisches Glucksen stehen wird.

Während die Götter die trostlose Tristesse der Menschenwelt mit faden Blicken, amüsierten Schluckreflexen und abgebrühter Ironie begleiten, ist es einweilen ihr Bote Hermes, der übrigens nur von dem Hund Rex erkannt wird, der gemächlich erläutert, worin die banale Quintessenz des Göttlichen besteht: „Wir sehen all dies jeden Moment in seiner ganzen Schrecklichkeit, doch uns ficht es nicht an; das eben ist’s, was uns zu Göttern macht.“

Auch die Götter also sind den Gesetzen der Wirklichkeit ausgeliefert, nur bewegen sie sich in anderen Seinsregionen als die Menschen und erschaudern nicht vor den Schrecknissen – in dieser Hinsicht denkt Banville durchaus griechisch. Durch ihre bizarre Sterblichkeit indessen sind die Menschen bestens geeignet als Stoffe für die Komödien und Tragödien der Unsterblichen. Doch wenn nun den Menschen selbst ihre Geschicke gleichgültig werden und sie nicht mehr wissen, was für sie Bedeutung hat und was nicht, dann bedroht der zivilisatorische Niedergang nicht nur die menschliche Kultur, sondern auch das Leben der Olympier.

Ganz klassisch ist in diesem Roman die aristotelische Komposition der Handlung, sie wird in einer Einheit von Ort und Zeit erzählt, und so ereignet sich diese göttliche Komödie an einem einzigen Tag, in einem Haus mit überschaubarem Personal: Adam Godley liegt nach einem Schlaganfall im Sterben, die Familie, seine Frau Ursula, sein Sohn Adam und die Tochter Petra sind zugegen, um ihn vor seiner Reise ins Ätherische zu umsorgen. God-ley (!) ist Mathematiker und seine Theorie der Unendlichkeit brachte ihm Ruhm und Ehre in der Welt der Sterblichen, nicht so in jener der Unsterblichen. Jedenfalls scheint nicht nur der Göttervater, sondern auch der Autor Banville, der in diesem Roman die Rolle jenes alten Verführers einnimmt, die Wissenschaftlichkeit dieser mathematischen Theorie ins Lächerliche zu ziehen. Als Antithese zu Plancks „Relativitätsschwindel“ soll in der sogenannten „Brahmahypothese“ die gesamte Schöpfung aus dem zerlaufenen Dotter vom goldenen Brahma-Ei entstehen.

Banville vermag es, dem postmodernen Roman eine Nase zu drehen, indem er den klassischen Stoffen die Schärfe und Gravität nimmt und doch die Bedeutsamkeit ihrer Motive untermauert. Der metonymische Kern dieses weisen und komischen Romans gleicht einer homerischen Fuge und der Basso Continuo erinnert an den Kleist'schen Amphitryon. Wir erinnern uns, da ist von Jupiter die Rede, der in Gestalt des thebanischen Feldherrn Amphitryon zur Erde kommt, um eine Nacht mit dessen Gattin Alkmene zu verbringen. Auch jener Zeus in Banvilles Roman begehrt die schöne Helen, ihres Zeichens die Gattin von Godleys Sohn Adam, und dieser himmlisch kratzbürstige Liebhaber vermag gekonnt den Gemahl zu kopieren, auf dass er sie in Gestalt des jungen Gatten im Morgengrauen verführt oder sagen wir: missbraucht, ohne dass die Schöne auch nur ahnt, wer sie da in Händen hält.

Dass wir es bei Banville mit einem außerordentlichen Stilisten zu tun haben, ist keine neue Erkenntnis. Doch die Leichtfüßigkeit dieses Romans ist gemessen an den früheren Werken erstaunlich. Das psychologische Gespür, die Feinheit des sprachlichen Werkzeugs und diese irgendwie durchkomponierte gelassene Heiterkeit und entwaffnende Ironie machen diese Geschichte zu einer literarischen Kostbarkeit, etwa, wenn er die Sorgen Adams schildert, der um seine Ehe mit Helen bangt und natürlich weiß, dass das Scheitern einer Ehe immer mehr ist als nur das Ende einer Partnerschaft: „Wieder ergreift die Angst von ihm Besitz, dass seine Ehe scheitern könnte. Es gibt nichts Konkretes, nichts, worauf er zeigen könnte, so wie die große rote Hand dort drüben, die zeigt, wo es zu den Klosetts geht, er hat bloß im Verlauf des letzten Jahres gemerkt, dass sein Leben mit Helen immer unverbindlicher geworden ist, immer mehr an Substanz verloren hat. Mitunter schaut ihn Helen an, als würde sie nicht wissen, wer er ist. Dann spürt er, wie er unter ihren Blicken schrumpft, wie einer, dem man nachschaut aus dem Zugfenster und der zurückbleibt auf dem Bahnsteig, wenn der Zug sich in Bewegung setzt, erst langsam und dann immer schneller.“

Was die Postmoderne vergaß, Adam weiß um diese Kalamität: Die Thesen vom Verlust des Erzählers und der großen Stoffe, der Fragmentierung der Wirklichkeit bis hin zur Relativität der metaphysischen Begriffe - all dies spart jenes Moment aus, das wir mit Adam als den Motor unserer Existenz begreifen: Die unmittelbare affektive Bedeutsamkeit der Dinge. Dabei fürchtet Adam nichts so sehr wie den Verlust dieser Bedeutungen. Er weiß: Das Scheitern seiner Ehe wird über kurz oder lang einen Flächenbrand in seinem Leben auslösen, und die Keime dieses Nihilismus werden sich in die Poren seiner Existenz schleichen, solange, bis nichts mehr Wert für ihn hat und er keine Rührung mehr verspürt und seine faden Tage in göttergleichem Desinteresse verbringt. Das Zerbrechen dieser moralischen Struktur im Namen eines entfesselten Individualismus und einer rücksichtslosen Freiheitsideologie wird am Ende das eigene Selbstgefühl und den Sinn für Bedeutsamkeiten zerfressen.

Vielleicht also spiegelt sich in der Agonie des alten Mathematikers der komatöse Schlaf unserer späten menschlichen Kultur, über die sich die Götter stets ereiferten und belustigten. Doch jetzt ergreift uns eine allgemeine postmoderne Ermattung, und am Horizont wächst der Verlust der humanen Identität durch einen Hedonismus, der nur in Apathie enden kann. Wenn dies aber das Ende der Postmoderne einläutet, dann fehlt den Helden des Romans vor allem der Wille, überhaupt noch etwas zu wollen, weil es Wert hat, statt den Dingen nur deshalb Wert zuzuschreiben, weil wir sie wollen! Eine abendländische Dekadenz überstrahlt das Personal dieses Romans, das menschliche sowie das göttliche, denn nicht nur die Himmlischen, einst Archetypen des Humanen, sind von dieser schleichenden Apathie betroffen. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass Banvilles Roman ein Dokument des Endes der Nachmoderne darstellt: Zwischen dem Reich des Todes und des Lebens, der Sphäre der Göttlichen und der Menschlichen, erzählt der große irische Autor auf Nobelpreisniveau die Tragikkomödie des schwindenden menschlichen Lebens, denn die größte Furcht des sterbenden Adam Godley besteht darin, lebendig begraben zu werden.

Banville scheint mit Blick auf die abendländische Kultur genau diese Sorge zu teilen.


Jo Balle - 17. Juli 2012
ID 6093
John Banville, Unendlichkeiten
Aus dem Englischen von Christa Schuenke
Erscheinungsdatum: 16. Februar 2012
320 S., geb.
Kiepenheuer und Witsch
ISBN: 978-3-462-04379-2
Euro (D) 19,99 | sFr 28,90 | Euro (A) 20,60



Siehe auch:
http://www.kiwi-verlag.de


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