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Rezension

Gil Adamson - Hilf mir, Jacques Cousteau

Roman
C. Bertelsmann, 2012
ISBN 978-3-570-10072-1



Tiefseetauchen in seichten Gewässern

Hazels erstes bewusst erlebtes Weihnachtsfest findet unter der sengenden Sonne des Äquators statt. Da ist sie gerade auf der Überfahrt von Australien nach Kanada, der Heimat ihrer Eltern. Das Kleinkind hat da noch keine Vorstellung von dem, was sie erwartet: diese „Welt voller Kinder, die in qualvoll steifen Schneeanzügen herumwatscheln.“

Der etwas bizarre Auftakt lässt erahnen, dass es noch dicker kommt – tatsächlich ist die heranwachsende Hazel mit einer Familie geschlagen, die exzentrischer kaum sein könnte. Der Vater, ein Meteorologe und Hobby-Elektriker, „vermint“ gerne das Haus und hat das ausgeprägte Talent, Kinofilme und Feiern jeglicher Art zu verschlafen. Die Mutter geht für gewöhnlich in Strümpfen auf Parties und knallt gerne Türen zu, wenn auch nur aus überschüssiger Energie. Dann wären da noch der Großvater, der zum Leidwesen seiner Frau mit einem toten Hund auf dem Rücksitz seines Autos spazierenfährt, sowie die Onkel Bishop und Castor. Während der vielgereiste Bishop mit Vorliebe Seemannsgarn spinnt, veranstaltet der gut betuchte Castor zum Zeitvertreib Wettrennen mit seinen ausschließlich weißen Haustieren.

Dass sich bald schon Brüderchen Andrew zur Familie gesellt, ein Baby mit gesträubten Haaren und Zehen wie Maiskörnern, macht Hazels Leben nicht leichter. Das Mädchen muss sich zu allem Überfluss nicht nur mit verdächtigen Nachbarn herumschlagen, sondern auch mit allerhand Getier – wenn sie etwa zum Fische-Sitten im Haus nebenan verdonnert wird. Kleine Ausflüchte erlaubt sie sich gelegentlich; dann tagträumt sie im Schulunterricht, liest e.e. Cummings und schreibt Gedichte, die „von Eidechsen, Affen und Atombomben“ handeln. Damit ist sie beinahe Anwärterin auf eine Mitgliedschaft im Club der Loser: den Schachspielern und Hochwasserhosenträgern.

Gil Adamsons Protagonistin und Ich-Erzählerin Hazel liefert in Hilf mir, Jacques Cousteau einen frech erzählten, wenn auch etwas unbeseelten Abriss einer ebenso verkorksten wie wundersamen Kindheit und Jugend. Das 2009 erschienene Debüt der Kanadierin ist schwer einzuordnen: Zu fragmentarisch ist es, um als Coming-of-Age-Roman durchzugehen. Und auch wenn die Autorin niemals die Absicht gehabt hat: Die Idee hinter dem Buch wäre zu dünn, um zum Familienepos ausgewalzt zu werden.

Sicher, die Dichterin in Adamson versteht ihr Handwerk und hält in skurril-poetischen Momentaufnahmen den täglichen Wahnsinn eines nicht ganz durchschnittlichen kanadischen Haushalts fest. Doch als eigentliche Story will das Ganze nicht so recht funktionieren. Wer sich auf eine komplexe Handlung eingestellt hat, wird enttäuscht sein, eine Ansammlung lose zusammenhängender Anekdoten mit irritierenden Zeitsprüngen vorzufinden. Was die Welt der Erzählerin bewegt, sind in erster Linie die tragikomischen Ereignisse aus dem Alltag ihrer Familie. Deren Mitglieder sind allesamt mit Neurosen ausgestattet, wie sie bei Charakteren amerikanischer Sitcoms gut funktionieren, nicht aber in einem Erzähltext von rund 190 Seiten. Mit den Kurzauftritten der hysterischen Tante Odelia, die vor dem Traualtar in Ohnmacht fällt, oder des über den TV-Bildschirm schwimmenden Jacques Cousteau verleiht die Autorin zwar ihrer Liebe zum Kuriosen Ausdruck; der Leser hungert indes nach mehr Substanz.

Obendrein wird erst im letzten Drittel des schmalen Buches die Möglichkeit einer Krise angedeutet. Da sich an diesem Punkt noch immer keine Aussicht auf einen Plot einstellen will, wird die Lektüre zu einem eher ermüdenden Vergnügen. Dazu der Mangel an Verbindlichkeit: Die Autorin mag ihre Figuren bis zu einem gewissen Grad im Griff haben; doch der Kitt, der dem Familienleben ihrer Protagonistin fehlt, fehlt gleichzeitig auch der Erzählung selbst. Zu Gute halten muss man Adamson ihre Gabe, nie in süßlichem oder sentimentalem Ton von den Launen und Macken kanadischer Kleinstadtbewohner zu schreiben. Zweifellos verfügt die Autorin über eine feine Beobachtungsgabe; ihr Faible für Spleens und Abgründe macht einige ihrer Figuren durchaus zu sympathischen Geschöpfen. Dank der vielen schrägen Einfälle und lakonischen Dialoge liest sich das Buch außerdem recht flott.

So recht weiß man nach der Lektüre allerdings nicht, ob Hazels ungewöhnliche Kindheit nun langfristigen Schaden angerichtet oder eher sein Gutes gehabt hat. Details am Rande gewähren zwar kurze Einblicke ins Innenleben der Protagonistin; wirklich nahe kommt man der Person dadurch allerdings nicht. Das gleicht eher einer Abspeisung mit Fischfutter-Bröseln. Wenn die erwachsene Hazel beispielsweise eine seltsame Kindheit mit einem kleinen Trauma im selben Atemzug nennt, dann ahnt man, woher ihr Hang zum Morbiden rührt. „Ich lese von den Zeitungen immer erst die Titelseite, alles über Gewalttaten und Blutbäder“, sagt die junge Frau. Dennoch wartet der geduldige Leser vergeblich auf den Moment, in dem er der Ich-Erzählerin begegnet und ihre Handlungsweise nachvollziehen kann. Auf welche Art auch immer.

Hilf mir, Jacques Cousteau ist oft amüsant, bisweilen auch anrührend - aber nichts, was länger als ein Wochenende im Gedächtnis haften bleibt. Hazels turbulentes, aber irgendwie auch banales Leben als Kind und Jugendliche kennt man so oder ähnlich aus amerikanischen Export-Hits des Vorabendprogramms. Aus der Bahn wirft das einen nicht.


Jaleh Ojan - 18. Februar 2013
ID 00000006579
Gil Adamson - Hilf mir, Jacques Cousteau
192 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
ISBN 978-3-570-10072-1
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 21,90
C. Bertelsmann



Siehe auch:
http://www.randomhouse.de/Buch/Hilf-mir-Jacques-Cousteau-Roman/Gil-Adamson/e276973.rhd


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