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Rezension

Gaito Gasdanow | Ein Abend bei Claire

Roman
Hanser Verlag, 2014
ISBN 978-3-446-24471-9



Es war eine literarische Entdeckung erster Güte, im Jahre 2012 , als der Roman Das Phantom des Alexander Wolf des russischen Erzählers Gaito Gasdanow erstmals einem deutschen Publikum bekannt wurde. Spät, wenn man bedenkt, dass dieser russische Schriftsteller viele Jahre seines bewegten Lebens in Deutschland, genauer gesagt, in München verbracht hatte, wo er 1972 verstarb. Nach diesem gewaltigen Stück Prosa erscheint in diesem Frühjahr bei Hanser der Erstlingsroman Gasdanows Ein Abend bei Claire, von dem man gar nicht genug schwärmen mag und der den Autor nicht nur als einen Meister impressionistischer Sinnlichkeit, sondern vor allem als einen ausgezeichneten Kenner der Liebe ausweist. Von Stund' an nicht wegzudenken mehr im Ensemble großer europäischer Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts sei der Name Gaito Gasdanow!

Ein Abend bei Claire beginnt im selben melancholischen Tonfall wie Das Phantom des Alexander Wolf. Bei der Lektüre von Gasdanow ist es entscheidend, den sinnlichen Aspekt der Leselust in den Mittelpunkt zu heben: Denn darin besteht die Stärke auch dieses Romans, er macht schlichtweg Lust weiterzulesen, und doch ist es keine zurechtgeputzte, kantige Prosa, sondern weitschweifig und dynamisch und voller Schwung und Leidenschaft. Durchsetzt von spannender Reflexion. Gasdanow ist ein Erzähler, der es sich leisten kann, aufwendige gedankenpoetische Prosa zu formulieren, die den Leser Gefangen nimmt durch den verschränkten Blick in das Innenleben seines Protagonisten. Dabei erreicht er eine außerordentlich Qualität, sagen wir: eine poetische Dichte, denn die inneren und äußeren Lebenswege des Kolja Sossedow, dieses obsessiven Icherzählers, werden durch das Facettenauge eines dichtenden Insektes solange gebrochen bis Imagination und Realität ununterscheidbar geworden sind.

Claire, das ist die Angebetete von Kolja, der den kräftezehrenden Konflikt zwischen Bewusstsein und sozialem Sein mit dem Verlassen des Gymnasiums durch einen beherzten Beitritt zur Weißen Armee zu lösen sucht. Keine Überzeugungstat, wie der Erzähler durchblicken lässt, sondern die pure Verzweiflung, auch weil Claire, in die er sich in seiner ukrainischen Heimatstadt unsterblich verliebt hatte, unerreichbar für ihn blieb. Nun aber wirft ihn der Bürgerkrieg in eine neue Identitätskrise, er beobachtet teilnahmslos, weltentfremdet die Fronten zwischen Kommunisten und Nationalisten, wo keiner genau zu wissen scheint, weshalb er auf der einen oder der anderen Seite steht. So vieles schuldet sich schlichtweg dem Zufall, und so ist in diesem Roman das Schicksal, nicht die freie Entscheidung des Einzelnen, die agierende Macht, die den Lebenswandel formt. Von einer selbstbestimmten Identität des Individuums, geschweige denn des russischen Volkes, kann, so versteht man bald, keine Rede sein. Denn auch dies lernt man in Gasdanows luzidem Roman: die milde Skepsis gegen alle politischen Fanfarenstöße.

Nach der Revolution, den Kriegswirren, den Jahren der Odyssee in der Emigration schließlich geschieht es doch, viele Jahre später: Kolja trifft die Geliebte in Paris wieder, verbringt eine Nacht mit ihr, und diese Liebeszene gerät ihm zur Erinnerungsorgie, die Kolja zurück in die Kindheit, ins Russland der vorrevolutionären Zarenzeit treibt, wobei das Ende offen ist.

In diesem Roman wird die Liebe nicht zwangsläufig in die plane Alternative von Enttäuschung oder Erfüllung gepresst - der Erzähler kümmert sich nicht um Liebeserfolg oder Liebesscheitern, ja er nimmt mit stoischer Gleichgültigkeit die Wege der Liebe hin, und auch der Leser, wenn ihm die Lektüre glückt, sollte diese Frage am Ende als sekundär betrachten.

Ein Abend bei Claire ist der Debütroman des Russen, Gasdanow war 26 Jahre alt, als er ihn 1930 in Paris, der Stadt seines ersten Exils, verfasste. Der Text machte den Russen schlagartig berühmt. Es gibt noch viele Romane dieses wunderbaren Erzählers zu entdecken, vielleicht muss die russische Literatur des vergangenen Jahrhunderts nicht gerade neu geschrieben werden, aber bereichernd ist Gasdanows Prosa allemal, ein wertvolles literarisches Geschenk. Unvergesslich die Bilder, die fast zu atmen scheinen, jene klirrenden Winterabende in Sankt Petersburg oder die fast bukolisch anmutenden Impressionen von Sommernächten auf dem russischen Land, dieses ganz besondere intime Fluidum von innerem und äußerem Leben. Episoden, die im Gedächtnis bleiben, Stimmungsbilder, die in ihrer Eleganz und Bestimmtheit nachwirken. Und auch das sollte gesagt werden: Man wünscht sich unbedingt auch die anderen literarischen "Geschenke" dieses Autors in deutscher Übersetzung!

Die betörende Liebesgeschichte um Kolja und Claire endet in Sewastopol. In einer magischen Schlussszene lässt Kolja, der Exilant, seine Heimat für immer hinter sich, er hört die Schläge der Schiffsglocke, wie ein Totengeläut klingt sie in seinen Ohren, während Claire irgendwie noch immer oder immer noch oder schon wieder neben ihm schläft, es ist der Schlaf der Liebe, es ist der Wellengang der Frustrierten, es ist der Signalton der traumlos Umherirrenden, und so endet schließlich dieser berührende Roman: „Dieser Ton, der uns ständig begleitete, nur dieser Glockenton verband dank seiner langsamen, gläsernen Durchsichtigkeit die Feuergefilde und das Wasser, die mich von Russland trennten, mit dem stammelnden und sich verhaspelnden, mit dem wunderbaren Traum von Claire.“



Bewertung:    


Jo Balle - 14. März 2014
ID 7671
Gaito Gasdanow | Ein Abend bei Claire
Fester Einband, 192 Seiten
17,90 € (D) / UVP 25,90 sFR (CH) / 18,40 € (A)
Hanser Verlag, 2014
ISBN 978-3-446-24471-9



Siehe auch:
http://www.hanser-literaturverlage.de


Post an Dr. Johannes Balle



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