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Rezension

Gaia Coltorti | Die Alchemie der Nähe

Roman
Blessing Verlag, 2013
ISBN: 978-3-89667-507-1




Der Erstlingsroman von Gaia Coltorti, Die Alchemie der Nähe, erinnert an Vieles. Tatsächlich erweckt dieses Debüt einer 17 Jahre alten Frau den Eindruck, die Autorin habe sich bei einigen allzu bekannten Szenen und Motiven aus Literatur und Film bedient. Indessen, bei Coltori kann man geradezu lernen, dass es in der Literatur im Grunde überhaupt nicht um Originalität geht. Nicht einmal stilistische oder kompositorische Könnerschaft gibt den Ausschlag. Ob der Autor ein guter Handwerker des Erzählens ist - das ist zwar nicht gleichgültig, jedoch zweitrangig. Was zählt, ist nur, ob er es vermag, den Leser bei der Stange zu halten. Sieht man die Dinge so, bringt man nicht nur einige, sondern eine ganze Reihe von literarischen Meistern in Bedrängnis - wohlgemerkt: Jeder Leser ist anders, den einen fasziniert Laurence Sternes Tristram Shandy, den anderen Evelyn Waughs Wiedersehen mit Brideshead (übrigens ein umwerfender Roman, der diesen Herbst in einer ganz wunderbaren neuen Übersetzung den deutschen Buchmarkt bereichert). Schlicht gesagt und ohne intellektuelles Brimborium: Erschreckenderweise geht es am Ende nur darum, ob der Leser eine Geschichte auch zu Ende lesen will.

Nun kann man darüber nachdenken, warum dieser Roman diese Wirkung erzielt. Ich tippe auf den Faktor, dem man gerade in Erstlingswerken öfter begegnet: Eine kaum näher zu erklärende Direktheit und Offenheit. Vieleicht auch: Naivität. Coltortis Geschichte einer Geschwisterliebe jedenfalls rührt von der ersten Seite an, so dass man wissen will, wie sie endet - trotzdem man es bei Lichte besehen von Anfang an ahnt. Es handelt sich hier um diesen ganz besonderen Charme, der in die Knie zwingt. Man liest diese Szenen einer geschwisterlichen Verführung, als verstünde man endlich wieder, was Menschen zusammenhält und warum sie eines Tages unweigerlich wieder voneinander lassen werden.

"Verstehen heißt Zittern", sagte einst der geniale Harold Brodkey, und Recht hatte er. Etwas zu wissen - in Ordnung. Doch etwas zu verstehen - das hat eine eigene Dimension. Und so meint man jene "Alchemie" der Nähe, jenes Gesetz der Attraktion wieder einmal kurz zu verstehen, wenn man dieses Buch liest. Es ist etwas, sagen wir: Jugendliches, ohne damit sagen zu wollen, dass man nicht auch im Alter trefflich verführt werden kann. Aber das, was Verführung oder Verführtsein ausmacht, das ist irgendwie etwas "Junges" an uns, etwas ungeheuer Naives in einem sehr schönen Sinne, einem Sinn, dem auch der dekonstruktive und postmoderne Zeitgeist nichts anzuhaben vermag. Vielleicht lehrt uns deshalb die junge Coltorti, dass es überhaupt keine "reife" Liebe geben kann. Liebe erzeugt immer Irrationales. Und vor allem ist sie dies: Eine Bigotterie vor dem Körper des Anderen.

Der Körper hält auch die beiden Liebenden in diesem Roman zusammen, oder sagen wir: die Körperseelen der liebenden Tiere. Giovanni und Selvaggia, die beiden leiblichen Geschwister, die sich nach Jahren der Trennung ihrer Eltern kennen lernen, stehen als erwachsene "Kinder" voreinander und müssen sich als nun Geschwister annehmen. Doch dann passiert, was in der Gesellschaft noch immer ein Unding ist, ein Tabu und nicht passieren sollte: Sie lieben sich. Es wird am Ende ein veritabler Inzest werden, frevelhaft, kompromisslos, frei.

Der Roman Die Alchemie der Nähe sollte von jungen Menschen gelesen werden, nicht nur wegen der vorbildlich klaren Sprache, der geradlinigen Komposition, der überzeugenden Figurenrede, sondern vor allem aufgrund seiner moralischen und psychologischen Dichte, die sehr lehrreich ist, weil keine wohlfeile Antwort auf die Frage gegeben wird, was in solch einer Situation als moralisch "gut" oder "schlecht" zu werten wäre. Es ist schön sagen zu können: Die Alchemie der Nähe ist ein Buch, das man mit großem Gewinn liest. Und das am Ende Lust auf die nächste Geschichte der jungen Gaia Coltorti macht.

Jo Balle - 8. November 2013
ID 7347
Gaia Coltorti | Die Alchemie der Nähe
Gebunden, m. Schutzumschlag
368 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,50
Blessing Verlag, 2013
ISBN: 978-3-89667-507-1



Siehe auch:
http://www.randomhouse.de/Buch/Die-Alchemie-der-Naehe/Gaia-Coltorti/e437307.rhd


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