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Rezension

David Albahari - Der Bruder

Roman
Schöffling & Co. 2012
ISBN 978-3-89561-425-5



Angewandter Aristoteles

Die Manie großer Publikumsverlage, erzählerischen Texten, die länger als hundert Seiten sind, die Kategorie „Roman“ anzuhängen, ist ja nichts Neues. Sie lässt uns zu einem Buch wie Der Bruder des serbisch-jugoslawischen Schriftstellers David Albahari greifen und gaukelt uns vor, zwischen zwei Buchdeckel gepresst eine in sich abgeschlossene Handlung, eine von Harmlosigkeit umfriedete Erzählung vor uns zu haben.

Doch wer das glaubt, hat einen Fehlgriff getan. Albaharis Bücher sind nicht harmlos. Der Autor, Jahrgang 1948, hat über die Tragödie der jugoslawischen Juden im Zweiten Weltkrieg geschrieben (Götz und Meyer, dt. 2003) und über das schizophrene Leben in Belgrad während des Bosnienkriegs (Die Ohrfeige, dt. 2007). Seine Erzählungen, etwa in Die Kuh ist ein einsames Tier (dt. 2011), bewegen sich auf dem schmalen Grad zwischen Verzweiflung und Humor. Was für einen „Roman“ kann so jemand noch schreiben?

Da erzählt Filip, ein alternder, etwas weinerlicher Autor, der einmal mit dem Buch Das Leben eines Verlierers recht erfolgreich gewesen ist, einem namenlosen Ich-Erzähler von der Begegnung mit seinem Bruder Robert. Die Existenz dieses jüngeren Geschwisters war ihm zuvor völlig unbekannt. Bereits im ersten Teil, vor der eigentlichen Begegnung, quält sich die Erzählung durch lakonisch-theatralische Schilderungen vom Erhalten und Quittieren des Briefs, von der Vorahnung, ihn lieber nicht zu öffnen, Filips Gedanken und Selbstzweifeln im Moment der Erkenntnis etc. Wie eine Kafkaanwandlung ist die Wohnung eng und beklemmend mit Möbeln zugestellt. So eng wie der Text, der völlig ohne Absätze auskommt – und es ist eine große Erleichterung, dass der Verlag dem schmalen Band ein Lesezeichen beigegeben hat.

Der zweite – längere – Teil erzählt die Begegnung selbst. Die Satire, die man schon lange ahnt, wird hier beißend. Robert taucht auf, wie aus dem Nichts, eine Verwandtschaft scheint zu bestehen – und doch bleiben Fragezeichen. Es kommt zu Ausbrüchen, die u.a. das Diamanten-Kollier betreffen, für das er zu Zeiten der Studentenunruhen von den Eltern an einen nach Argentinien auswandernden Universitätskollegen des Vaters verkauft wurde, einen Juden, dessen Ehe kinderlos ist. „Verfluchte Eltern“ wird der Schlachtruf der Brüder, als sie alle Erinnerungsfotos zerreißen – und für den räsonierenden Filip beginnt die allmähliche, teilweise drastische Demontage seiner heilen Familienwelt.

Und irgendwann kommt auch Aristoteles ins Spiel, zumindest in das der Gedanken. Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?, fragte schon Thomas Bernhard. Bei Albahari scheinen noch viel mehr Spielarten der aristotelischen Poetik zu bestehen. Alles scheint möglich. Als am Ort ihres Treffens, Filips einstiger Saufkneipe „Brioni“, die sich inzwischen in ein feines Restaurant verwandelt hat, die feiernde Jeunesse dorée des neuen Serbien die beiden unverhofft Verwandten als ‚warme‘ Brüder anpöbelt, ahnt man das ‚klassische‘ Ende voraus. Es wird blutig sein – und die Katharsis auch für den Leser überraschend. Sie endet mit Filips vollkommener Desillusionierung. „Erst da erkannte ich, dass er sich wirklich verändert hatte“, stellt auch der Ich-Erzähler am Ende fest.

Die beste Wendung der Geschichte aber sollte man gar nicht preisgeben. Sonst könnte mancher Leser, der den immer wieder vorsichtig die Wirklichkeit abtastenden Erzählstil ermüdend findet, vor der Zeit schlapp machen. Es lohnt sich! Auf den 170 Seiten des „Romans“ ist der ganze Albahari zu haben: der Hader mit der Selbstgefälligkeit seiner Landsleute im Nachhall der Jugoslawienkriege – was als universales Phänomen angesehen werden kann –, die stete Auseinandersetzung mit seinem jüdischen Erbe, die Andeutung der Einsamkeit des Exils – in seinem Fall seit 1994 Kanada – und die große erzählerische Ironie, die gekonnt einlullt und unverhofft zuschlägt. Nur dass es hinterher eigentlich auch kein Entkommen gibt. Filip – und mit ihm, so bleibt zu hoffen, auch der Autor David Albahari – wird seine Geschichte neu erzählen müssen, so wie wir alle die Geschichte wieder und wieder umschreiben. Und natürlich wieder mit Aristoteles.


Patrick Wilden - 9. Dezember 2012
ID 00000006426
David Albahari, Der Bruder
Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann
Roman
Schöffling & Co., 2012
ISBN 978-3-89561-425-5
169 S.
19,95 Euro (D) / 20,60 Euro (A)



Siehe auch:
http://www.schoeffling.de


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