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Roman

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„Sein Vater hatte ihn mit dem Siebenstriemer eingebläut, dass seine Art, zu begehren, eine Sünde sei, eine himmelschreiende Sünde, vor Gott wie vor den Menschen ruchlos und unentschuldbar, eine frevelhafte Neigung, eine dämonische, satanische Lust. Er glaubte nicht mehr an Gott, war, seit er Heiligenstadt und das Elternhaus verlassen hatte , niemals wieder in der Kirche gewesen, aber der Glaube an eine höhere Kraft, an eine übergeordnete Macht, gleichgültig, ob man sie Gott oder Kosmos oder schlicht Natur nennt, war in ihm verwurzelt. Und ebenso hatte sich ihm seit seiner Kindheit eingebrannt, dass man nicht sündigen durfte, dass es Dinge gab, die nicht sein durften, die wider jede Moral waren. Wenn auch der Paragraph getilgt war, so lastete doch das Wissen um die eigene Sündhaftigkeit schwer auf ihm.“ (S. 218-219)


Es gibt sie, übergriffige Väter, die ihre Kinder als eine Art Eigentum betrachten, über das sie gottgleich verfügen und das sie nach Belieben formen können. Besonders schwierig ist es dann, wenn diese Väter auch noch als Lehrer die eigenen Kinder unterrichten und sie daheim auch noch körperlich züchtigen. Eine komplexe Hassbeziehung zum eigenen Vater spielt für den heranwachsenden Hauptprotagonisten in Christoph Heins Roman Verwirrnis (2018) eine tragende Rolle. Der 1933 im thüringischen Heiligenstadt geborene Friedeward möchte stets mustergültig und korrekt sein. Er fürchtet den eigenen Vater wie sonst nichts auf der Welt. Er ist der zweite Sohn und das jüngste Kind des Studienrates Pius Ringeling, der seine beiden Söhne als pädagogische Maßnahme regelmäßig mit einem Siebenstriemer, einem kurzen Holzstück, an dem sieben je achtzig Zentimeter lange Lederstreifen befestigt sind, auspeitscht. Sein Vater und Lehrer Pius pflegt auch aufsässige Schüler körperlich zu bestrafen, obwohl die Schulgesetze dies bald nicht mehr erlauben. Pius hat seine Grundsätze und sieht diese schmerzhafte Bestrafung als zwingenden Bestandteil einer bürgerlichen Pädagogik. Die Mutter der insgesamt drei Kinder, eine Krankenschwester, duldet die Erziehungsmethoden ihres Gatten.

Doch die eigenen Kinder tun alles dafür, um dieser machtvoll unterdrückenden Züchtigung entgehen zu können. Mit 18 Jahren heiratet die einzige Tochter Magdalena einen Witwer mit einem Kind, auch um der bedrückenden, von Gewalt geprägten Enge der Geburtsfamilie zu entkommen. Kurz darauf reißt der 16jährige Hartwig von zuhause aus. Hartwig schreibt eine Postkarte, die behauptet, er habe auf einem Schiff gen Amerika angeheuert, weil er die fortwährenden körperlichen Bestrafungen nicht in Ordnung fand. Zurück bleibt der Jüngste, Friedeward, auf den der Vater, der ihn auch als Lehrer in Deutsch und Englisch unterrichtet, fortan ein besonderes Auge hat. Erst als ein neuer Mitschüler in der Klasse Friedewards Aufmerksamkeit erregt und die beiden enge Freunde werden, sind Friedwards Gedanken nicht mehr so sehr von seiner Angst vor dem Übervater geprägt. Gemeinsam mit Wolfgang entdeckt er die erste Liebe, der ein bisschen eine radikale und unmittelbare Unbedingtheit der Jugend innewohnt. Obwohl beide sich sehr vorsichtig einander annähern und nur in Geheimen körperliche Annäherungen austauschen, ahnt Friedewarts Vater bald, dass die Beziehung zwischen Friedeward und Wolfgang von mehr als Freundschaft geprägt sein könnte. Mit aller Macht versucht er fortan jeden Kontakt des 17jährigen Sohnes zum 18jährigen Wolfgang zu unterbinden. Der fromme Katholik sinnt auf ein Einsehen des Vaters Wolfgangs, des örtlichen Kantors. Der Kantor, der seinen Sohn Wolfgang liebt, erkennt Pius verzweifelte Zerstörungswut und erweist diesem aus Furcht die Genugtuung, die Freunde zu trennen.

Es schmerzt, den Lebensweg Friedewards, mit einer Anpassung bis zur Selbstaufgabe und stets neuen Wundmalen - auch der Selbstkasteiung - im Roman mitzuverfolgen. Viele Jahre später sehen sich Wolfgang und Friedeward wieder und studieren alsbald teilweise sogar gemeinsam. Ihre Beziehung wird auf mehrere Proben gestellt, auch durch die Gründung der DDR und den Bau der Mauer. Es ist vor allem Friedeward, der von den Zusammenkünften mit Wolfgang sehr zehrt. Bis zum 11. Juni 1994 stellte der Paragraph 175 im deutschen Strafgesetzbuch sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Sowohl Wolfgang als auch Friedeward erwägen Scheinehen einzugehen, um die Eltern und konservative gesellschaftliche Ansprüche auch wegen eines möglichen beruflichen Aufstiegs zu befrieden. Friedeward trifft auf eine gleichaltrige Studentin, die ihre Beziehung mit einer Frau durch eine vorgespielte Liaison mit ihm verheimlichen möchte. Bald bringt Friedeward sie mit zu den Eltern.

Christoph Hein zeichnet seine Figuren treffend und entwickelt eine weitestgehend pointierte Storyline, die jedoch insbesondere Friedewarts Karriereweg als Germanist und Hochschuldozent nur bedingt realitätsnah erscheinen lässt. In Verwirrnis gibt es immer wieder Überraschungsmomente, weil die Charaktere auf mögliche Entwicklungen oft anders reagieren, als erwartet. Als eine der Stärken des Romans darf auch hervorgehoben werden, dass ein sehr deutliches Bild davon gezeichnet wird, wie facettenreich eine stets geforderte und vorgelebte Heteronormativität bei sexuellen Minderheiten Angst, Verzweiflung und Unfreiheit fördern kann:


„Die beiden Paare lebten ihre Liebe im Verborgenen. Zu viert ging man aus, besuchte gemeinsam die Mittwochsvorlesungen im Großen Hörsaal, saß zusammen im Café oder im Kino. In der Öffentlichkeit hielt man sich zurück, sie gingen nicht Arm in Arm, tauschten keine Zärtlichkeiten aus. Sie achteten streng darauf, sich nicht zu verraten, kontrollierten sich unablässig, jede Geste, jede leichthin gemachte Bemerkung konnte Verdacht erregen. Wenn sie unter sich waren, fiel die Anspannung von ihnen ab, sie gingen freimütig miteinander um, neckten sich gegenseitig liebevoll, und scherzten gar darüber, wie sehr sie sich verbiegen mussten, um ihre Mitmenschen nicht zu verstören. Doch so leicht und locker, wie sie in ihren vier Wänden auch über sich selber zu scherzen vermochten, so war es, wenn sie ihre Wohnungen, ihre Studentenbehausungen verließen, geboten, sich in einen Mantel von Gutbürgerlichkeit zu hüllen. Der Staat drohte mit Strafe, die Universität konnte eine Abweichung nicht hinnehmen, die Straße, die Kneipe, die Nachbarn, die ganze Stadt würde sie nicht weiter dulden.“ (S. 147)


Ansgar Skoda - 4. Dezember 2018
ID 11086
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