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Rezension

Christopher Clark | Die Schlafwandler

Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog
DVA, 2013
ISBN: 978-3-421-04359-7




Es gibt diese Berichte von den weihnachtlichen Pausen im Stellungskrieg des Ersten Weltkrieges. Feinde, die sich noch Stunden vorher gegenseitig bedingungslos und brutal abschlachteten, feiern gemeinsam in einer Feuerpause das Fest des Friedens. Zwischen den Schützengräben. Sie stehen und plaudern und tanzen und trinken und singen - tatsächlich, Freund und Feind! Momente wie diese sind skurril, ja absurd. Dabei sind es lediglich grundmenschliche Impulse, die hierbei offen zu Tage treten und die verdeutlichen, was es heißt, in Zeiten höchster Aggressivität zu überleben. Gewalt, so einfach es klingt, ist wohl immer nur die Kehrseite einer extremen Sentimentalität. Das warme Gefühl schlägt jäh in sein Gegenteil um. Die behagliche Befindlichkeit entlädt sich leicht in jenem barbarischen Gemetzel, als das sich heute der Erste Weltkrieg vor allen Dingen darstellt. Ein dämonischer und blutrünstiger Husarenritt der Völker. Die soziale und kulturelle Komplexität und Dignität, die der Nährboden dieses ersten fatalen Rückfalls in die Barbarei war, entpuppt sich als dialektische Kehrseite einer kollektiven Besinnungslosigkeit.

Schwer zu sagen, ob es sich bei diesem Buch tatsächlich um ein "Meisterwerk" der Geschichtsschreibung handelt. Oft war davon die Rede. Tatsächlich ist die These vom Meisterwerk nicht ganz von der Hand zu weisen. Auch wenn es übertrieben klingt. Dennoch: Es geschieht selten, dass man aus einem Buch so viel Neues über ein scheinbar altbekanntes Sujet erfährt. Das ist, ein wenig straff formuliert, immer auch das Charakteristikum einer wissenschaftlichen Pionierleistung: Etwas längst Vertrautes mit anderen Augen sehen zu lernen. Ob Christopher Clarks Buch Die Schlafwandler dies erreicht - darüber lässt sich streiten. Eines jedenfalls ist sicher: Dieses Buch über den Anfang des Ersten Weltkrieges verändert seinen Leser. Wohlgemerkt, es verändert nicht notwendigerweise das, was der Leser über diese Zeit denkt, sondern es verändert den Leser. Keine allzu gewagte These, denn Clark vermag die Ursachen dieses Albtraumes wissenschaftlich genau darzustellen. Was man dabei versteht, ist dies: Die Irritation des Individuums in Anbetracht der sozialen und politischen Komplexitäten erzeugt eine sentimentale Überforderung, die eine verlässliche Quelle der Grausamkeit darstellt.

Die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts ereignete sich im Juli und August 1914, ein Supergau, der Europa nachhaltig veränderte, und zwar mehr als nur geografische Landkarten: Es waren moralische Landkarten, die (bis heute) verschoben wurden. Clark erläutert in seinem Buch, wie der erste Massenkrieg, wenn man so sagen darf, ausbrechen konnte. Die Schlafwandler wecken uns Schlafwandler aus unserem Wolkenkuckucksheim, in dem wir behaglich vegetieren. Eine Tragödie wie 1914 wäre, das wird klar, auch heute ganz und gar möglich. Man erkennt leicht, dass wir uns stets nur einen Hauch von der Katastrophe entfernt befinden, ein Bürgerkrieg, eine Abhöraffäre, Rangeleien um Öl, Kollateralschäden hier oder dort - und schon könnte sich aus dieser Lunte ein Flächenbrand entwickeln, so wie eben damals, als der Erste Weltkrieg aus heiterem Himmel über Europa hereinbrach. Heute indessen wären die Langzeitfolgen für den Globus nicht auszudenken.

Es sind vor allem die unterschätzten regionalen Brandherde, die sich zu Flächenbränden entwickeln können. So Clark. Die Mischung aus Einfältigkeit und Größenwahn - dem Wahn zu denken, man überschaue die endlose Kette möglicher Kausalitäten, das alles könnte dafür sorgen, dass die Dinge ihren Lauf nehmen. Schauen wir uns also das Szenario von 1914 an.

Nachdem der österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo ermordet wurde, erkannten die beteiligten Großmächte die dräuende Feuersbrunst keineswegs. Die Misere begann schon deutlich früher: Die Erschießung des serbischen Monarchen Alexander durch putschende Offiziere elf Jahre zuvor in Belgrad legte die erste Lunte. Serbien kam (bis heute) nicht mehr zur Ruhe. Es entstand das panslawistische Untergrundnetzwerk „Schwarze Hand“, das sowohl das Militär als auch weite Teile des Staates kontrollierte. Auch der Attentäter von Sarajevo, Gavrilo Princip, war eine Marionette der "Schwarzen Hand". Hinter Serbien nun stand fatalerweise Russland. Der Zar verband handfeste Interessen mit dem Balkan. Vor allem war ihm die Prädominanz der Habsburger ein Dorn im Auge, schließlich ging es darum, an den Dardanellen die geopolitische Vormachtstellung zu erlangen. Als im Jahre 1912 Belgrad das Osmanische Reich, geschützt durch den russischen Zaren, attackierte, fielen deren europäische Provinzen in die Hände der balkanischen Völker, was auf dem Fuße folgend eine Verteilungsfehde unter den Siegern generierte. Der nachfolgende Balkankrieg konnte erst durch eine Konferenz der europäischen Großmächte beendet werden.

An dieser Stelle nun kommt die Grande Nation ins Spiel! Deren Erzfeind, seinerseits flankiert durch England und Russland, soll in Schach gehalten werden. Sollte Österreich-Ungarn nach dem Balkankrieg Serbien jedoch den Krieg erklären, würde, so versichert Frankreich, der Bündnisfall eintreten, was wiederum die Deutschen zur Allianz mit den Habsburgern zwingen würde. Tatsächlich geschah es so. Nach Sarajevo befindet sich ganz Österreich in nationalem Furor, doch die Habsburger Monarchie zögert, versichert sich zunächst der Rückendeckung durch den deutschen Kaiser. Der Blankoscheck wird prompt erteilt. Österreich stellt Serbien daraufhin das Ultimatum: Belgrad soll Österreich helfen, das Attentat restlos aufzuklären. Eine windelweiche Forderung, offen gestanden. Wochen später, nichts ist geschehen, erreicht aus heiterem Himmel ein Telegramm aus St. Petersburg Serbien, woraufhin das Ultimatum abgelehnt wird. Nun also konnte der Krieg beginnen!

Für Clark ist klar, dass die europäischen Diplomatie die Gemengelage, einfach aufgrund ihrer Komplexität, nicht zu durchdringen vermochte. Man erwartete einen neuerlichen regionalen Brandherd, kaum aber konnte man sich vorstellen, dass es ein alles zerstörender Flächenbrand werden würde. Der deutsche Kaiser war eher gelangweilt als in Rage. Er telegrafiert optimistisch seinem Cousin, dem Zaren Nikolaus, den er freundlich "Nicky" nannte, er solle doch die Mobilmachung zurückzupfeifen. Der aber wollte seinem "Willy" in diesem Punkt leider nicht entgegen kommen.

Clark bestreitet die allgemein akzeptierte These - des aus Deutschland emigrierten Historikers Fritz Fischer - an der Alleinschuld des Deutschen Reiches. Für ihn sind alle beteiligten Staaten gleichermaßen schuld an jenem komplexen Kriegsprozess, der schon Jahre klammheimlich auf dem Balkan begonnen hatte. Vielleicht nun ist an diesem Buch nicht so sehr entscheidend, ob die Kriegsschuldfrage neu beantwortet werden kann, vielmehr begeistert Clarks Erzählkunst und seine extrem dichte und erhellende Darstellungsweise. Die Schlafwandler ist ein überaus lehrreiches, ein wichtiges Buch. Jeder, der mag, kann darin lesen, wie es kommen konnte, dass ein Kontinent der Barbarei verfiel. Und jeder, der mag, kann daraus seine Konsequenzen ziehen.

Jo Balle - 5. November 2013
ID 7330
Christopher Clark | Die Schlafwandler
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz
Gebundenes Buch m. Schutzumschlag
896 Seiten, 15,0 x 22,7 cm, m. Abbildungen
€ 39,99 [D] | € 41,20 [A] | CHF 53,90
DVA 2013
ISBN: 978-3-421-04359-7



Siehe auch:
http://www.randomhouse.de/Buch/Die-Schlafwandler-Wie-Europa-in-den-Ersten-Weltkrieg-zog/Christopher-Clark/e272295.rhd


Post an Dr. Johannes Balle



 

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