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Rezension

Stefan Merrill Block - Aufziehendes Gewitter

Roman
Piper 2012
ISBN 978-3492054539



Und noch einer flog über das Kuckucksnest

Die Familienidylle der Merrills zerbricht, als an einem Sommerabend im Jahre 1962 der Vater Frederick wegen Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet wurde. Um einer Anklage zu entgehen, wird er in die Bostoner Privatklinik Mayflower Home eingeliefert, wo er sich ein bisschen ausruhen soll. Doch wann er davon genug hat, entscheidet nicht mehr er selber, sondern der leitende Arzt. Zunächst versucht Frederick tatsächlich, die ihm geschenkte Zeit zu nutzen, um dieser undurchsichtigen Dunkelheit, die ihn manchmal einhüllt, auf die Schliche zu kommen, doch im Kliniktrott zwischen der Umnebelung durch Beruhigungstabletten und der Überschwänglichkeit so manch anderer Insassen will ihm das nicht richtig gelingen. Als dann die Klinikleitung wechselt und der erfolgsorientierte Psychoanalytiker Canon das Sagen bekommt und die Strukturen der Behandlung komplett umstellen will, wird das nicht nur für Frederick schwerwiegende Konsequenzen haben. Und während all dieser Wochen und Monate versucht seine Frau Katherine daheim, ihre Familie zusammenzuhalten, den Töchtern Zuversicht zu spenden und das Ansehen der Familie im oberflächlichen Vorstadtleben Neuenglands zu wahren. Dabei scheinen die aufkeimenden inneren Dämonen der Hausfrau manchmal gar nicht so unähnlich der ihres Mannes.

Aufziehendes Gewitter ist Stefan Merrill Blocks zweiter Roman und der Versuch, seine Familiengeschichte, die von seiner Großmutter stets für sich behalten wurde, in einer Art fiktionalisierten Memoiren aufzuarbeiten. Bei der Lektüre wird schnell deutlich, dass geistige und Gesundheit und Krankheit viele Graduierungen kennen und die Trennlinie dazwischen oftmals unscharf und strittig ist. Zudem schwankt man ständig zwischen Mitleid – mit Frederick, mit Katherine – und Wut. Letztere richtet sich, je nach Situation, ebenfalls sowohl auf Frederick, als auch auf Katherine, aber vor allem auf Dr. Canon, welcher sich zusehends selbst als ein alternder, hilfsbedürftiger Mann präsentiert.

Während einem seiner Versuche, nicht endgültig den Verstand zu verlieren, wird Fredericks Bemühen wie folgt beschrieben:
„Er will die Zeit, die er hier eingesperrt verbringen muss, in eine schöpferische Erfahrung verwandeln, er will jeden bedeutungslos verstreichenden Augenblick einfangen und die Kunst darin finden. […] Aber wie findet man eine Geschichte darin, in diesen Augenblicken, die einfach nur weiter verstreichen? Wie macht man aus all diesen bedeutungslosen Tatsachen etwas Bedeutungsvolles?“ (S. 85)

Es ist nahezu tröstend zu lesen, wie wenigstens der Enkelsohn es letztendlich schafft, diese scheinbar sinnentleerten Augenblicke in einen sinnreichen Roman zu verwandeln. Dieser reiht sich problemlos ein in die Riege von Büchern wie Ken Keseys Welterfolg Einer flog über das Kuckucksnest oder dem autobiografischen Werk Susanna Kaysens, Girl, Interrupted. Dennoch ist Aufziehendes Gewitter kein Roman über psychische Krankheit, sondern über Menschlichkeit sowie Freiheit und Selbstbestimmung innerhalb gesellschaftlicher Normen und Zwänge. Somit schreibt Stefan Merrill Block nicht nur über die Zustände in psychiatrischen Kliniken in den 60er Jahren, vielmehr schreibt er über Momente der Entscheidung sowie Verantwortung und wirft Fragen auf, die zeitlos sind.

Lisa Krawczyk - 1. September 2012
ID 6177
Stefan Merrill Block, Aufziehendes Gewitter
Originaltitel: A Storm at the Door
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Piper Verlag, März 2012
375 Seiten
Gebunden
€ 19,99 [D], € 20,60 [A], sFr 28,90
ISBN: 978-3492054539



Siehe auch:
http://www.piper-verlag.de





 

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